150 Jahre Dernbacher Schwestern in Gangelt

ViaNobis in Gangelt : 150 Jahre im Sinne von Katharina Kasper

Im Jahr 1869 kamen drei Schwestern des Ordens der Armen Dienstmägde Jesu Christi nach Gangelt, um sich um die ambulante Krankenpflege zu kümmern. Heute ist das Kloster Hauptsitz einer Einrichtung mit 1900 Mitarbeitern.

„Am Fest des heiligen Erzengel Michael, 29. September 1869, kamen nach Gottes heiligen Willen drei Schwestern, arme Dienstmägde Christi, nach Gangelt.“ Mit diesem Eintrag in die Chronik beginnt die Geschichte einer Einrichtung, die sich von Beginn an um die Ärmsten der Armen kümmerte. Dass diese drei Ordensschwestern vor 150 Jahren nach Gangelt kamen, war allerdings nicht allein Gottes Willen zu verdanken, sondern ging auf eine Entscheidung von Maria Katharina Kasper zurück.

Sie hat den Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi am 15. August 1851 in Dernbach/Westerwald ins Leben gerufen und wurde 1978 von Papst Paul VI selig und im vergangenen Jahr von Papst Franziskus heilig gesprochen. Die drei von ihr entsandten Schwestern sollten sich, so ihr Auftrag, um die ambulante Krankenpflege und um die Erziehung der weiblichen Jugend in Gangelt kümmern.

1873 wurde die erste Kranke in dem kleinen Haus der Schwestern neben der Pfarrkirche, dem sogenannten Peulenschen Haus, aufgenommen. Ein Jahr später erbaute die Gemeinde an der Bruchstraße ein neues Haus, da der Bedarf an Krankenpflege gewachsen war. Der Schwerpunkt lag noch auf der ambulanten Krankenpflege. Allerdings war das Haus in den 70er Jahren schon durchschnittlich mit drei bis sechs Patienten, darunter erste Geisteskranke, belegt. Die eigentliche Ausrichtung auf den Bereich der geistigen Krankheiten erfolgte 1893.

Unser Bild zeigt das Kloster der Dernbacher Schwestern in Gangelt im Jahre 1909. Heute ist die ViaNobis an über 100 Standorten vertreten. Foto: vianobis

Die Katharina Kasper ViaNobis GmbH, sozusagen die Weiterentwicklung von Maria Hilf, mit Hauptsitz in Gangelt ist heute ein anerkannter Träger zahlreicher Angebote in der Behinderten- und Jugendhilfe, eines Ambulanten Pflegedienstes, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, einer Psychiatrischen Institutsambulanz, mehrerer Tageskliniken, Seniorenheime und Kindertagesstätten von der Städteregion Aachen bis zum Niederrhein mit rund 1900 Mitarbeitern in über 40 Berufen. An über 100 Standorten hängt das Schild von ViaNobis mit dem barmherzigen Samariter als Symbol an der Hauswand.

Im Laufe der 150-jährigen Geschichte ist die Einrichtung ständig gewachsen. „Einen großen Impuls gab es 1973, als der Landschaftsverband eine Behinderteneinrichtung von Kerpen nach Gangelt verlegte. 120 behinderte Menschen lebten von nun an bei uns“, erinnert sich Dieter Erfurth, von 1979 bis 2014 Verwaltungsdirektor der Gangelter Niederlassung der Armen Dienstmägde Jesu Christi.

Einen zweiten großen Impuls gab in jenen Jahren der damals noch neue Chefarzt Dr. Martin Stoltenburg. Er wollte nicht nur frühkindliche Hirnschädigungen behandeln, sondern in einem Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie eine Akut-Psychiatrie einrichten und ausbauen. In dem 1975 errichteten Krankenhaus standen 56 Betten für die Akut-Psychiatrie zur Verfügung, auf dem weitläufigen Gelände an der Bruchstraße hatten mittlerweile 420 behinderte Menschen ihr Zuhause gefunden. Betreut wurden sie von 220 Mitarbeitern und rund 30 Ordensschwestern, die in jener Zeit allesamt eine gute Ausbildung bis hin zum Hochschulstudium vorweisen konnten.

„Damals haben wir händeringend Mitarbeiter gesucht, wir haben manche Frauen zu Hause aufgesucht, um sie davon zu überzeugen, bei uns zu arbeiten. In Kursen haben wir sie qualifiziert und ihnen medizinische und pädagogische Kenntnisse vermittelt. Das Personal war für uns immer schon ein begrenzender Faktor“, blickt Erfurth zurück.

Bis etwa 1980 lebten Menschen mit einer Behinderung mehr oder weniger am Rande der Gesellschaft. Von Inklusion war damals noch nicht die Rede. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung wurde erst Ende 2006 verabschiedet und trat 2008 in Kraft. „Ab 1981 waren behinderte Menschen in der Gesellschaft ein Thema, die Psychiatrie emanzipierte sich in der Medizin. Diese Umstände haben uns Rückenwind gegeben“, so Erfurth.

Heute leben am Standort Gangelt und in geschützten Bereichen im Kreis Heinsberg 230 geistig und körperlich behinderte Menschen. Weitere 320 Klienten werden im gesamten Kreis Heinsberg im betreuten Wohnen ambulant versorgt. 62 psychisch kranke Menschen sind derzeit in Gangelt stationär untergebracht, 1300 psychisch kranke Patienten werden ambulant betreut oder in Wohngruppen unterstützt.

„Von Anfang an hatten wir einen gesellschaftlichen Auftrag: den Menschen in dieser Einrichtung eine Heimat zu bieten“, erklärt Diakon Thomas Hoff, der im August 2014 als erster weltlicher Vertreter des Ordens in Gangelt die Nachfolge von Oberin Schwester Patricia antrat. Weiter sagt er: „Heute ist ein behinderter Mensch ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft mit allen Rechten. Wir verhelfen unseren Bewohnern und Klienten zu ihren Rechten. Wir sind sozusagen die Anwälte der Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen.“

Dieter Erfurth, Martin Minten und Thomas Hoff (von links) vor dem Peulenschen Haus, in dem 1869 drei Schwestern ihre Arbeit aufnahmen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Dass man auf dem Weg zur Integration seit einigen Jahren neue Wege einschlägt, macht Martin Minten, Geschäftsführer der ViaNobis GmbH, deutlich: „Auch behinderte Menschen sind frei, wir fördern ihre Selbstständigkeit. Sie sollen raus aus dem Heim und bekommen eine eigene Wohnung.“ In der ganzen Region wurden in den vergangenen Jahren Häuser und Wohnungen gebaut oder angemietet, in denen Klienten ambulant betreut werden.

Wenn der sich im Ruhestand befindende Dieter Erfurth auf seine Dienstzeit zurückblickt, betont er: „Wenn man durch andere Krankenhäuser geht, trifft man meist auf verschlossene Gesichter. Hier gab es immer etwas zu lachen.“

Die gute Stimmung hat sich bis heute nicht geändert: Betritt der Besucher das Haus an der Katharina-Kasper-Straße, fällt einem sofort die Freundlichkeit und Herzlichkeit auf, die überall herrscht: Hier hört der Gast ein nettes „Guten Morgen“ von einem Mitarbeiter, wenige Meter weiter ein „Hallo, wie geht es“ von einem Bewohner. Der nächste wünscht einen „schönen Tag“. Bewohner und Patienten sind aufgeschlossen und kennen keine Berührungsängste.

Das überträgt sich auch auf so manchen Mitarbeiter, von denen kaum einer nur Dienst nach Vorschrift macht. „Wir haben den Auftrag, Menschen zu helfen. Das bedeutet aber auch, dass wir unsere Mitarbeiter begleiten und unterstützen. Der Erfolg unseres Hauses liegt darin begründet, dass wir eine große Zufriedenheit bei Bewohnern und Mitarbeitern erzielen. Die meisten Mitarbeiter sind mit Herzblut dabei“, sagt Martin Minten. Weiter erklärt er: „Wo Katharina Kasper drauf steht, muss auch Katharina Kasper drin sein. Der Ordensgedanke wird heute durch weltliche Mitarbeiter weitergetragen.“

Zwei Ordensschwestern sind noch in Gangelt im aktiven Dienst: Schwester Sophia im hauswirtschaftlichen Dienst und Schwester Prakasha in der Heilerziehungspflege.

Auch wenn die heutige ViaNobis GmbH im Laufe der Jahre immer größer geworden ist, versichert Geschäftsführer Martin Minten: „Wir werden auch künftig weiter wachsen. Die Menschen, die Hilfe benötigen, werden mehr.“

Die Hinweistafel zeigt, wie vielfältig die Arbeit der ViaNobis GmbH ist. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Minten ist der festen Überzeugung, dass künftig mehr Menschen unter einer psychischen Beeinträchtigung leiden werden, Tagespflegeplätze für Menschen mit Beeinträchtigung werden künftig ebenfalls dringend benötigt. Auch bei Jugendlichen sieht er mehr Hilfebedarf. War in den vergangenen Jahren Wohnen und damit verbunden die Gründung von Wohnstätten in der ganzen Region zum Zweck der besseren Integration ein ganz großes Thema, so werden in den nächsten Jahren Bildung und Beschäftigung für Jugendliche mit Beeinträchtigung in den Fokus rücken.

„Manche Jugendliche müssen an Strukturen herangeführt werden. Da sie keine Verpflichtungen haben, ist Beschäftigung ein wichtiges Thema“, sagt Minten. Thomas Hoff meint dazu: „Um heute ein vollwertiger Bestandteil der Gesellschaft zu sein, muss man etwas wert sein. Die Gesellschaft bezeichnet die Menschen, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, als nicht wollend. Das ist falsch: Diese Menschen können nicht, sie können sich nicht organisieren und strukturieren. Das kann man lernen.“

Alle Verantwortlichen der ViaNobis sind sich einig: Die Menschen werden immer älter, die Probleme werden komplexer. Die Arbeit wird deshalb mehr und nicht weniger. Und sie wird vielfältiger. „Bei allem weiteren Wachstum unseres Unternehmens müssen wir aber immer wieder daran erinnern, dass wir alle gemeinsam den Auftrag haben, im Sinne von Katharina Kasper zu handeln“, sagt Hoff.

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