Geplantes Bürgerhaus sorgt für Streit in Geilenkirchen-Kraudorf:

Geilenkirchen : „Der Dorffrieden ist kaputt“: Wie ein Bürgerhaus das kleine Kraudorf entzweit

„Der Dorffrieden ist kaputt“, schimpft Christina Hennen. Sie gehört einer Gruppe von Anwohnern aus Kraudorf und Nirm an, die sich nach einer Dorfversammlung im März zusammengeschlossen hat und seitdem gegen ein geplantes Bürgerhaus kämpft.

Die acht Frauen starke Gruppe vertritt, wie sie selbst sagt, inzwischen 87 Bürger. Diese Zahl mag einem klein vorkommen, allerdings zählt Kraudorf gerade einmal 117 Einwohner und die angrenzende Ortschaft Nirm 151 Bewohner.

Am Mittwochnachmittag war eine Abordnung dieser Gruppe bei Bürgermeister Georg Schmitz, um ihm eine Unterschriftenliste gegen das geplante Bürgerhaus zu überreichen. Christina Hennen und ihre Mitstreiterinnen Beatrix Hötger-Schiffers und Karin Thieves befürchten, dass mit einem Bürgerhaus die Ruhe in dem idyllischen Ort erheblich gestört wird. Ein Bürgerhaus passt ihrer Meinung nach nicht in ein Naherholungsgebiet, in dem seltene und geschützte Tierarten wie Fledermaus, Eisvogel, Steinkauz, Eule und Feldhamster zu Hause sind.

„Die Idee, ein Bürgerhaus zu bauen, kommt aus den Reihen der Schützen, weil sie einen schicken und repräsentativen Schießstand wollen“, sagt Karin Thieves.

Bislang gehen die St.-Antonius-Schützen ihrem Sport auf dem Schießstand unter dem Dach der einzigen Dorfkneipe „Capitol“ nach. Eine Projektgruppe firmiere deshalb als Projektgruppe Bürgerhaus e.V. und habe das Vorhaben am 9. März in einer Bürgerversammlung vorgestellt. „Das war eine Maskerade, es geht ihnen nur um den Schießstand“, erklärt Karin Thieves weiter.

Die Frauen befürchten, dass das Bürgerhaus auf einer Streuobstwiese im Schatten der Kraudorfer Kirche errichtet werden soll. „Diese Wiese, für die uns der Kreis Heinsberg die Bäume geschenkt hat, haben wir im Wettbewerb ‚Unser Dorf hat Zukunft‘ einen Sonderpreis für ‚Dorf in der Landschaft‘ erhalten“, sagt Beatrix Hötger-Schiffers.

Christina Hennen sieht durch das Bürgerhaus auch Existenzen gefährdet. Auch ihre eigene. Sie hat die alte Schule gekauft und Ferienwohnungen eingerichtet. „Gäste aus 30 Ländern haben hier schon Urlaub gemacht, bei dem Lärm, den ein Bürgerhaus mit sich bringt, kommt doch keiner mehr.“ Auch Manfred Wolski, der mit seiner Frau Christina das „Capitol“ führt, hat erhebliche Bedenken.

Eigentlich wollte er das beliebte Vereinslokal, in dem auch Familienfeste stattfinden und der Stammtisch besucht wird, sanieren: Über dem Schießstand sollte ein neues Dach gebaut werden, die Toilettenanlagen sollten erneuert werden. Jetzt sagt er: „Wird ein Bürgerhaus gebaut, rechnet sich das nicht, meine Existenz wäre dann gefährdet.“ Thieves schimpft: „Eine Handvoll Männer will ihr Freizeitvergnügen mit Steuergeldern finanzieren. Das Heimatministerium, das die Maßnahme bezuschussen soll, und die Stadt Geilenkirchen sollen instrumentalisiert werden.“

Diejenigen, die Thieves eine Handvoll Männer nennt und Initiatoren des Bürgerhauses sind, ist der gemeinnützige Verein „Interessengemeinschaft der Pfarre Kraudorf“, das Sprachrohr aller acht Ortsvereine. Und deren Spitze kann die Kritik keinesfalls nachvollziehen.

Der Bau eines Bürgerhauses sei immer mal wieder aufgekommen, berichten Markus Motzkus, 2. Vorsitzender der Projektgruppe Bürgerhaus, Günter Heinrich, Vorsitzender der IG Pfarre Kraudorf, Hubert Braun, Vorsitzender der Projektgruppe Bürgerhaus, und Manfred Singer, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Pfarre Kraudorf. Diese Projektgruppe sollte feststellen, für welchen Nutzen ein Bürgerhaus errichtet werden soll, wo es gebaut werden kann und welche Kosten anfallen. Über das Ergebnis sollten die Bürger informiert werden.

Aktuell wurden die Pläne auch deshalb, weil das dringend sanierungsbedürftige Pfarrhaus kurzfristig vom Bistum abgestoßen werden soll und die 450 Einwohner der Dörfergemeinschaft Kraudorf, Nirm, Hoven, Kogenbroich, Zumdahl und Leerodt keinen öffentlichen Versammlungsraum oder Treffpunkt haben. Deshalb wird aus deren Sicht ein multifunktionales Bürgerhaus dringend benötigt.

Ein bereits ausgearbeitetes Nutzungskonzept sieht vor, dass das 300 Quadratmeter große Gebäude für Krabbelgruppen aus der Dörfergemeinschaft, für Jugendarbeit, für Seniorentreffs und als Jugend- und Vereinsheim genutzt wird. Das Pfarrarchiv, der Schießstand und das Pfarrbüro sollen hier ebenso untergebracht werden. Keinesfalls, so betonen die Verantwortlichen, soll das Bürgerhaus eine Konkurrenz für die Dorfwirtschaft „Capitol“ sein. Einen Ausschank soll es im Bürgerhaus nicht geben.

Das Argument des Lärms lassen die Planer ebenfalls nicht gelten, nur einmal im Monat soll das Bürgerhaus für private Feste vermietet werden. Alternativen zum geplanten Bürgerhaus gibt es laut Planungsgruppe nicht. Die Verantwortlichen betonen, dass der Naturschutz berücksichtigt wird, die Obstbäume trotz eines Neubaus stehen bleiben und weitere Nistmöglichkeiten geschaffen werden.

Auch wenn jetzt Kritik laut wurde, macht die Projektgruppe weiter: Eine Bürgerbefragung vom 7. April habe eine Zustimmung in Höhe von 78,9 Prozent ergeben. Von 204 Einwohnern hätten sich 161 für das Bürgerhaus, nur 23 dagegen ausgesprochen. 20 Bürger hätten sich enthalten. Und zur Förderung des Bürgerhauses hätten sich bereits nach kurzer Zeit mehr als 80 Mitglieder bereiterklärt, monatlich 20 Euro zu spenden.

Die Planer haben die Kosten für das Bürgerhaus mit 600.000 Euro für Bau, Grundstück und Außenanlage angesetzt. Sie hoffen auf eine Bezuschussung in Höhe von 250.000 Euro durch das neue Heimatministerium in Düsseldorf. Der Rest soll in Eigenleistung errichtet werden, so dass die Stadt Geilenkirchen keinen Cent bezahlen müsste.

Erste Gespräche mit der Bezirksregierung in Köln seien positiv verlaufen. Auch die Geilenkirchener Ratsfraktionen, denen man die Pläne vorgestellt hat, seien recht angetan gewesen.

Bürgermeister Georg Schmitz erklärte am Mittwoch: „Der Stadtrat hat zu entscheiden. Ich sehe der Sache gelassen entgegen.“ Eine Bauvoranfrage wurde bereits bei der Stadt Geilenkirchen gestellt.

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