Mehr präventive Jugendarbeit gefordert: Fast drei Millionen Euro für Heimunterbringung

Mehr präventive Jugendarbeit gefordert : Fast drei Millionen Euro für Heimunterbringung

Die Kosten für die Heimerziehung explodieren: Satte 2,9 Millionen Euro muss die Stadt Geilenkirchen im nächsten Jahr dafür aufbringen. Das sind rund 750.000 Euro mehr als in diesem Jahr. Dies wurde bei der Vorstellung des Jugendamt-Haushaltes im Jugendhilfeausschuss deutlich.

14.645.600 Euro wird im nächsten Jahr der Haushalt des Geilenkirchener Jugendamtes umfassen. Jugendamtsleiter Wilfried Schulz rechnet mit Einnahmen in Höhe von 10.980.598 Euro, so dass insgesamt ein Saldo von 3.665.002 Euro verbleibt. Der Ansatz des Jugendamtes für das laufende Haushaltsjahr weist 13.374.100 Euro an Ausgaben und 7.680.000 Euro an Einnahmen auf, so dass in diesem Jahr mit einem Minus von 5.694.100 Euro zu rechnen ist. Die dem Jugendhilfeausschuss von Schulz vorgelegte Haushaltsplanung berücksichtigt die im Zuge des Gute-Kita-Gesetzes vom Land geplanten Neuregelungen, die eine Erhöhung der Kindpauschalen, eine Erhöhung der Zuschüsse für Familienzentren, Zuschüsse zur Ausbildung von Fachkräften in den Kitas und Zuschüsse für die Fachberatung in Kitas und in der Tagespflege vorsehen.

Die erhebliche Mehrbelastung ergibt sich im Aufgabenbereich Hilfen zur Erziehung bei den Kosten für die Unterbringung in Heimerziehung durch gestiegene Fallzahlen und durch höhere Kosten der Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Minderjährige außerhalb von Einrichtungen. Erhebliche Kosten entstehen auch durch die Bereitstellung von Schulbegleitern infolge der Inklusion.

„Große Sorgen bereitet uns die Entwicklung der Heimkosten“, sagte er und verwies auf einen Bericht der Landesjugendämter, nach dem die Fälle der Heimerziehung von 2008 bis 2017 landesweit um 62 Prozent gestiegen seien. Wegen stark gestiegenen Heimkosten pro Einzelfall verzeichne man landesweit eine Steigerung von über 80 Prozent.

Wilfried Schulz. Foto: ZVA/Udo Stüßer

In den vergangenen Jahren habe Geilenkirchen gegen den Trend eine geringe Kostensteigerung in dem Bereich gehabt, in diesem Jahr sei der Bedarf an Heimerziehung plötzlich sprunghaft angestiegen. Dies machen auch die im Haushaltsplan aufgeführten Zahlen deutlich: Betrugen die Kosten der Unterbringung für Heimerziehung im Jahr 2014 1.855.684 Euro, so werden für das kommende Jahr 2.900.000 Euro eingeplant. Stiegen die Ausgaben von 2014 bis 2018 jährlich moderat von 1.855.684 Euro auf 2.554.834, so sinken sie in diesem Jahr auf 2.150.000 Euro, um dann im nächsten Jahr auf 2.900.000 hochzuschnellen.  Knapp 50 Kinder sind in einem Heim untergebracht. Auffälligkeiten und Handlungsbedarf gebe es bei den „Systemsprengern“: In zwölf Jahren habe es einen Fall in Geilenkirchen gegeben, in diesem Jahr bereits vier.

Bei den Systemsprengern handele es sich um Kinder, die nicht mitwirken, den Heimen entweichen und so immer neue Unterbringungen erforderlich machen. Dringend Handlungsbedarf bestehe aufgrund von Alkohol und Drogenkonsum, Brandstiftung, gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr und andere Straftaten.

Die Kommunen müssten sich auch künftig auf Ausgabensteigerungen einstellen. Er begründete dies mit schwierigen Fallverläufen durch gesellschaftlichen Wandel, mit Digitalisierung, alleinerziehendem Elternteil, Kontaktabbrüchen zu Elternteilen und Verarmung. Auch ein Anstieg der Hinweise auf Kindeswohlgefährdungen, wachsamere Bevölkerung, wachsamere Institutionen, bessere Vernetzung und höhere Einzelfallkosten durch intensivere Hilfen würden dazu beitragen.

Aber auch die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Minderjährige belastet die Stadt: So würden derzeit für neun Kinder an einer Regelschule und für fünf Kinder an einer Förderschule Schulbegleiter bereitgestellt, die Kosten beliefen sich auf 25.000 Euro pro Fall. NRW-weit hätten sich die Fallzahlen von 2008 bis 2017 verdreifacht. Ursachen in Geilenkirchen für den Anstieg seien eine erhebliche Zunahme der Fallzahl, der gesellschaftliche Wandel, die Regelungen zur Inklusion, die es Eltern ermöglich, ihr Kind trotz Förderbedarfs  nicht in einer Förderschule, sondern in einer Regelschule anzumelden,  und der Wegfall der Janusz-Korczak-Schule.

„Derzeit haben wir besonders viele schwer erziehbare Kinder“, bedauerte Schulz, worauf Ruth Thelen (Grüne) forderte: „Wir brauchen präventive Jugendarbeit. Man beklagt, dass Kinder rumhängen und pöbeln. Doch wo sollen sie hin? Es gibt doch nichts mehr für sie.“ Für die Jugendarbeit, so Thelen, seien gerade mal 170.000 Euro veranschlagt, fast drei Millionen Euro gebe die Stadt für Heimerziehung aus. „Immer nur die Symptome beseitigen, ist der falsche Weg“, meinte die Grüne.

Dazu Beigeordneter Herbert Brunen: „Wir haben in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle gespielt. Wir bringen viel auf den Weg. Aber man kann immer noch einen draufsetzen.“ Ausschussvorsitzender Stefan Mesaros meinte: „Viele Kinder werden in katastrophalen Zuständen groß. Da greifen viele Maßnahmen nicht mehr.“ Bei der Abstimmung über den Jugendamtshaushalt votierte nur Ruth Thelen dagegen. Sie forderte mehr Geld für Jugendarbeit.