Geilenkirchen: Glaskunst aus Bauchemer Kirche soll in den Abfallcontainer

Geilenkirchen: Glaskunst aus Bauchemer Kirche soll in den Abfallcontainer

Wenn man singen könnte, wäre es jetzt an der Zeit, ein kleines Requiem anzustimmen, oder besser gesagt, schon mal die Tonlage einzuüben, denn ganz tot ist die Kirche St. Josef in Bauchem ja noch nicht. Die Abrissbirne wird voraussichtlich im März oder April kreisen und die Kirche in Trümmer legen - samt ihrer schönen Fenster.

So bedauerlich der Abriss sein mag, er gibt neuen Wohnungen für ältere Menschen Raum. Und dieser Wohnbedarf sei groß, erklärt Hanno Frenken, Geschäftsführer der gemeinnützigen Franziskusheim GmbH. Jetzt öffnet er noch einmal die schwere Kirchentür und gestattet Fotoaufnahmen der Kirchenfenster.

Hanno Frenken sieht nicht glücklich aus. Ihn freuen die schönen Fenster, und ihn kümmert der Tag, an dem der Abrissbagger die Fenster unwiderruflich zerstören wird. Der weltbekannte Glaskünstler Ludwig Schaffrath hatte in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten Mathias Kleuters aus Aachen den Kirchenraum gestaltet. Als die zwei Männer 1974 an ihr Werk gingen, ahnten sie sicherlich nicht, dass das, was sie mit Sachkenntnis und Gestaltungskraft schufen, keine 50 Jahre überstehen würde. Nach dem Abriss des Immerather Doms vergangene Woche gehen bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit wertvolle Kirchenfenster verloren.

Bemühungen fruchteten nicht

Sicherlich zeigt der Beton der Kirche Mängel. Die Sanierung wäre extrem teuer geworden. Der Versuch, zumindest die Kirchenfenster zu retten, scheint gescheitert zu sein. Hanno Frenken übernahm die Schlüsselgewalt, als der Zug eigentlich schon abgefahren war. Den Gedanken, die Fenster in den Neubau zu integrieren, habe man aufgeben müssen, so Frenken. Sie entsprachen nicht den Ideen und Erfordernissen modernen Bauens. Sie hätten wohl nur sehr kostentreibend und am Ende vielleicht auch deplatziert zu einem Teil des Neubaus werden können.

Die Firma Dr. H. Oidtmann & Cie., Linnicher Kunstanstalt für Glasmalerei und Kunstverglasung, hatte die Bauchemer Schaffrath-Fenster in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler angefertigt. Heinrich Oidtmann: „Es ist schon traurig, dass die Fenster nicht erhalten werden können. Die Fenster sind erstklassig, die hat der Schaffrath fantastisch hingekriegt.“ Oidtmann bedauert, dass die gemeinsamen Bemühungen mit dem Bistum Aachen, einen neuen Standort für die Fenster zu finden, nicht fruchteten.

Der Altar von St. Josef in Bauchem befindet sich bereits im Schönstattzentrum Puffendorf. Zu den beiden Glocken sagt Hanno Frenken: „Der Glockensachverständige des Bistums hat sie sich angeschaut. Die Glocken werden wohl einen neuen Platz in einer anderen Kirchengemeinde bekommen.“ Die Schaffrath-Fenster werden ihren Platz im Altglascontainer finden.

Dirk Tölke, Kunsthistoriker aus Aachen, kannte Ludwig Schaffrath gut. Über fünf Jahre hinweg hat er mit dem Glaskünstler, der 1924 in Alsdorf geboren wurde und 2011 in Bardenberg starb, Interviews geführt. Tölke: „Innerhalb der Glasmalerei der Moderne war Ludwig Schaffrath ein Spezialist für die architekturbezogene Glasmalerei.“ Seine Lehrtätigkeit von 1975 bis 1988 sowie 1997 in England, Amerika, Australien, Japan und als Professor für Glasmalerei an der Stuttgarter Akademie für Bildende Künste von 1985 bis 1993 habe weltweit Künstler für die Möglichkeiten einer architekturbezogenen Glasmalerei begeistert. Ludwig Schaffraths Tochter, Ulla Schaffrath-Busch, führt heute noch gerne durch das Atelier ihres Vaters in Alsdorf.

Der Förderverein „Schaffrathhaus — Kultur im Atelier“ erhält die Atelierräume, wie Ludwig Schaffrath sie zurückließ. Vor den großen Atelierfenstern mit dem schönen Blick auf die großen Bäume im Garten steht die letzte von Ludwig Schaffrath vor seinem Tod angefangene Arbeit. „Die Fertigstellung hat mein Vater nicht mehr erlebt“, sagt Ulla Schaffrath-Busch. Die bunten Glasmuster auf der Fensterbank des Ateliers ergeben ein kleines Kunstwerk für sich. „Die Glasstreifen fotografieren wir, damit wir sie nach dem Staubwischen wieder an Ort und Stelle aufreihen können“, erzählt Schaffraths Tochter mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln. Ihre letzte Information zu den Glasfenstern von St. Josef in Bauchem war, dass das Bistum die Fenster ausbauen, einlagern und gegebenenfalls in einer Kirche in der Eifel wieder einsetzen würde. Daraus wird wohl nichts werden. Auf Anfrage erklärt das Bistum Aachen, nur der Eigentümer, nämlich die Franziskusheim gGmbH, könne die Frage nach dem Erhalt der Kirchenfenster beantworten. Das Bistum verweist darauf, dass die Kirche mitsamt der Fenster verkauft worden sei.

Fenster in Immerath gerettet

Die Kunsthistorikerin Annette Jansen-Winkeln betreibt in Mönchengladbach die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts mit angeschlossenem Depot, in dem bereits 600 Glasmalereien lagern. Sie muss tief durchatmen, wenn man sie auf die bevorstehende Zerstörung der Schaffrath-Fenster in Bauchem anspricht. Vor dem Abriss des Immerather Doms hatte sie mit ihrem Mann auf eigene Kosten 13 Fenster gerettet. In der Samstagsausgabe dieser Zeitung hatte Annette Jansen-Winkeln das Bistum kritisiert und ihm vorgeworfen, es tue zu wenig für sein kulturelles Erbe.

Jansen-Winkeln kämpft unermüdlich für ihr Ziel, der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts den Stellenwert zu verschaffen, der ihr zusteht. Über den apostolischen Nuntius in Berlin gelangte sie mit ihrem Anliegen bis nach Rom zur päpstlichen Kommission. Annette Jansen-Winkeln: „Von dort erhielten wir die Rückmeldung, dass man nur versuchen könne, bei den deutschen Bischöfen das Bewusstsein für den Wert der Glasmalerei zu wecken.“
„Bewusstsein wecken“ ist ein schönes Stichwort für den Moment, in dem die Baggerschaufel in die Glasfenster bricht; dann ist es zu spät für die Schaffrath-Fenster in Bauchem. In Immendorf in der Kirche St. Peter, in der Kapelle des Franziskusheims Geilenkirchen, im Ü-Bad in Übach-Palenberg und einigen nicht weit entfernten Orten wie im Aachener Dom ist noch die Glasmalerei von Ludwig Schaffrath zu bewundern.

„Gemälde und Zeichnungen von Professor Ludwig Schaffrath“ war im März 2007 eine Ausstellung im Haus Basten betitelt, der es wohl auch nicht gelungen war, so viel Bewusstsein für die Qualität der Arbeit dieses Künstlers zu wecken, dass seine Werke der Nachwelt erhalten werden.

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