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Erntedankfest: Im Zeichen von Pflug, Altar und Propaganda

Geschichte des Erntedankfestes : Im Zeichen von Pflug, Altar und Propaganda

Das zum ersten Mal im antiken Kulturkreis bekannt gewordene Erntedankfest wurde um das Jahr 300 vom Christentum übernommen. Es hat im Kreis Heinsberg eine etwa 90-jährige Tradition.

Nun geht die Zeit der Ernte langsam dem Ende entgegen. In den Monaten Juli bis Oktober prägen Mähdrescher, Maishäcksler und Rübenroder das Bild in den hiesigen Feldgemarkungen. Mit großer Spannung warten die Landwirte auf den Ertrag ihrer Ernte, der in einem nicht unerheblichen Maße von der Witterung abhängig ist.

Viele glauben, dass eine erfolgreiche Ernte nicht allein in ihrer Macht liegt. In einer immer weniger vom Christentum geprägten Gesellschaft sagen auch heute noch Menschen Gott Dank für eine erfolgreiche Ernte und bringen diese Überzeugung in der Feier des Erntedankfestes, das auf den ersten Sonntag im Oktober terminiert ist, zum Ausdruck.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten eine Vielzahl von landwirtschaftlichen Klein- und gar Kleinstbetrieben das Leben in den hiesigen Dörfern. Noch 1939 wiesen mehr als zwei Drittel der im damaligen Kreisgebiet registrierten 5722 landwirtschaftlichen Betriebe eine Betriebsgröße von weniger als fünf Hektar auf. Nicht selten reichten Grund und Boden kaum aus, um eine kinderreiche Familie zu ernähren. Viele Besitzer von kleineren landwirtschaftlichen Anwesen suchten in Industrie und Bergbau eine zusätzliche Erwerbsgrundlage und führten ihren Betrieb im Nebenerwerb weiter.

Von den Krisen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise blieb auch die hiesige Landwirtschaft nicht verschont. So skizziert der Chronist der Stadtverwaltung Geilenkirchen den Status quo der bäuerlichen Betriebe im Jahre 1926 folgendermaßen: „Die Getreideernte hat den Erwartungen nicht entsprochen; namentlich hat der Roggen enttäuscht, meist auch der Weizen.

Die Kartoffelernte brachte ebenfalls eine Enttäuschung, hervorgerufen durch den nasskalten Sommer. Die Preise der landwirtschaftlichen Produkte zeigten im letzten Halbjahr eine Aufwärtsbewegung, nachdem sie lange Zeit sich auf einem ungewöhnlichen Tiefstand befunden hatten. (...) Trotzdem haben die Geldknappheit, die Verschuldung und die steuerliche Belastung der Landwirtschaft eine merkliche Entspannung nicht gefunden, so dass von einer Überwindung der Krise keine Rede sein kann.“

Zweifellos brachte die tief im christlichen Glauben verwurzelte Landbevölkerung durch eine rege Beteiligung an den Markus- und Bittprozessionen ihre Bitte um ein gutes Gedeihen der Felder und Fluren zum Ausdruck. Diesen Anliegen verliehen die Ortsgeistlichen durch Bittgebete in den Eucharistiefeiern und Sonntagsandachten Nachdruck. Ebenfalls sprachen die Menschen den Dank für eine gute Ernte aus. Aber Erntedankfeiern sind zumindest in der hiesigen Gegend in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht belegt.

Dies änderte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Die Nazis legten großen Wert auf eine Produktionssteigerung und Ansätze einer Mechanisierung. Dass die tägliche Arbeit etwa durch die Lieferung der Milch an örtliche Molkereien honoriert wurde, registrierten die in vielen Fällen keineswegs den Nationalsozialisten nahestehenden hiesigen Landwirte mit Genugtuung.

Die symbolische Aufwertung des „Bauernstandes“ brachten die Nationalsozialisten in der Feier des Erntedankfestes zum Ausdruck, das von Anfang an in den nationalsozialistischen Festkalender integriert war und am 1. Oktober 1933 zum ersten Mal festlich begangen wurde. Die Vorbereitung und Durchführung der zentralen Feier in Berlin oblag dem Reichsministerium für Propaganda und Volksaufklärung.

Das Foto zeigt ein Propaganda-Plakat zum Erntedank am 3. Oktober 1937. Auch in den hiesigen Orten wurde das Fest gefeiert. Foto: dpa/A3794 Peter Steffen/Gelderblom

Die Feierlichkeiten wurden auch in vielen hiesigen Orten – unter anderem in Teveren – ausgetragen. Dort bewegte sich ein großer Festzug durch die Straßen des Dorfes. Neben vielen Repräsentanten des öffentlichen Lebens und der Vereinswelt nahmen auch die im Kriegerverein zusammengeschlossenen Veteranen des Ersten Weltkriegs an teil.

Neben den Früchten der Felder und Gärten wurden laut Berichten von verstorbenen Augenzeugen auch Kleintiere wie Kaninchen im Festumzug geführt. Viele Bewohner Grotenraths und Teverens seien auf den Beinen gewesen. Nicht wenige Dorfbewohner, die sonst über wenige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung verfügten, hätten die Teilnahme an den herbstlichen Aufzügen als willkommene Abwechslung vom Alltagsleben verstanden. Der tatsächliche Missbrauch durch ein verbrecherisches Regime lag außerhalb ihrer Vorstellungswelt.

Denn die Förderung der Landwirtschaft galt auch als ein Bestandteil des 1936 beschlossenen Vierjahresplanes, wonach die deutsche Wirtschaft in vier Jahren kriegsfähig sein sollte. Die aus dem Ersten Weltkrieg bekannten Engpässe in der Lebensmittelversorgung sollten von Anfang an vermieden werden. Die Landwirtschaft sollte autark genug sein, um die Versorgung der Bevölkerung im Ernstfall sicherzustellen.

Solche Absichten wurden den hiesigen Bauern verschwiegen, als sie 1933 in der Lokalzeitung zur Teilnahme an den Feierlichkeiten anlässlich des Erntedankfestes mit folgenden Worten eingeladen wurden: „Als gigantisches Gegenstück zu den epochemachenden Aufmärschen der Städter am 1. Mai werden am 1. Oktober die deutschen Bauern marschieren. Die Stadt wird in das Land und das Land in die Stadt kommen, um ein wuchtiges Bekenntnis zu der Volksgemeinschaft abzulegen. Allenthalben sind große Vorbereitungen getroffen worden. Am kommenden Sonntag soll den Bauern die Hakenkreuzfahne des neuen Deutschlands voranflattern. Der Bauernstand, der sich mit einer Aufopferungsfähigkeit in den Dienst des neuen Deutschlands gestellt hat, soll geehrt werden.“ Die Worte des Propagandisten waren auf eine Teilnahme des ganzen Berufsstandes ausgerichtet, so dass die Nichtteilnahme mit einem freiwilligen Ausschluss aus der Volksgemeinschaft gleichzusetzen war. Ob und inwiefern alle hiesigen Landwirte der „Einladung“ gefolgt sind, lässt sich sicher nicht mehr rekonstruieren.

Im Zeitraum zwischen 1939 und 1964 halbierte sich die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe von 5722 auf 2648. Gleichzeitig setzte eine kaum für möglich gehaltene Konzentration der Landwirtschaft auf immer größere Betriebe ein. Kleinere Betriebe von bis zu fünf Hektar Größe verschwanden immer mehr von der Bildfläche. Zugleich war eine Produktionssteigerung bedingt durch die beginnende Mechanisierung festzustellen.

Die Menschen waren davon überzeugt, dass sie die Not- und Hungerjahre dank der landwirtschaftlichen Produkte überstanden hatten. Daher nahm infolge der Reorganisation des Vereinslebens das Erntedankfest auch einen festen Platz im Jahresprogramm einzelner Zivil- und Kirchengemeinden ein. Nicht mehr die Manifestation einer politischen Weltanschauung, sondern der Dank an den Schöpfer verbunden mit einem geselligen Zusammensein standen im Mittelpunkt des Interesses.

So berichtete die Geilenkirchener Volkszeitung im Oktober 1952 von Veranstaltungen in Immendorf und Birgden. In Immendorf ging die Initiative von der Pfarrgemeinde aus. In einem überfüllten Saal trugen vor allem der Kirchenchor, die Frauenjugend und Schüler der Unterklasse zum Gelingen des Abends bei. Pfarrer Woltery fand passende Worte, um die Leistungen der Bauern hervorzuheben. Sie hätten in mühevoller Arbeit den Acker bestellt und betend darauf gewartet, dass der Herrgott seinen Segen sende.

In die gleiche Richtung gingen die Worte des Leiters der katholischen Landvolkschule bei der zeitgleichen Veranstaltung in Birgden. Der Referent charakterisierte zudem den Selfkantbauern als einen frommen und erdverbundenen Menschen, der wisse, dass der Erfolg seiner Arbeit von Gott abhängig sei. Ohne Gottvertrauen hätte der Bauer niemals die Kraft gehabt, nach 1945 die zerstörten Anwesen wiederaufzubauen. Pflug und Altar gehörten somit zusammen.

Der Besucherkreis beschränkte sich keineswegs auf die Angehörigen der Pfarrgemeinde Birgden. Denn der katholische Jungbauernverband hatte zu einem großen Erntedankfest eingeladen. Nicht nur Landwirte und der Landwirtschaft verbundene Mitbürger sondern auch prominente Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Landwirtschaft hatten den Weg nach Birgden gefunden. Auf dem von vielen Hunderten Menschen gefüllten Großen Pley war ein Altar aufgebaut. Unvergessen ist für alle Beteiligten der Ernteumzug geblieben. Er setzte sich aus Wagen und Fußgruppen zusammen, die jeweils ihre Eigenart aufwiesen. Früchte, Brote, Korn und besonders gut geratene Gemüseexemplare wurden mitgeführt, bei der Feier auf dem Großen Pley als Ehrengaben zum Altar gebracht und dort von Dechant Haak gesegnet.

Die beiden Feiern demonstrierten auch den Optimismus der Nachkriegsjahre. Hunger und Elend gehörten der Vergangenheit an. Nahrungsmittel waren reichlich vorhanden. Man verstand wieder zu feiern und zugleich seine religiöse Überzeugung unter Beweis zu stellen.

Seit diesen Feierlichkeiten sind fast sieben Jahrzehnte vergangen. In den letzten Jahrzehnten hat die Konzentration auf immer weniger Großbetriebe eingesetzt. So zählt man im Kreis Heinsberg zurzeit noch 650 Vollerwerbsbetriebe bei rückläufiger Tendenz. Die Säkularisierung hat zu einem empfindlichen Nachlassen des Glaubenslebens in den Familien und Kirchengemeinden geführt. Dennoch haben sich die Feiern anlässlich des Erntedankfestes unter veränderten Bedingungen behauptet.

In manchen katholischen und evangelischen Kirchengemeinden finden am Erntedanksonntag Kinder- und Familiengottesdienste statt. Zur Tradition geworden ist beispielsweise das jährliche Herbst- und Erntedankfest der Selfkantbahn. Historische Güterwagen wecken eine nostalgische Erinnerung an die Zeit, als Kartoffeln, Düngemittel und Zuckerrüben noch nicht mit Lastwagen sondern mit der Eisenbahn befördert wurden. Zugleich werden am Bahnhof Schierwaldenrath regionale Produkte zum Verkauf angeboten.

Nicht zu vergessen ist auch das im Turnus von zwei Jahren von der Kreisbauernschaft Heinsberg veranstaltete Erntedankfest, bei dem sowohl die Ortslandwirte als auch Repräsentanten der Landjugend und der Landfrauen und nicht zuletzt neben dem Landrat und den Bürgermeistern auch politische Mandatsträger aus dem Land- und dem Bundestag den Weg nach Heinsberg finden.

Der offizielle Teil setzt unter anderem sich aus Begrüßungsworten eines Repräsentanten der regionalen Politik und einer Rede des Kreislandwirts zusammen, der bei dieser Gelegenheit nicht nur auf das vergangene Wirtschaftsjahr zurückblickt sondern auch sowohl der Bevölkerung für das in der Erntesaison gezeigte Verständnis als auch dem Schöpfer Dank sagt. Die Feier findet ihren Abschluss mit einem gemütlichen Zusammensein bei volkstümlichen musikalischen Darbietungen und ungezwungenen Stunden der Begegnung zwischen Berufskollegen aus allen Teilen des Kreises.

Sämtliche Veranstaltungen sind in diesem Jahr von der Coronavirus-Krise bedroht. Allerorts besteht indes die Hoffnung, dass die bewährten Traditionen in der Zukunft fortgesetzt werden können.