Geilenkirchen: Freispruch nach wüsten Vorwürfen des Zeugen

Geilenkirchen: Freispruch nach wüsten Vorwürfen des Zeugen

Hätten Kläger und Angeklagter nicht einmal ihren Wohnsitz im Einzugsgebiet des Amtsgerichtes Geilenkirchen gemeldet gehabt, dann wäre der Kelch an Richterin Corinna Waßmuth und ihren beiden Schöffen vorübergegangen — hinüber zu den belgischen Kollegen.

So aber durfte sich das Schöffengericht am Amtsgericht Geilenkirchen die haarsträubenden Einlassungen eines Zeugen in aller Ausführlichkeit mit und ohne Dolmetscher anhören.

Der Zeuge hatte zwei Anzeigen erstattet, eine bei der belgischen Polizei, eine zweite bei der deutschen. Der 65-jährige, russischstämmige „Großhändler“, mittlerweile in Stolberg beheimatet, glaubte oder wollte zumindest die Justiz glauben machen, dass er von Donbass-Terroristen überfallen, verprügelt und um 15.000 Euro erleichtert worden war.

Doch die Mischung aus Wut, Hass und Ablehnung, so Richterin Waßmuth in ihrer Urteilsbegründung, die der 65-Jährige vor dem Schöffengericht losließ, war nicht ausreichend, einen Menschen zu verurteilen.

Freigesprochen vom Vorwurf des gemeinschaftlichen Raubes wurde deshalb ein 33-jähriger Belgier, der inzwischen in Lanaken bei Maastricht lebt und im Kfz-Handel sein Geld verdient. Der angezeigte Tatvorwurf sollte sich am Samstag, 28. Mai 2016, im belgischen Tongeren zugetragen haben.

Der Angeklagte hatte gemeinsam mit seinem Vater eine Versteigerung besucht, in der vom Gerichtsvollzieher eingezogene Wertsachen unter den Hammer kamen. Der Angeklagte schilderte dem Gericht, wie er in der Auktion zwei Autos gekauft habe und konnte weiterhin belegen, in welchem Zeitraum er im Auktionshaus anwesend war, um das Geschäft mit der Inhaberin des Auktionshauses abzuwickeln.

Zeitlich passte diese Darstellung schon mal nicht zu den Tatvorwürfen. Wie hätte er gleichzeitig in der Nähe des Auktionshauses den Raub begehen sollen?

Die Vernehmung des 65-jährigen Belastungszeugen gestaltete sich schwierig. Wüste Vorwürfe richtete er gegen den Angeklagten und seine „Brigade“. Von Drogenhandel und einem zerkratzten BMW war unter anderem die Rede.

Erst als die Richterin laut wurde, riss sich der Zeuge am Riemen, reduzierte gar die erlittenen Faustschläge auf ein Kopfniederdrücken. Bestand aber weiterhin darauf, man habe ihm 15.000 Euro gestohlen.

Auf Facebook hatten sich Bekanntschaften zwischen der Familie des Zeugen und des Angeklagten sowie deren Bekanntschaften dokumentiert. Auch eine weitere Belastungszeugin, die den Vorfall beobachtet haben wollte, stellte sich dank des nicht vergessenden Internets als Bekannte des 65-Jährigen heraus. Auf Facebook kursierten auch Zuordnungen des Angeklagten zu angeblichen Donbassseparatisten.

Die wüsten Verschwörungstheorien des 65-Jährigen fanden weder bei der Richterin und den Schöffen noch bei der Staatsanwältin Gehör. Der Zeuge habe auf eindrückliche Weise sein Temperament vorgeführt, urteilte Richterin Waßmuth. Seine Herzkrankheit und sein Alter mögen als Entschuldigung dienen.

Richterin in der Begründung des Freispruchs: „Es bleibt offen, was passiert ist.“ Sie wolle dem 65-Jährigen nicht unterstellen zu lügen, doch sei seine Aussage nicht ausreichend einen Menschen zu verurteilen. Der Angeklagte erklärte auf Nachfrage unserer Zeitung zum Stand des Verfahrens in seinem Heimatland: „Für die Belgier war das nix.“

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