Schauspieler Jürgen Tarrach widmet sich der Musik: Ein bisschen Melancholie darf sein

Schauspieler Jürgen Tarrach widmet sich der Musik : Ein bisschen Melancholie darf sein

Geboren in Geilenkirchen, hat es der Schauspieler Jürgen Tarrach bis in die große Bond-Welt geschafft. Jetzt widmet er sich dem portugiesischen Fado - als Sänger.

Der gebürtige Geilenkirchener Jürgen Tarrach hat schon viele markante Rollen verkörpert und sogar im James-Bond-Film „Casino Royale“ mitgespielt. Nun jedoch versucht sich der 58-Jährige erstmals auf einem Album als Sänger.

Inspiriert von seiner Fernsehrolle als Anwalt Eduardo Silva im Lissabon-Krimi der ARD überführt Tarrach auf „Zum Glück traurig“ mit Hilfe von Autor Antek Krönung und Komponist Ingvo Clauder die portugiesische Sehnsuchts- und Klagemusik Fado ins Deutsche. Unser Mitarbeiter Steffen Rüth traf Jürgen Tarrach auf einer Baden-Badener Hotelterrasse zum Gespräch.

Herr Tarrach, sind Sie ein melancholischer Mensch?

Jürgen Tarrach: Ja, das bin ich. Aber ich schätze das Gefühl der Melancholie, zumindest in Maßen, sehr. Bei uns in Deutschland wird die Melancholie oft so verstanden als Krankheitssymptom oder als kleine Gemütsverstimmung, der es gilt, zu Leibe zu rücken. Aber ich finde, man sollte sie zulassen. Die Portugiesen kennen dafür ein eigenes Wort, die „saudade“, das ist die Lust am Traurigsein. Mit dem Fado verleihen sie dieser Lust Ausdruck und erfahren so vielleicht eine Art Läuterung.

Wie zelebrieren Sie denn Ihre Melancholie?

Tarrach: Ich sitze manchmal gerne abends noch da, nachdem meine Frau gegen 23 Uhr ins Bett gegangen ist, und mache dabei oft überhaupt gar nichts. Vielleicht trinke ich einen Schluck Wein oder schaue mir alte Familienfotos an, als die Kinder noch klein waren. Diese ein, zwei Stunden, wenn alles um mich herum zur Ruhe kommt, gefallen mir sehr gut.

Portugiesischen Wein?

Tarrach: Der ist wirklich sehr gut und sehr kräftig, so wie ich ihn mag. Aber in Deutschland schwer zu bekommen. Daher greife ich eher zum Bordeaux.

Woher kommt Ihr Hang zum Melancholischen?

Tarrach: Das weiß ich gar nicht. Ich war auch immer schon ein Liebhaber des französischen Chansons, in dem ähnliche Gefühlslagen besungen werden, auch wenn die Portugiesen sich diesen Vergleich sicher verbitten, da der Fado ja der Ausdruck ihrer ganz individuellen Seelenlage ist. Vielleicht liegt es an meiner Herkunft vom Niederrhein. Die Wolken hängen dort niedrig, der Horizont aber ist weit. Es gibt dort Sonntage, an denen denkst du wirklich, die Welt steht still.

Sie sind in Geilenkirchen geboren, in Wassenberg aufgewachsen und in Erkelenz zur Schule gegangen. Ist das eine Gegend, in der ein künstlerisch veranlagter Junge denkt . . .

Tarrach: . . . ich muss hier schleunigst weg? Ja (lacht). Da war wenig Anregung für jemanden, der nicht Fußball spielen und nicht am Motorrad basteln wollte. Erst in der Oberstufe hatte ich mit dem Theaterspiel etwas, bei dem ich Erfüllung fand.

Und dann ging es von Wassenberg direkt nach Wien auf die Schauspielschule?

Tarrach: Über Umwege und ein paar Ablehnungen. An der Folkwangschule in Essen haben sie mich nicht gewollt, in Düsseldorf studierte ich dann Deutsch und Französisch, bewarb mich weiter vergeblich, bis ich in Wien endlich Erfolg hatte. Dort aufgenommen zu werden, war neben der Geburt meiner beiden Kinder einer der stärksten Momente des Lebens.

Wie alt sind die Kinder jetzt?

Tarrach: Erwachsen und aus dem Haus. Sophie ist 28 und möchte Kinder- und Jugendtherapeutin werden, Max ist 25 und unser kleiner Professor. Er studiert Philosophie und schreibt gerne. Schauspieler wollen beide nicht werden. Das ist aber auch in Ordnung. Hauptsache, sie finden etwas, das sie begeistert.

Sie wohnen bestimmt auch sehr gemütlich, oder?

Tarrach: Ja, wir leben seit fünf Jahren in Potsdam, in einem cottageartigen Haus aus den 30er Jahren, mit riesigem Garten, der See ist nur 400 Meter entfernt. Ich bin privat kein Draufgänger, ich liebe die Ruhe und den Rückhalt, man kann das spießig nennen, aber mein Beruf ist aufregend genug. Im Sommer sieht mein Tagesablauf meist so auf: Nach einigen Telefonaten gehe ich in den örtlichen Supermarkt und kaufe ein. Wir essen gern Fleisch. Sorry, Greta (lacht). Das kommt dann später auf den Grill. Ich habe einen Gas- und einen Holzkohlegrill, letzterer nennt sich „Big Green Egg“. Das ist ein Zaubergrill, einem japanischen Kamado-Ofen nachempfunden. Man kann wunderbares Pulled Pork darin grillen, alles bleibt sehr saftig, hach . . .

Kann es sein, dass Sie ein ziemlich südländisches Gemüt haben?

Tarrach: Oh ja. Seit ich das erste Mal mit meinen Eltern auf einem Campingplatz in Spanien war, lässt mich die Liebe zum Mediterranen nicht mehr los. Die Sonne, das Essen, die Lebensart – das ist einfach toll. Auf dem Gymnasium hat mich das Chanson gefangengenommen, als Student kam Italien dazu, viele Jahre später haben wir uns sogar den Traum erfüllt, dort ein Häuschen zu haben.

Wie schön. Wo denn?

Tarrach: In Ligurien, in der Nähe von San Remo. Also, in Italien ist so etwas eigentlich nicht bezahlbar, und auch, wenn ich eine kleine Rolle bei James Bond hatte, ist man nicht zwingend Multimillionär. Es war einfach ein glücklicher Zufall, drei Kilometer vom Strand entfernt, dieses Haus kaufen zu können. Aber jetzt überlegen wir, es zu verkaufen. Die Kinder kommen nicht mehr mit, und meine Frau und ich, wir wollen gerne viel von der Welt sehen, ich würde zum Beispiel unheimlich gerne mal nach Mauritius reisen. Außerdem verbringe ich ja zweieinhalb Monate im Jahr bereits in einer tollen Stadt im Süden und verdiene dort sogar noch Geld.

Debütalbum von Jürgen Tarrach: „Zum Glück traurig“. Foto: Okeh (Sony Music)/cover

Sie spielen seit zwei Jahren im Lissabon-Krimi der ARD den gebeutelten Pflichtverteidiger Eduardo Silva.

Tarrach: Eduardo ist selbst eine Fado-Gestalt – mit dieser Sehnsucht nach seiner verstorbenen Frau und seinen Schuldgefühlen. Er ist eine vielschichtige Persönlichkeit, insofern macht mir die Rolle großen Spaß.

Oft spielen Sie etwas zwielichtige Typen, wie den unvergessenen Norbert aus dem München-Tatort. Und in „Casino Royale“ lautete Ihre Charakterbeschreibung „Fat German“. Froh, auch mal einen Sympathieträger zu verkörpern?

Tarrach (lacht): Okay, ich werde nicht unbedingt für die Rolle des strahlenden Helden verpflichtet. Und manche meiner Charaktere hatten etwas leicht Schmuddeliges, aber auch oft etwas Herzliches. Ich würde schon sagen, dass ich viele tolle und unterschiedliche Sachen drehen konnte, von der Komödie bis zu sehr ernsten Rollen.

Wie gut kennen Sie Lissabon inzwischen?

Tarrach: Ich fühle mich fast schon wie ein Resident. Ich wohne, wenn ich drehe, in einem kleinen Appartement mit Innenhof, mitten im Bairro Alto. Leckeres Essen, vorzüglicher Wein, guter Kaffee und überall diese herrlichen Aussichtspunkte, die Miradouros, von denen man auf den Fluss Tejo gucken kann. Lissabon ist ein kleines, beschauliches Paradies.

Haben Sie Ihre Liebe zum Fado dort intensiviert?

Tarrach: Ich war mit meiner Kollegin Vidina Popov, die im Krimi meine Assistentin spielt und auf dem Album mit mir gemeinsam das Lied „Ein Schrei“ singt, zweimal in einer Fado-Kneipe. Das war uns aber zu touristisch. Wir haben uns vorgenommen, jetzt beim nächsten Dreh ab September die gemeinen Bars zu entdecken, in denen der authentische Fado gespielt wird. Für das Album habe ich den Fado seit den 20er Jahren studiert, aber auch den modernen Fado als Inspirationsquelle genommen. Besonders mag ich Mariza, die ein großer Star und eine tolle Frau ist. Es gibt ein Youtube-Video mit ihr, auf dem sie am Torre de Belém singt und auf einmal selbst weinen muss – so ergriffen ist sie von ihrem eigenen Gesang. Und das Publikum flippt aus, der Fado ist wirklich ein wichtiger Teil der portugiesischen Seele.

„Zum Glück traurig“, so wird die Platte beworben, sei das erste deutschsprachige Fado-Album. Warum tun wir uns mit melancholischen Liedern so schwer?

Tarrach: Die Deutschen bevorzugen in der Unterhaltungsmusik das Fröhliche, das Leichte. Sie wollen sich mit Traurigem nicht konfrontieren, dafür ist die Klassik da.

Wie eng gehören für Sie Fado-Weltschmerz und Liebeskummer zusammen? In „Ich habe keine Tränen“ zum Beispiel singen Sie über eine verzehrende Liebe.

Tarrach: Der Text hätte auch von mir sein können! Ich war mal auf der Schauspielschule in Wien schrecklich unglücklich verliebt in ein blondes Girl, ein echtes Miststück, muss man sagen. Sie war aus ihrer WG rausgeflogen und bat mich dann, sie bei mir wohnen zu lassen. Ich habe sie angebetet, aber es ist natürlich nichts passiert. Das war erotische Folter.

Sie singen auch „Ich verliebe mich zu schnell“.

Tarrach: Der Song ist die Geschichte eines älteren Herren, der sich in eine anmutige junge Frau verknallt. Das Lied besingt selbstironisch, dass man als älterer Herr leicht entflammbar ist, wenn da so junge Dinger um einen herumturnen. Natürlich nur im Kopf (lächelt).

Drückt Sie persönlich der Schuh des Alters?

Tarrach: Schon, die Haare werden lichter und dünner, die Tabletten, die man morgens einnehmen muss, werden mehr. Doch es gibt zum Altwerden keine Alternative, außer zu sterben.

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