Aachen: Die kühne Vision von einer Quelle allen Lebens

Aachen: Die kühne Vision von einer Quelle allen Lebens

Kim Leopold und Ban Ki-moon sind verwandt. Nicht blutsverwandt. Die 17-jährige Schülerin aus Geilenkirchen und der Generalsekretär der Vereinten Nationen sind Verwandte im Geiste.

Erst vor vier Tagen, am Montag, am 18. Internationalen Welttag des Wasser, rief der hochrangige Diplomat die Weltgemeinschaft dazu auf, Wasser zu sparen. Am Mittwochvormittag steht Kim Leopold in einem Seminarraum des Karman-Auditoriums und tut genau dasselbe.

Wenn auch ohne Worte. Zu Kims Füßen klebt ein kleiner, gelber Zettel auf dem Boden. „Education” - „Erziehung” ist darauf zu lesen. Gemeint ist die Erziehung zu einem bewusste Umgang mit Wasser. Also auch zum Wassersparen. Denn das findet Kim - wie ihr großes Vorbild Ban Ki-moon - ungemein wichtig.

Die Schülerin des Geilenkirchener Anita-Lichtenstein-Gesamtschule ist Teilnehmerin beim Europäischen Wissenschaftsparlament (EWP) von Stadt und RWTH Aachen. Zum zweiten Mal kommen in diesem Jahr rund 120 Schüler, Studenten, Lehrer und Experten aus ganz Europa in Aachen zusammen, um über ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema zu diskutieren. Alles dreht sich um den lebenswichtigen, aber vielerorts knappen Rohstoff Wasser. Wasser als Quelle des Lebens, Wasser als Gegenstand politischer Konflikte, Wasser als Naturgewalt.

Am Dienstagabend eröffneten Oberbürgermeister Marcel Philipp und RWTH-Rektor Professor Ernst Schmachtenberg die dreitägige Tagung. An ihrem Ende soll, wie bereits beim ersten EWP, eine gemeinsame Erklärung aller Parlamentarier stehen. Und Kim Leopold wird ein Teil davon sein.

Doch vorerst versuchen sie und ihre etwa 15 europäischen Mitstreiter erst einmal, sich dem umfangreichen Thema zu nähern. Sie alle gehören dem Workshop „Wasser und Gesellschaft” an. Das ist einer von insgesamt fünf Bereichen des diesjährigen EWPs. In dieser Gruppe geht es darum, welchen Einfluss etwa Erziehung, Religion, Kultur oder Medien auf den Umgang mit Wasser haben. Jede Kategorie wird auf einem gelben Zettel notiert. Zu ihnen formulieren die Teilnehmer fragen.

Auf Englisch. Denn beim EWP ist Englisch Pflicht. Damit jeder alles versteht. Kim möchte wissen: „Was können wir tun, damit die nächsten Generationen die Wasserressourcen besser nutzen als wir?” Ihre Frage wird neben das gelbe Feld „Erziehung” geheftet. Sie soll später in der Gruppe besprochen werden.

Während Kim Leopold auf dem Fußboden Diskussionsanregungen sammelt, tut Jens Kathrein dies nur einen Raum weiter am Flipchart. Der Schüler besucht ebenfalls das Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen. Er bildet mit Kim und einer anderen Mitschülerin, Simona Cacciopoli, eine gemeinsame EWP-Gruppe. Die einzige Schülergruppe aus Deutschland. Jens hat den Workshop „Wasser und Technik” gewählt, „weil mich Naturwissenschaften begeistern und ich über neue Möglichkeiten der Wasseraufbereitung diskutieren möchte”, sagt er.

Dementsprechend technisch geht es in der Gruppe auch gleich zur Sache. Arne Verliefde, Wissenschaftler an der TU Delft in den Niederlanden, gibt in einem Kurzvortrag eine Überblick über aktuelle Forschungsprojekte. So erzählt er von einem mit Silberpartikeln überzogenen Eimer, der Wasser automatisch von Bakterien befreit. Der aber noch zu teuer ist.

Zumindest für die Länder, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Und er erzählt von Projekten, arsenverseuchtes Wasser in Bangladesch zu säubern oder Toilettenabflüsse für die Energiegewinnung durch Biogas zu nutzen. Die einhellige Meinung im Raum: Die Welt braucht bessere Techniken zur Gewinnung und Verteilung von sauberem Wasser. Welche Techniken das sein könnten, darüber sprechen Jens und die andern jungen Leute. Weil sie sich verantwortlich fühlen.

Das tut auch Simona Cacciopoli. Für die dritte im Geilenkirchener Bunde ist es wichtig, dass jeder einzelne in seinem Alltag etwas für das große Ziel tut. „Wasser und persönliche Verantwortung” heißt das Motto ihres Workshops. Und die fängt schon bei den ganz kleinen Dingen an. „Die meisten meiner Bekannten kümmert der Wassermangel auf der Welt überhaupt nicht”, sagt die Schülerin. „Die duschen ewig lang. Da fehlt es an Wachsamkeit.” Die Leute aufrütteln, das wollen Simona und ihre Mitstreiter, die aus Polen, Belgien und der Türkei kommen. Ihnen zeigen, dass man auch Wasser sparen sollten, wenn man nicht direkt betroffen ist. Indem man aus dem Hahn trinkt. Indem man nicht so oft wäscht. Oder indem man eben kürzer duscht. Ganz im Sinne Ban Ki-moons.

Diskutieren, fragen, Ideen entwickeln: Kim, Jens und Simona tun das beim diesjährigen EWP in drei verschiedenen Workshops. Ihre Motivation aber ist ein und dieselbe: Dass alle Menschen auf der Welt ausreichende Zugang zu gesundem Wasser haben. Vielleicht liegt die Lösung in jedem einzelnen, vielleicht in einer bahnbrechenden Technik, vielleicht in einem neuen Gesetz. Über all das wird heute den ganzen Tag über noch heiß diskutiert werden. Bis am Ende des Tages, gegen 16:30 Uhr, die zweite Aachener Erklärung des zweiten Europäischen Wissenschaftsparlaments in Aachen verabschiedet wird. Per Abstimmung. Die Anspannung steigt.

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