Geilenkirchen: Filigrane Schätze am Tag der Druckkunst

Geilenkirchen : Filigrane Schätze am Tag der Druckkunst

Die Geilenkirchener Künstlerin Henriette Echghi öffnet am ersten bundesweiten „Tag der Druckkunst“ ebenfalls ihr Atelier. Jeder kann diese Kunstform am Freitag einmal mit ihre ausprobieren.

Millimeter für Millimeter arbeitet sich die spitze Nadel auf der Aluminium-Platte vor. Die Rillen nehmen immer mehr Konturen an. Wenige Stunden später ist das Antlitz einer Frau erkennbar. Auf einer Glasplatte trägt Henriette Echghi Farbe auf, die sie mit einer kleinen Rolle auf die Druckplatte überträgt. Dann presst sie die Platte auf Papier: Ein kleines Kunstwerk ist entstanden. „Die Malerei erlebt einen Boom, auch Skulpturen sind in den Köpfen der Leute. Aber die Druckkunst ist mehr und mehr in Vergessenheit geraten“, bedauert die Geilenkirchener Künstlerin.

Am ersten bundesweiten „Tag der Druckkunst“ des Bundesverbandes Bildender Künstler am Freitag,  15. März, dem Jahrestag der Aufnahme künstlerischer Drucktechniken ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes durch die Deutsche Unesco-Kommission, werden bundesweit mehr als 240 Veranstaltungen zeigen, wie lebendig dieses immaterielle Kulturerbe ist. Auch Henriette Echghi öffnet  an diesem Tag ihr Atelier „Art-Spektrum“ An der Burg 6 in Geilenkirchen-Gillrath von 15 bis 19 Uhr.

Ruhe und Geduld sind gefragt, wenn man mit der Nadel die Druckplatten bearbeitet. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Kunstinteressierte können sich an diesem Nachmittag informieren, einfache Druckverfahren ausprobieren und mit ihnen experimentieren. Lediglich für das Material müssen ein paar Euro gezahlt werden. Dafür kann der Besucher  auch neue Materialien wie Gummi- und Kunststoffplatten, Tief-, Hoch- und Handdruck kennenlernen.   „Auch ich möchte mithelfen, dass die Druckkunst wieder ins Bewusstsein der Menschen rückt“, sagt Echghi, die bereits mehrere Seminare in Druckkunst geleitet hat.

Wenn sie nicht malt oder druckt, schafft Henriette Echghi Skulpturen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Der 69-Jährigen ist allerdings kaum ein künstlerisches Medium fremd: Bilder malt sie mit Öl-, Aquarell-, Pastell-  und Acrylfarben, sie modelliert Skulpturen aus den verschiedensten Materialien und schreibt kleine Gedichte. „Für die Druckkunst allerdings braucht man viel Zeit und Ruhe, man muss sehr genau arbeiten. Das entspannt. Man versinkt in der Arbeit, die Welt ist nicht mehr existent. Man fokussiert sich auf das, was man tut, auf das Wesentliche“, erklärt sie ihre Liebe zur Druckkunst.

Es geht meistens um Menschen, auch bei dieser Skulptur, die eine Frau aus Papier darstellt. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Ihre künstlerischen Anfänge allerdings liegen in der textilen Kunst. Die 1950 geborene Süggeratherin besuchte die Textilschule in Krefeld. Bei einem Besuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi in Aachen lernte sie sie ihren Mann Fereydoun kennen, der in Aachen Maschinenbau studierte. Nach der Geburt von Sohn Mirko zog die Familie in den Iran. „Im Iran habe ich die textile Kunst erlernt“, sagt Echghi. Nach ihren  künstlerischen Zeichnungen wurden Teppiche gewebt und Textilien bedruckt. Dazu besuchte sie noch im Iran eine Kunstschule für freie Malerei. Die Ereignisse der Islamischen Revolution, die 1979 zum Sturz des Schahs führten, ließen die Familie nach Geilenkirchen  zurückkehren. „Wenn die Panzer auf der Straße stehen, ist das Leben nicht einfach“, blickt die freischaffende Künstlerin zurück.

Während ihr Mann einen Job bei Schlafhorst in Übach-Palenberg fand, widmete sich Henriette Echghi ganz der Kunst. Ihre Werke stellte sie unter anderem in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und Iran aus. Auf Hawaii, wo ihre Tochter Shiwa lebt, arbeitet sie häufig mit anderen Künstlern in Projekten zusammen.

Henriette Echghi bezeichnet sich selbst als Multikünstlerin. Ursprung ihrer Kunstwerke ist eine Nachricht, eine Lebenssituation oder nur ein plötzlicher Gedanke. „Dann mache ich eine Zeichnung und überlege, wie ich das Thema umsetzen kann: im Bild, als Skulptur, als Druck oder in einem Text.“ Auch die Skulptur vor dem St.-Ursula-Gymnasium hat sie geschaffen. Der Mensch und die Gesellschaft sind ihre Hauptthemen: „Da lässt sich viel Positives und Negatives entdecken.“ In ihren Werken geht es um die Haltung des Menschen zwischen Euphorie und Depression, zwischen Zwang und Freiheit. Wann wird der Mensch „aus der Bahn geworfen“?

Manchmal greift sie zu Pinsel und Farbpalette, um das Motiv auf die Leinwand zu bringen, ein anderes Mal ritzt sie es mit der Nadel in eine Druckplatte ein. Mal entscheidet sie sich für eine fünf Mal fünf Zentimeter große Platte, mal für einen Druck im DIN-A4-Format. Je nach Motiv verwendet sie Druckplatten aus Kunststoff, Gummi, oxidiertem Aluminium, Edelstahl oder Holz. Während sie im Tiefdruckverfahren das Motiv mit der Nadel einritzt, wird im Hochdruckverfahren das Motiv auf Holz aufgezeichnet und alles Überflüssige mit dem Holzspachtel weggenommen.

„Auch wenn man mit der Druckplatte ganze Serien herstellen kann, ist jeder Abdruck ein Unikat. Jeder Künstler nummeriert seine Serie. Je kleiner sie ist, desto individueller ist sie“, erklärt Echghi, Mitglied im Bundesverband Bildender Künstler und Mitbegründerin des Kulturvereins GK Kulturgut, dessen Vorsitzende sie  sechs Jahre lang war. Und sie sagt: „Was wirklich Kunst ist, entscheidet die Zeit.“