Geilenkirchen: Geilenkirchener Klinik setzt Schrittmacher gegen Inkontinenz ein

Geilenkirchen : Geilenkirchener Klinik setzt Schrittmacher gegen Inkontinenz ein

Wenn Josef Wellersbrink (Name geändert) in die Stadt zum Einkaufen geht, hat er sich seine Strecke sehr sorgfältig ausgewählt und festgelegt. Für diesen Weg hat er sich einen Toilettenplan ausgearbeitet. Er kennt jedes mit einem WC ausgestattete Geschäft in der Stadt. Ein Täschchen mit Feuchttüchern und Windeln hat er immer dabei. Denn Josef Wellersbrink leidet unter Stuhlinkontinenz.

Mit diesem Problem steht Josef Wellersbrink nicht alleine da. „Etwa drei Prozent unserer Bevölkerung leidet unter Stuhlinkontinenz. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher, weil es sich immer noch um ein Tabu-Thema handelt. Manche Menschen leiden 20 Jahre an dieser Krankheit, ohne dass sie mit einem Arzt darüber gesprochen haben“, sagt Dr. Julia Faber, Oberärztin in der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Proktologie des Geilenkirchener St.-Elisabeth-Krankenhauses.

Oberärztin Dr. Julia Faber und Chefarzt Dr. Günter Haselow bieten spezielle Sprechstunden für stuhlinkontinente Menschen an. Foto: Udo Stüßer

„Dabei handelt es sich um eine starke Einschränkung der Lebensqualität. Es sind leidgeplagte Menschen, deren Alltag sich nur um ihre Krankheit dreht. 80 Prozent unserer Patienten haben bei ihrem ersten Gespräch mit uns geweint“, sagt die Chirurgin nach Treffen mit Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung unter schweren Depressionen und sozialer Isolation leiden.

Julia Faber berichtet von dem Patienten, der mit der Bahn fährt und dem plötzlich zum Entsetzen der Mitreisenden braune Brühe das Bein hinunterläuft. „Für den Mann werden die Minuten bis zu nächsten Haltestelle zu Stunden.“

Die Geilenkirchener Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Proktologie unter der Leitung von Chefarzt Dr. Günter Haselow hat nun ein neues Kapitel in der Behandlung von stuhlinkontinenten Patienten aufgeschlagen: Haselow und Faber haben ersten Patienten erfolgreich Schrittmacher ins Gesäß eingesetzt, der den Schließmuskel stimuliert, so dass er wieder arbeitet. Das Geilenkirchener Krankenhaus ist damit das einzige Krankenhaus im Kreis Heinsberg, das diese Leistung anbieten kann.

Überhaupt haben die Geilenkirchener Proktologen einen guten Ruf in der Region. Immerhin behandeln sie 1500 Patienten im Jahr, 500 Operationen pro Jahr stehen ebenfalls in ihrer Statistik. Als einziges Krankenhaus im Kreis Heinsberg haben Haselow und seine Kollegen eine Weiterbildungsermächtigung für angehende Proktologen. Das Geilenkirchener Krankenhaus ist zertifiziertes Darmkrebszentrum und Versorger der Dickdarmkrebspatienten in der Region.

„Wir möchten in Geilenkirchen die wichtigsten proktologischen Diagnose- und Therapieverfahren anbieten“, erklärt Haselow, der sich mit seiner Kollegin dem Tabu-Thema Stuhlinkontinenz mit einer neuen Operationsmethode widmet. Die Ursachen für das Krankheitsbild, so der Chefarzt, können vielfältig sein: neurologische Erkrankungen, Zuckerkrankheit, Geburtstraumata und Schließmuskelverletzungen können Gründe für eine später auftretende Inkontinenz sein. Im Laufe der Jahre werde, so erklären es beide Mediziner, der Muskel schlaffer, bis der Schließmuskel irgendwann den After nicht mehr schließen könne.

Alle Altersgruppen betroffen

Alle Altersgruppen seien betroffen, ältere Menschen allerdings häufiger als jüngere. Vor 20 Jahren habe man in Europa mit der Implantation von Schrittmachern begonnen. Was bisher aber mehr ein urologisches Thema gewesen sei, befinde sich seit fünf Jahren auch in der Proktologie im Aufwind.

„In einigen Krankenhäusern, die sich auf Proktologie spezialisiert haben, werden Schrittmacher bei Stuhlinkontinenz eingesetzt“, sagt Haselow. Auch er und seine Oberärztin wollten dieses OP-Verfahren für Patienten anbieten, denen Beckenbodengymnastik und Einläufe als herkömmliche Behandlungsmethoden nicht helfen. Die beiden Geilenkirchener Mediziner besuchten Operationskurse in Hamburg und haben zusammen mit dem auf diesem Gebiet sehr erfahrenen Professor Karl Matzel vom Universitätsklinikum Erlangen operiert.

Bisher haben Haselow und Faber gemeinsam vier Patienten mit Schrittmacher versorgt, in den nächsten Monaten sind weitere Operationen geplant. Die beiden Chirurgen sind „begeistert über die Ergebnisse der extrem risikoarmen Operation“. Faber: „Die Patienten fühlen sich, als habe man ihnen eine Riesenlast von den Schultern genommen. Sie lächelten, manche konnten ihr Glück nicht fassen“, sagt die Oberärztin. Künftig rechnen sie und Haselow mit 15 bis 20 Operationen im Jahr.

„Damit gehören wir dann zu den Häusern, die die meisten Schrittmacher gegen Stuhlinkontinenz einsetzen“, sagt der Chefarzt. Wichtig für die Behandlung dieser Krankheit sei eine große Erfahrung des Proktologen. „Man muss schon alle Untersuchungsmethoden beherrschen, um andere Erkrankungen auszuschließen, denn nicht jedem stuhlinkontinenten Patienten hilft ein Schrittmacher“, sagt der Chirurg und denkt dabei an den Patienten mit Darmvorfall: „Da würde ein Schrittmacher nicht helfen.

Da hilft nur eine teilweise Entfernung oder eine Fixierung des Darms“, sagt Haselow. Und: „Der Schrittmacher ist eine wunderbare Ergänzung für die Patienten, denen wir bisher nicht helfen konnten.“

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