Geilenkirchen: „Engel der Kulturen“: Großes Zeichen für Vielfalt und Toleranz

Geilenkirchen: „Engel der Kulturen“: Großes Zeichen für Vielfalt und Toleranz

Es war ein Mammutprojekt, das Heike Poth vom Berufskolleg Wirtschaft und Daniel Bani-Shoraka vom Kommunalen Integrationszentrum Kreis Heinsberg auf die Beine gestellt hatten. Schon zu Beginn des Jahres stand für Poth fest: „Den ‚Engel der Kulturen‘ wollen wir nach Geilenkirchen holen“.

Dieser Engel ist eine 80 Kilogramm schwere Skulptur, die vor zehn Jahren von den Künstlern Carmen Dietrich und Gregor Merten aus Burscheid gefertigt wurde. Der äußere Ring verbindet die Symbole der drei großen Weltreligionen: den Halbmond, das Kreuz und den Davidstern. Im Inneren des Kreises entsteht durch die spezifische Anordnung die Form eines Engels. „Der Engel steht für die Verschiedenheit. Wir sind alle ein bisschen anders, aber durch unser Menschsein verbunden. Unser Zusammenleben muss friedlich sein, denn wir können die Probleme der Zukunft nur gemeinsam lösen“, erklärte Carmen Dietrich die Idee hinter dem Projekt.

Vor dem Rathaus halten die Schüler und die Koordinatorin Heike Poth (vorne Mitte) ihre eigenen „Engel der Kulturen“ in die Höhe. Die Künstler Carmen Dietrich und Gregor Merten berühren derweil das Original. Foto: Annika Thee

Der Engel der Kulturen stehe nicht nur für den Respekt zwischen den Anhängern verschiedener Religionen, „sondern auch für den Respekt vor der Natur und für alle Kulturen“, sagte Poth.

Die Schulleiterin des Berufskollegs für Wirtschaft, Gabriele Kaspers, nimmt als erstes den Stahlbrenner in die Hand, um den nächsten Engel aus Stahl zu schneiden. Foto: Annika Thee

Startpunkt an der Gesamtschule

Nachdem die Vertreter der Religionen den „Engel der Kulturen“ in den Boden eingelassen haben, lesen sie das Friedensgebet. Foto: Annika Thee

Vor dem Projekttag erarbeiteten die Schüler der sieben teilnehmenden Schulen die Bedeutung des Symbols der Künstler im Religions-, Kunst-, Musik- und Deutschunterricht. Sie bastelten eigene kleine Engel aus Pappe und probten thematisch-passende Gedichte und Lieder ein, die sie gestern vortrugen. „Wir setzen uns ein für einen respektvollen Umgang miteinander, unabhängig von Religion, Kultur oder Hautfarbe“, sagte Christel Wolter, didaktische Leiterin der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule.

Ihre Schule setzte den Startpunkt für das Projekt. „In Zeiten, in denen man sich wieder deutlich häufiger fragen sollte, ob man dem Gegenüber empathisch genug begegnet, ist das Projekt, das sich dem Bemühen um Verständigung verschrieben hat, ein sehr wichtiges“, sagte Schulleiter Uwe Böken.

Unter Begleitung der Künstler wurde die Skulptur von den Schülern der Jahrgangsstufen 8 und 11 aus der Schule heraus zum Berufskolleg für Wirtschaft gerollt. Die Schüler des Kollegs schlossen sich denen der Gesamtschule an. Von dort aus setzte sich der Zug zur katholischen Grundschule fort und weiter zum Rathaus, wo der große Höhepunkt des Projekttags stattfand. Dort kamen weitere Schüler des Berufskollegs Ernährung, Sozialwesen und Technik, der Gemeinschaftsgrundschule, der städtischen Realschule und des St.-Ursula-Gymnasiums hinzu.

Die insgesamt knapp 500 Schüler wurden von Bürgermeister Georg Schmitz empfangen. „Fremde Kulturen sind fester Bestandteil unserer Gesellschaft“, sagte er und erinnerte an die Geilenkirchener Synagoge, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. „Unsere Stadt konnte nach diesem dunklen Kapitel einen multikulturellen, offenen Charakter entwickeln.“

Wilhelm Paffen (CDU), stellvertretender Landrat des Kreises Heinsberg und Schirmherr des Projekts, ermutigte die Schüler, selbst die Botschaft des „Engels der Kulturen“ weiterzutragen. „Wenn diese Aussage von euch allen hier verbreitet wird, dann ist der Weg frei für ein friedliches und respektvolles miteinander.“ Gemeinsam setzten Kinder und Erwachsene eine sogenannte Intarsie in den Boden vor dem Rathaus. Die beiden Künstler hatten die kleinere Form des Engels aus Remscheid mitgebracht, wo der Projekttag zuletzt stattfand.

Dann wurde es für einen kurzen Moment auf dem Rathausplatz still, als die evangelische Pfarrerin Anne Lungová, der katholische Pfarrer Bernhard Kozikowski, der Rabbiner Max Bohrer und Imam Furkan Öz gemeinsam ein Friedensgebet sprachen, in dem sie zu mehr Toleranz, Nächstenliebe und Empathie in der Gesellschaft aufriefen.

Die Schüler, die Vertreter der Religionen und die Lehrer gingen danach die letzte große Herausforderung des Tages an: Sie schnitten mit einem Stahlbrenner einen neuen „Engel der Kulturen“ aus einem dicken Stahlbrett. „Der wird nach den Sommerferien nach Troisdorf gehen“, sagte Dietrich. Dort wird der „Engel der Kulturen“ als nächstes Halt machen.

Geilenkirchen war die 122. Stadt, die an dem Projekt der Künstler teilnimmt. Im nächsten Jahr sollen nochmals 20 bis 25 Städte hinzukommen. „Im Jahr 2020 werden alle Innenteile der Stahl-Skulpturen mitten in Jerusalem zu einer großen Säule gestapelt“, erklärte Gregor Merten. Kurzerhand stapelten die Schüler ihre selbst gebastelten Engel zu einer Säule, die im Eingang des Rathauses bestaunt werden kann.

Die Künstler waren begeistert von dem Engagement aller Beteiligten. „Es ist eine Aktion, die von der Tatkraft vieler lebt. Das habt ihr eindrucksvoll bewiesen“, sagte Merten und entließ die Schüler mit einem Appell: „Tragt die Botschaft weiter. Wandelt die Mauer der Vorurteile in eine Brücke des Dialogs um.“

Weitere Informationen zu dem Projekt und die „Engel der Kulturen“-Stiftung im Netz unter: www.engel-der-kulturen.de

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