Geilenkirchen: Camino-Ehrenamtler begleiten Sterbende auf letztem Weg

Begleitung auf dem letzten Weg : „Ein gelingender Abschied vom Leben“ ist das Ziel

„Wir können dem Leben nicht mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben geben“ – das ist der Hospizgedanke, nach dem auch die Hospizbewegung Verein Camino handelt.

40 Ehrenamtler kümmern sich in dem Verein um Sterbende und ihre Angehörigen. Eine Arbeit, die man nicht mit Geld bezahlen kann. Birgit Schirling ist ein fröhlicher Mensch. Sie lacht gerne und viel, und wenn sie erzählt, hört man ihr gerne zu. Das wissen auch ihre Freunde und Kollegen an ihr zu schätzen, es ist leicht, sich in ihrer Gesellschaft wohl zu fühlen. Dabei ist das, womit sich die 53-jährige Gangelterin beschäftigt, eher ein Thema, mit dem die meisten Menschen eher nicht so gerne in Berührung kommen. Birgit Schirling ist Sterbebegleiterin in der Hospizbewegung Camino. In ihrem Ehrenamt begleitet sie regelmäßig betagte oder kranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Manchmal ist sie selbst dabei, wenn sich die Augen eines von ihr begleiteten Menschen für immer schließen.

„Ein gelingender Abschied vom Leben macht Sinn“, sagt Birgit Schirling, die durch die Pflege eigener Angehöriger mit dem Thema Sterbebegleitung, oder Lebensendbegleitung, wie es die Mitglieder von Camino oft sagen, zum ersten Mal in Berührung gekommen ist. Dabei hat sie gemerkt, wie wichtig es ist, in dieser letzten Lebensphase nicht alleine zu sein, begleitet zu werden und vor allem jemanden zum Zuhören zu haben. „Natürlich ist es traurig, sich von einem Menschen für immer zu verabschieden. Aber wir profitieren mehr davon, als wir leiden“, sagt die Ehrenamtlerin. „Mein Gegenüber öffnet für mich das Schatzkästchen seines Lebens.

Ich erfahre viele Geschichten aus dem Leben des Menschen, über Kriegserlebnisse, Familientragödien, auch über unerfüllte Wünsche und Geheimnisse, die sich der Mensch von der Seele reden möchte.“ Bei Birgit Schirling sind diese Geheimnisse gut aufgehoben. Wie alle Ehrenamtlichen von Camino ist sie zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Das hilft den Menschen, sich zu öffnen. Wir sind so etwas wie ein lebendes Tagebuch, dem man alles anvertrauen kann. Und wir hören zu.“

Das Zuhören ist enorm wichtig

„Dieses Zuhören ist in der Begleitung von Sterbenden und ihrer Angehöriger ein ganz entscheidender Faktor“, weiß auch Gebriele Krumbach, Koordinatorin und neben einer Bürokraft die einzige Hauptamtliche des Vereins Camino. Sie tritt als erste mit den Sterbenden und ihren Angehörigen in Kontakt. „Ich fahre hin, schaue mir die Situation an und koordiniere die zur Verfügung stehenden Hilfen. Netzwerken ist ein wichtiges Thema, denn ich vermittel die Ansprechpartner, auf die es nun ankommt. Auch etwa Schmerzmediziner oder Pflegepersonal.“ Dann überlegt Gabriele Krumbach, welche Ehrenamtlerin oder welcher Ehrenamtler zu dem Sterbenden passt. „Und sie hat noch nie falsch gegriffen“, bestätigt Birgit Schirling. Krumbach: „Es ist wichtig, dass die Chemie stimmt. Man muss schnell auf Temperatur kommen, denn die Betroffenen haben nicht mehr viel Zeit, lange drumherum zu reden.“

Die Häufigkeit und Dauer der Treffen richtet sich vor allem nach der Dringlichkeit und nach dem jeweiligen Bedarf. In der Regel schenken die Ehrenamtler pro Woche ein bis zwei Stunden ihrer Zeit. Wenn sich der Zustand verschlechtert und der Tod näher rückt, aber auch mehr. Die Dauer der Begleitungen ist unterschiedlich. Es können zwei Jahre sein, manchmal sind es auch nur wenige Wochen oder sogar Tage. „Wir gehen aus jeder Begleitung anders raus, als wir reingegangen sind“, sagt Gabriele Krumbach. „Aber es profitieren beide Seiten, der, der geht, und der, der bleibt.“ Oft wird die Begleitung begonnen, wenn der Zustand noch stabil ist. Man verbringt gemeinsam Zeit und geht vielleicht einfach mal mit dem Rollstuhl in den Park. Von diesen gemeinsamen Erlebnissen kann man noch zehren, wenn sich der Zustand verschlechtert und gemeinsame Aktivitäten nicht mehr möglich sind. „Über die Zeit baut sich eine enge Beziehung auf. Ich lerne den Menschen wirklich kennen, auch seine Sorgen und Nöte“, sagt Birgit Schirling.

Am meisten Erfahrungen hat Birgit Schirling bisher in der Begleitung von sehr alten Menschen gemacht, die sich auf das Sterben vorbereiten. Aber auch viele Jüngere werden von Camino betreut, oft sind es onkologische Patienten. „Bei jüngeren Menschen, oder eben Menschen, die in meinem eigenen Alter sind, ist es anders“, sagt Schirling. „Hier wollte ich erst keine Begleitung übernehmen. Aber jetzt hatte ich doch eine Frau, die nur ein wenig älter war als ich.“ Diese Frau ist erst vor kurzem gestorben, und bisher hat sie noch keine neue Begleitung übernommen. „Der Tod von jüngeren Menschen berührt einen anders, weil dem Sterben dann noch kein langes und erfülltes Leben vorangegangen ist.“ Es braucht Zeit, um alles zu verarbeiten, das weiß auch Gabriele Krumbach. „Man kann nicht von einem Menschen zum anderen surfen. Darum warte ich immer auf ein Signal der Ehrenamtler, ehe ich ihnen eine neue Begleitung vermittele.“

Was die Ehrenamtler von Camino leisten, ist nicht mit Geld zu bezahlen. Dieser Satz ist wahr, lässt sich aber auch umdrehen. „Für Geld würde ich das gar nicht machen“, sagt Birgit Schirling. Denn es gehört eben das richtige Herzblut und die richtige Einstellung dazu, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Alle Ehrenamtler stehen fest im Leben, müssen sie auch, damit der Verlust sie trotz der persönlichen Betroffenheit nicht aus der Bahn wirft. Wer im Verein aktiv werden will, besucht zunächst einen Befähigungskurs, der ihn auf die Aufgabe vorbereitet. Es wird Fachwissen vermittelt, aber auch das nötige psychologische Rüstzeug weitergegeben, um mit der Situation des Sterbens klarzukommen. Außerdem besuchen die Ehrenamtler regelmäßige Fortbildungen und tauschen sich untereinander aus. Birgit Schirling: „Wir profitieren von den Erfahrungen des anderen. Wir sind aber kein komischer, morbider Haufen. Im Gegenteil, wir lachen gemeinsam und feiern gerne. Wenn wir zusammenkommen, passiert mehr als nur Smalltalk, denn wir alle kennen die Facetten des Lebens. Diese Arbeit macht einen reicher.“

Seit dem 1. Februar hat der Verein Camino neue Räume im Quartierzentrum Bauchem bezogen. Hier gibt es ein Büro und einen Besprechungsraum für Hospizgespräche, Vorträge und die Treffen der Ehrenamtlichen. Dass der Umzug so gut gestemmt werden konnte, ist auch Franz-Josef Breukers zu verdanken. Er ist seit einem Jahr der Vorsitzende des Vereins und gleichzeitig ehrenamtlicher Betreuer. „Die Aufgabe macht mir vor allem sehr viel Freude“, sagt Breukers. Und das muss sie wohl auch, denn er investiert neben seinem Beruf als Bankkaufmann enorm viel Zeit für den Verein. „Für mich als Vorsitzenden ist vor allem die Wertschätzung gegenüber den Ehrenamtlern wichtig. Man muss den Menschen Danke sagen und ihnen zeigen, wie wertvoll es ist, was sie leisten. Das kann zum Beispiel auch durch eine kleine Feier für die Helfer des Umzugs geschehen. So etwas ist für mich selbstverständlich.“ In diesem Jahr wird es auch erstmals eine gemeinsame Fahrt aller Ehrenamtler an die Nordsee geben. „Dies ist für uns eine Gelegenheit, uns noch besser kennen ulernen.“

„Camino“ sucht noch weitere Ehrenamtler

Momentan sind 40 Ehrenamtler im Verein Camino aktiv. „Es dürfen aber gerne noch 20 bis 30 mehr werden“, weiß Franz-Josef Breukers. Denn auch die Zahl der angefragten Betreuungen steigt. Im Jahr 2015 wurden 15 Sterbende von Camino begleitet, in 2018 waren es schon 70. Dieser Anstieg sei vor allem der engagierten Arbeit der Koordinatorin Gabriele Krumbach zu verdanken, versichtert Breukers. „Öffentlichkeitsarbeit ist das A und O, denn die Menschen müssen ja erst einmal wissen, dass es uns gibt und dass wir für sie da sind, wenn sie Hilfe benötigen.“

Ein Team, das sich gegenseitig stützt: Franz-Josef Breukers, Gabriele Krumbach und Birgit Schirlings stehen für 40 Ehrenamtler, die sich im Verein Camino um Sterbende und ihre Angehörigen kümmern. Foto: ZVA/Simone Thelen

Wichtig für alle Ehrenamtler ist ein ungeteiltes Interesse an den Menschen und an ihrer Lebensgeschichte. „Zuhören ist viel wichtiger als reden“, erklärt Birgit Schirlings. Der Anteil an Freunden und Bekannten nimmt im Laufe einer Krankheit oft ab. Darum sind die Menschen froh, wenn jemand kommt, mit dem sie reden können.“ Ein gut gemeintes „Soweit ist es ja noch nicht!“, das oft von den nahestehenden Personen kommt, sei wenig hilfreich. „Die Betroffenen wollen die Dinge beim Namen nennen und konkret sprechen. Dafür sind wir da.“

Auch für die Angehörigen sind die Ehrenamtler oft eine wichtige Stütze, denn es ist nicht leicht, einen Sterbenden zu begleiten und zu pflegen. Birgit Schirlings hat in dieser Aufgabe eine Art Berufung gefunden, und die Arbeit macht ihr viel Freude. Das spürt man auch, wenn man mit ihr redet. Der Umgang mit dem Sterben weckt in ihr viel Lebensfreude. Und die springt auch auf andere über. Ob man nun will, oder nicht.