Soldatentagebuch aus dem Ersten Weltkrieg: „Ein richtiges Räuberleben“

Soldatentagebuch aus dem Ersten Weltkrieg: „Ein richtiges Räuberleben“

Die allerletzten Veteranen des Ersten Weltkriegs, dessen Ende sich kommenden Sonntag, 11. November, zum 100. Mal jährt, sind Anfang dieses Jahrzehnts gestorben. Zeitzeugen des bis dahin blutigsten Konflikts in der Geschichte der Menschheit gibt es nicht mehr – aber ihre Nachlässe.

Der Linderner Heimatforscher Heiner Coenen hat das Kriegstagebuch seines Patenonkels Georg Coenen digitalisiert und unserer Zeitung anlässlich des bevorstehenden Jahrestages zur Verfügung gestellt. Voller soldatischem Pflichtbewusstsein zog Georg Coenen 1914 an die Front – und kehrte nur Monate später schwer verwundet und als Kriegsgegner zurück. Sein Dokument des Krieges ist zugleich ein Beleg für den Wert des Friedens.

13. August 1914. „6 ½ Uhr morgens Abfahrt von Jülich. Die Reise geht über Düren, Cöln – Coblenz bis Schweich an der Mosel. 2 Eisenbahnstationen diesseits Trier. Es war dies eine, vom schönsten Wetter begünstigte, herrliche Tour. Der Zug mit grünen Reisern ganz geschmückt, (…)“

14. August. „An diesem ersten Marschtage tat die Sonne ihr bestes und wir hatten schon sehr unter der Hitze zu leiden, zumal wir Wehrmänner lange nicht mehr in des Königs Rock gesteckt und noch nie einen so schweren Tornister getragen hatten. (…)“

18. August. „(…) Überall Massenquartiere.“

19. August. „(…) Überall dasselbe militärische Schauspiel.“

„Mit Gott für König und Vaterland“: So überschrieb Georg Coenen seine „Kriegserlebnisse“. Foto: Heiner Coenen

21. August. „Morgens 3 Uhr Abmarsch von Nothum zur belgischen Grenze, welche wir gegen ½ 6 Uhr unter Hurrah und dem Gesang des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“, überschreiten. (…)“

22. August. „Nach gesundem Schlaf auf dem Heuboden geht’s morgens 3 Uhr wieder los und es beginnt ein gewaltiger Tagesmarsch von über 60 km. Damit geht’s ran an den Feind. Abends gegen 6 Uhr Ankunft in der Nähe der Schlachtfelder von Hatrival. Kanonendonner aus nächster Nähe. Unser Battaillon macht sich gefechtsbereit. (…) Auf dem Marsche zum Biwaksplatz kam uns der Schrecken des Krieges zum ersten Mal vor Augen. Verwundete und Krankenwagen begegneten uns. Das Regiment N 116 war schon arg mitgenommen worden. Da wurde uns Neulingen nicht gerade rosig zu Mute. Zum ersten Mal kam es mir zu Bewusstsein, dass es tatsächlich Krieg sei. (…)“

23. August. „Gegen 3 Uhr morgens ging’s wieder los und es wurde eine Stellung besetzt, wo grade Tags vorher Gefecht gewesen war. Zum ersten Mal ging es über ein frisches Schlachtfeld. Zuerst sehe ich einige Feldgraue am Boden liegen, dann auch Franzosen, Uniformstücke, Gewehre, Tornister usw. (…) Großartig und dramatisch war der Anblick eines solchen brennenden Dorfes. (…)“

24. August. „5 Uhr Aufbruch von Frammont und Marsch durch brennende Dörfer zum Biwakplatz (…) Vom Feinde zurückgelassene Wagen und Geschütze. (…) Auch fanden wir überall einzelne Pferde mit Geschirr und komplette Schmiedewagen.“

25. August. „6 Uhr Aufbruch und Marsch zur französischen Grenze. Vor Sedan hörten wir schon, daß ein großes Gefecht im Gange sei. Furchtbares Artilleriefeuer. Ohne besondere Verluste kommen wir Abends in Massenquartier. Konnte hier noch mit Scheuvens Wilh. [Schwager aus Gangelt-Langbroich] tüchtig den guten französischen Rotwein vermöbeln.“

26. August. „Schon früh brannte der Kampf um Sedan wieder los. Franzmänner ziehen sich gallopp zurück. Gegen 9 Uhr hatten wir schon Schrappnellfeuer, welches aber wenig Schaden anrichtete. Mittags überschreiten wir die Maas auf einer Pontonbrücke, welche die Pioniere im Feuer in einer Stunde und zehn Minuten gelegt hatten. Dieses Überschreiten der Maas geschah nördlich von Sedan bei dem Dorfe Floint. Dann gings durch das schöne und wenig beschädigte Sedan, wo die Bewohner sich auf die dringende Bitte des Bürgermeisters ruhig verhielten. Hier und da sah doch ein schwarzhaariges, verstohlenes Gesicht zum Fenster hinaus.

Abends ½ 8 Uhr greifen wir (oder sollen wenigstens) eine feindliche Batterie an, welche aber starke Infanteriedeckung vor sich hatte, worauf wir nicht rechneten. Hier hieß es zwei Stunden lang und zwar zum ersten Male im Kugelregen dem Tode ins Auge schauen. Rechts und links von mir stöhnende Verwundete. Mein guter Nebenmann von rechts, der Hornist Mehsen aus Gangelt war tödlich getroffen. Als das  Feuer später aber nachließ, tragen wir zu vier Mann den schwer verwundeten Kameraden aus der Feuerlinie hinter den Wald zurück. Nachdem er beim Schein einer Kerze   notdürftig verbunden war, brachten wir ihn von den Höhen in einer Zeltbahn herunter nach Sedan zum Lazarett, vis-a-vis dem Bahnhof. Dort lagen schon viele Verwundete, Freund und Feind, nebeneinander. Der leitende Arzt schickte uns in die Wartesäle des Bahnhofs zum Schlafen.

Kaum in müdem Schlaf versunken, höre ich wie um mich her alles aufspringt und jeder aufgeregt nach seinem Gewehr greift. Verschiedene schlagen die Fenster ein und springen ins Freie; es hieß nämlich, wir würden überfallen. Alles Unsinn. Alle waren nervös. Ein Offizierspferd, welches vorne an der Bahnhofsbuchhandlung angebunden war, machte Krach und riß ein Regal mit Büchern und Zeitschriften herunter und streut sich mit französischer Lektüre.“

27. August. „Gegen ein Uhr morgens geht droben auf den Höhen der Kampf wieder los. Wollten zu vier Mann wieder zu unserer Kompagnie. Doch empfing uns gleich hinter der Stadt französisches Schrappnellfeuer und wir mussten zurück. Die Sanitätskompagnie des 8ten Armeekorps requirierte uns zur Hilfeleistung, weil nun ein endloser Zug von Verwundeten von den Höhen herunter kam. Welcher Anblick hier und dort. Da kamen auch schon verw[undete] Kameraden unserer Kompagnie, welche uns berichten, daß die 68er im harten Kampfe stehen, der Major sei gestürzt, der Adjudant und Leutnant Lang unserer Kompagnie seien mit noch ca 15 Mann gefallen und viele Verwundete. (…)“

28. August. „Der fliehende Feind bekommt heute früh noch die letzten Grüße unserer Fußartillerie nachgesandt und kann somit nicht mehr von neuem in Stellung gehen. Am Abend wurde unser Regiment aus dem Schlachtfeld bis auf einer Wiese an der Maas zurück gezogen. Der General hielt eine Ansprache und versprach uns einen Tag Ruhe. Wie eigentümlich berührt es einen, wenn die Kompagnie wieder mal zusammengestellt wird und es fehlen da so viele Kameraden. Die restliche Kompagnie war kürzer geworden. Uns gegenüber lag die gesprengte Eisenbahnbrücke über die Maas, neben derselben 3 erschossene Zivilisten, welche bereits ihren gebührenden Lohn erhalten hatten. Vernehme auch, dass einige Kameraden aus d. Heimath tot oder verwundet sind. Da plötzlich donnern wieder kurz bei uns die Haubitzen und ein Verfolgungskampf geht los. (…)“

Nachricht über den Tod von Rudolf Schleicher aus Lindern, die dessen Familie im März 1915 erreichte. Millionen Briefe wie dieser wurden von 1914 bis 1918 versendet. Foto: Heiner Coenen

29. August. „(…) Glücklich, wieder mal etwas Ruhe zu haben. Nachts von Ferne Gewehrfeuer, die Zelte werden abgebaut und wir müssen uns alarmbereit halten.“

30. August. „Heute ist Sonntag. Ach, wie wurde mir da ums Herz. Kein Kirchgang, kein vernünftiges Essen, kein Waschen, was den Sonntag verraten könnte, ein richtiges Räuberleben. Schon drei Wochen schlafe ich auf Gottes Erdboden und habe seitdem kein Bett mehr gesehen. Auch in dieser Nacht keine Ruhe, immer Alarmbereitschaft.“

31. August. 5 Uhr früh Abmarsch in der Richtung Reims. Von ferne Kanonendonner. Marsch bis Fannay wo die Küche uns einholte. Nachmittags Gefechtsbereitschaft. Beziehen am Abend Biwak mitten in einer Haferparzelle. Zu meiner Freude habe ich immer Alex von Gereonsweiler neben mir. Wir zwei sind auch immer Gefechtsordonanzen bei unserem Hauptmann Morschner.“

1.    September. „Bis Mittag Ruhe. Nachmittags Abmarsch Richtung Reims, jedoch immer kreuz und quer durch Feld und Wald. Abends Biwak bei Annfrechamps. Marsch nach Vliry und Biwak. Lebensweise einfach miserabel. Stets schwere Märsche bei drückender Hitze. Von der Küche bekommen wir immer dasselbe Essen: Reisbrühe mit Rindfleisch (von frisch geschlachteten Rindern) daß es mir bald zum Ekel wird. Bekomme als Gratiszugabe noch Zahnschmerzen. Hier in der Gegend sind die Leute nicht mehr so freundlich gesinnt wie bei Sedan. mosen lassen sich massenhaft gefangen nehmen, um nur versorgt zu sein. Muss mich heute wegen Unwohlsein beim Hauptmann krank melden. Kann nun mit Scheufens Wilh. einen Tag auf dem Patronenwagen fahren, glücklich, mal von den Beinen zu sein. (…)“

4. September. „Heute morgen bleibt das ganze Regiment einsweilen in Biwak wo großer Rummel und ein flottes Leben war. Erhalte Gott s. Dank 3 Briefe von Traudchen und 2 Karten. Abends Abmarsch nach St. Remy, woselbst Biwak.“

5. September. „Morgens 7 Uhr Abmarsch nach St. Laral, Marschrichtung: ca 75 km westlich von Metz zwischen Verdun und Schallors. Wetter ist hier Gott s. Dank trokken. Vermisse sehr etwas zum Rauchen oder sonst etwas, was mal eine kleine Veränderung wäre. Vielleicht kommt bald mal ein Paketchen. Heute Abend Biwak bei Rosay. Aus einem benachbarten Gutshofe konnten wir Wein und Obst holen. Konnten den guten Rotwein nicht mehr trinken, weil der Magen ohne Speiseunterlagen ihn nicht mehr vertragen konnte.“

6. September. „5 Uhr Abmarsch Richtung: Rhein-Marne-Kanal, wo wir mit dem gut verschanzten Feind zusammentreffen. Das Gefecht dauert den ganzen Tag. Weil heute wieder mal ein schöner Tag erster Ordnung ist, kommt einem unwillkürlich in den Sinn, daß heute Sonntag ist, denn diese waren bisher immer noch die schlimmsten. Es ist gerade 4 Uhr Nachmittags, die Kanonen donnern entsetzlich. Granaten und Schrappnells schlagen rings um uns ein, da heißt es, schnell einen Graben auswerfen, wo wir uns auch für die Nacht einrichten.“

7. September. „Erwache heute morgen im Graben von 1 mtr. Tiefe. Habe im Mantel mächtig gefroren. Frühstück für heute morgen Brot, Speck und kaltes Wasser.“

8. September. „Heute dauert die Schlacht am Übergange des Rhein-Marne-Kanals schon den dritten Tag an. Wir liegen bei Le-Buisoon, also schon jenseits des Kanals. Die Rothosen haben gute Stellungen und wollen nicht weichen. Die Compagnie schmilzt schon tüchtig zusammen. Unser guter, allverehrter Hauptmann Morschner ist durch Brustschuss schwer verwundet und wird als tot fortgetragen. Jetzt haben wir als Offiziere nur noch den Lt. Busch. Heute Nachm. trifft eine Granate 6 Mann neben mir, alle schwer oder leicht verwundet, darunter ein gew. Esser aus [Baesweiler-]Oidtweiler, welcher durch einen Splitter im Rücken schwer verletzt ist und stark blutet. Ich packe den armen Kerl und schleppe ihn aus der Feuerlinie in den Wald hinter einen dicken Baum wo ich ihn mit dem Verbandpäckchen verbinden kann.

Um nun mit dem Schwerverletzten zur Verbandstelle zu kommen musste ich noch eine halbe Stunde übers freie Feld, wo wir noch mal tüchtig von den Franzmännern aufs Korn genommen wurden, denn die Bande feuerte auf alles, verwundet oder nicht. Da hieß es Deckung suchen. Zum Glück konnte ich mit dem Esser in ein großes Kanalrohr unter der Chaussee kriechen und wir mussten so eine halbe Stunde liegen bleiben, weil die Granaten auf der Chaussee über uns platzten. Als es dann ruhig wurde zog ich den armen Kerl wieder heraus, nahm ihn auf den Rücken und fort ging es zur Verbandstelle. Der [Arzt, Sanitäter] fand, dass der Granatsplitter dem Mann durch den Körper gefahren war, was der Verletzte noch nicht gemerkt hatte. Auf einem Wagen begleitete ich ihn dann noch zum Hauptlazarett in Heiltz, diesseits des Kanals. Das Lazarett war in einem großen Bauernhof eingerichtet, wo ca 1200 Verwundete lagen, auch einige Sterbende.

Hier traf ich auch den H. Florak aus [Linnich-]Gereonsweiler. War natürlich selbst froh, wieder mal aus der Feuerlinie heraus zu sein. Ich suchte mir die Bagage und Scheuvens Wilh. bei dem ich in einer Scheune schlafen konnte. In der Nacht setzte ein furchtbares feindl. Artilleriefeuer ein und man befürchtete einen Durchbruch. Höre, daß der Platzbecker aus Gereonsweiler tot ist. Danke dem l. Gott, daß er mich bisher so gnädig beschützt hat. Soeben Karte von Treschen. Sonst die Lage unverändert.

9./10. Sept[ember]. Hier reißt das Tagebuch abrupt ab, nur das Datum steht eingetragen. Was war passiert?

Hier hilft der Blick auf das große Ganze. Gemäß dem bereits 1905 ausgearbeiteten so genannten Schlieffen-Plan war die deutsche Armee in sechs Wochen in „Gewaltmärschen“ bis in den Raum Paris vorgestoßen. Das Ziel war, Paris zu umfassen, einzukesseln und den Krieg so schnell und siegreich zu beenden.

Ein zu schneller Vormarsch der deutschen Truppen unter Generaloberst Alexander von Kluck und ein verzweifelter Gegenangriff der französisch-britischen Truppen führte am 9. September zwischen der 1. und 2. deutschen Armee zu einer Lücke von 40 km, in die die französischen Truppen hineinstießen. Der deutsche Vormarsch war gestoppt, und der deutsche  Generalstabschef, Werner von Moltke brach die „Schlacht an der Marne“ am 9. September 1914 vorzeitig ab.

Der Schlieffen-Plan war nach sechs Wochen Krieg in der Umsetzung gescheitert. Aus französischer Sicht handelte es sich dann um „Das Wunder an der Marne“. Das wäre der letzte Zeitpunkt gewesen, diesen völlig sinnlosen Krieg im Nachbarland Frankreich zu beenden. Aber dafür gab es damals keine, wie wir heute sagen: Lobby.

Der bis zum 9./10 September rasende Vormarsch der deutschen Truppen wechselte dann in einen sinnlosen und mörderischen vierjährigen Stellungskrieg, in dem militärisch nichts mehr zu gewinnen war. Dort wurde nur noch gestorben und „Verdun“ wurde zum 100-jährigen Bild für grauenhaftes Handeln und Sterben.

Der Autor des Tagebuchs, Georg Coenen, musste das nicht mehr miterleben. Der Tagebuchschreiber wurde am 9./10 September 1914 so schwer verletzt, dass er nicht mehr kriegsverwendungsfähig war. Er überlebte und bezog eine Rente bis 1918. Für ihn hatte das feldgraue Schicksal nie mehr etwas mit dem stolzen Parade-Soldaten  zu tun.

Anmerkung der Redaktion: Zur Wahrung der Originalität wurden Interpunktion, Rechtschreibung und Grammatik, die aus heutiger Sicht stellenweise merkwürdig wirken können, belassen, wie sie im Tagebuch stehen.

Mehr von Aachener Nachrichten