Geilenkirchen: Weniger Ehrenamtliche in Flüchtlingshilfe

Flüchtlinge : Welle der Hilfsbereitschaft ebbt ab

Immer weniger Menschen engagieren sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Waren es vor zwei Jahren noch 90 Geilenkirchener, die sich als Pate, in Sprachkursen, in der Fahrradwerkstatt oder im Kleiderkarussell engagierten, so sind es heute nur noch rund 30. Und es gibt noch mehr Probleme.

Zuerst kamen die Russlanddeutschen, dann flohen die Menschen aus dem Kosovo und aus Albanien vor Hunger und Elend. Seit Jahren kommen die Opfer des Syrien-Krieges. Doch die Horrorgeschichten ausAleppo, die Berichte der Geflüchteten über Krieg und Verfolgung, über Vergewaltigung und andere Gräueltaten und die Fernsehbilder, die das Elend der Geflüchteten, die Trauer und die Angst der Menschen dokumentieren, sind weniger geworden. Was damit auch weniger geworden ist, ist die Bereitschaft, den hier Schutz suchenden Menschen zu helfen.

Waren es in Geilenkirchen vor zwei Jahren angesichts der großen Zahl von Asylbewerbern noch über 90 Ehrenamtler, die sich als Flüchtlingspate, in Sprachkursen, in der Fahrradwerkstatt oder im Kleiderkarussell engagierten, so ist die Zahl der freiwilligen Helfer mittlerweile auf unter 30 gesunken. Während die Flüchtlinge weniger geworden sind, ist auch die Ehrenamtswelle zurückgegangen. Und dabei ist gerade jetzt, in der zweiten Phase der Integration, jede Hilfe wichtig. Nach der Erstversorgung mit Flüchtlingsunterkünften, Sprachkursen und Plätzen für die Kinder in Kitas und Schulen stehen die Ehrenamtler vor neuen Herausforderungen: Nun geht es um die Wohnungssuche auf dem freien Markt, um die Anerkennung von Ausbildungs- und Berufsabschlüssen, um Hilfe im laufenden Asylverfahren und um Hilfe bei der Jobsuche.

„Integration ist ein langer Weg, der oft erst in der zweiten Generation gelingt. Man benötigt große Ausdauer und viel Verständnis für die Situation der Flüchtlinge und deren Kultur. Allerdings können andere Sprachen und andere Denkweisen auch für uns bereichernd sein. Wenn ich das vermitteln will, kämpfe ich oft gegen Windmühlen“, sagt Nicole Abels, Gemeindesozialarbeiterin der Caritas und Mitglied der Steuerungsgruppe des Runden Tisches für Flüchtlingsarbeit in Geilenkirchen. Und: „Nicht jeder kann oder will sich engagieren. Aber jeder kann dazu beitragen, dass der Geflüchtete sich angenommen fühlt, und sei es dadurch, dass ich ihm nicht mit Misstrauen begegne, sondern ein freundliches Lächeln zeige. Jeder, der sich angenommen fühlt, ist bereit, sich in der fremden Gesellschaft zu integrieren.“

Es sind nicht nur der Rückgang der Flüchtlingsströme und der Bilder in den Medien, die für eine emotionale Betroffenheit sorgen, die die Hilfsbereitschaft vor Ort zurückgehen lassen: „Die negative Stimmung in der Bevölkerung hat sich verstärkt. Gründe dafür sind oft Unwissenheit, Gerüchte und Falschaussagen“, hat Nicole Abels festgestellt. „Der Frust der Menschen, die wenig haben, ist oft spürbar. Sie glauben, dass die Flüchtlinge ihnen etwas wegnehmen“, sagt sie.

In dieser Situation wollen Nicole Abels und ihre Mitstreiter den hier lebenden Flüchtlingen ein Gesicht geben, für Verständnis werben und das negative Denken durch Erfolgsgeschichten reduzieren. Und davon gibt es genug in der mehr als 20-jährigen Geschichte des Runden Tischs für Flüchtlingsarbeit. Viele von ihnen befinden sich in einem festen Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis. Nicole Abels kennt die Flüchtlinge, die als Koch, Altenpfleger oder Hausmeister bei der Franziskusheim gGmbH arbeiten, sie hat die Begeisterung bei dem syrischen Bauern gesehen, der hier in Geilenkirchen Arbeit in der Landwirtschaft gefunden hat, und sie freut sich mit dem Iraner, der hier nicht nur einen Job gefunden hat, sondern sich auch im Bürgertreff ehrenamtlich engagiert. „Vor drei Jahren ist ein iranisches Mädchen nach Geilenkirchen gekommen und hat sofort einen Sprachkurs besucht. Jetzt steht die 18-Jährige kurz vor der Abiturprüfung und gibt Nachhilfeunterricht in Mathematik“, sagt Nicole Abels.

Sie kennt aber auch die Ängste von Menschen, die hier Arbeit und eine neue Heimat gefunden haben, die aber Tag für Tag Angst vor Abschiebung haben. „Viele von ihnen leben unabhängig von Sozialleistungen“, weiß die Gemeindesozialarbeiterin.

Abels kennt aber nicht nur die Menschen, die nach ihrer Ankunft in Geilenkirchen schnell Deutsch lernen und sich integrieren möchten, sondern auch die andere Seite der Medaille: „Es gibt auch die Flüchtlinge, die kein Deutsch lernen, die nicht arbeiten, und einige sind auch straffällig geworden.“

Waren es vor einigen Jahren noch weit über 300 Flüchtlinge aus mehr als 30 Nationen, die in Geilenkirchen lebten, so waren es im September 228 Menschen, die hier Schutz suchen. 94 von ihnen sind geduldet und haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus, 29 sind anerkannt, leben aber weiter in städtischen Unterkünften, weil sie auf dem freien Wohnungsmarkt keine Unterkunft finden. „Wir brauchen unbedingt mehr kleine Wohnungen, denn diese sind nicht nur bei Flüchtlingen, sondern auch bei Singles und Senioren gefragt“, sagt Nicole Abels.

Im Jahre 2016 hat die Stadt Geilenkirchen eine Antwort auf die drängende Frage gefunden, wie die immer größer werdende Zahl von Asylbewerbern untergebracht werden kann, und Unterkünfte für 120 Asylbewerber An der Friedensburg gebaut. Die kleinen Wohnungen sind nur für Familien gedacht. Während hier allerdings nur rund 50 Menschen leben, sind in der August-Thyssen-Straße in einem ehemaligen Kasernen-Gebäude über 50 alleinstehende Männer untergebracht. „Die Wohnform in der August-Thyssen-Straße trägt nicht zur gelungenen Integration bei. Hier leben 50 Männer aus unterschiedlichen Kulturkreisen, Nationen, Religionen, Sprachen und Bildungsständen zusammen. Da wohnen gut ausgebildete Asylbewerber mit Menschen zusammen, die gerade mal zwei Jahre die Schule besucht haben“, kritisiert Nicole Abels. Weiter sagt sie: „Sechs Männer in einem Zimmer, das kann nicht gut verlaufen, diese Unterbringungsform schreit danach, dass es kracht.“ Abels hat die Mitglieder des Stadtrates und der Verwaltung auf die Situation aufmerksam gemacht. „Aber ohne Ergebnis“, bedauert sie.

Dass man die Situation in der August-Thyssen-Straße entzerren kann, indem man einige dieser Männer in den leer stehenden Wohnungen An der Friedensburg unterbringt, sieht Geilenkirchens Beigeordneter Herbert Brunen nicht so. Die Unterkunft in der August-Thyssen-Straße sei nicht überbelegt. „Bei der Unterbringung müssen wir darauf achten, dass die Menschen zusammen passen. Wir müssen sehen, welcher Nationalität, welcher Religion und welchem Kulturkreis sie angehören, damit es friedlich bleibt“, sagt er. Außerdem sei die Zuweisungsrate nicht planbar. „Wenn die Unterkunft An der Friedensburg belegt wäre, hätten wir keinen Platz mehr für Familien. Viel größer ist das Problem der anerkannten Asylbewerber, die die städtischen Unterkünfte verlassen müssen und sich auf dem freien Wohnungsmarkt eine Unterkunft suchen.“

Bei all den ungelösten Problemen hoffen Nicole Abels und ihre Mitstreiter vom Runden Tisch auf größere Unterstützung seitens der Bürger.

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