Geilenkirchen: Das Kleiderkarussell: Wo Dankbarkeit auch ohne Worte auskommt

Geilenkirchen : Das Kleiderkarussell: Wo Dankbarkeit auch ohne Worte auskommt

Kristina Weber weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nichts hat. 1972 hat sich die heute 71-Jährige aus der ehemaligen DDR „rübergemacht“. Mit kaum mehr als den Kleidern, die sie am Leibe trug, wagte sie damals den Neuanfang. „Wir haben auf dem Bahnhof übernachtet, waren im Flüchtlingslager und komplett auf die Hilfe Anderer angewiesen.“

Aus Dankbarkeit für die Unterstützung, die ihr damals zuteil wurde, möchte sie nun etwas zurückgeben. Darum engagiert sie sich ehrenamtlich im Kleiderkarussell Geilenkirchen und verteilt Kleidung sowie die wichtigsten Dinge des täglichen Lebens an Flüchtlinge. „Diese Arbeit füllt mich aus“, erzählt Kristina Weber. In einem Team aus insgesamt zehn Personen regelt sie jeden Montag von 16 bis 19 Uhr die Ausgabe und Annahme in den Kellerräumen der Geilenkirchener Realschule. Allerdings ist jetzt gerade Vor-Ferienzeit, einige Helfer haben ihren Urlaub geplant, und die Öffnung des Kleiderkarussells steht auf der Kippe.

Auch Schuhe und sonstige Dinge des täglichen Lebens... Foto: Simone Thelen

Großer Andrang, lange Schlangen

...wechseln im Keller der Realschule ihre Besitzer. Foto: Simone Thelen

„Wir brauchen dringend ehrenamtliche Helfer, die uns im Kleiderkarussell unterstützen“, weiß auch Jürgen Benden, Organisator des gemeinnützigen Projektes und selbst bei der Kleiderausgabe vor Ort. „Wir brauchen hier montags mindestens sieben bis acht Leute, ansonsten ist die Arbeit einfach nicht zu schaffen.“

Wenn die Öffnung näher rückt, bildet sich vor dem Kleiderkarussell regelmäßig eine Schlange. Zwischen 40 und 60 Menschen kommen jede Woche vorbei, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Und wenn ein Feiertag auf einen Montag fällt, wie Pfingsten, ist in der Woche danach erst recht die Hölle los.

Beim Eingang zum Kleiderkarussell geben die Kunden, die etwa aus Syrien, aus Afghanistan, Pakistan oder Sri Lanka kommen, ihre Ausweise ab. Wenn sie noch nicht registriert sind wird eine Karteikarte angelegt, auf der vermerkt wird, welche Kleidungsstücke sie am Ende mitnehmen möchten. Benden: „So können wir kontrollieren, dass sich niemand übermäßig bedient und wirklich nur Sachen mitnimmt, die er selbst zum Leben braucht.“

In der Kleiderkammer selbst sind die Sachen geordnet. Im vorderen Raum türmen sich die Sachen für Damen und Herren, geordnet nach Art der Kleidung und nach Größe. Mitarbeiter helfen bei der Suche. „Teilweise machen wir hier auch Modeberatung“, weiß Kristina Weber.

Durch einen Gang, in dem Babykleidung untergebracht ist, geht es in den hinteren Raum, die Kinderabteilung. Hier gibt es neben Hosen, T-Shirts und Pullovern auch Schuhe und Spielsachen, aber auch Töpfe, Teller, Tassen und was man sonst alles benötigt. Einmal ging im Kleiderkarussell sogar ein wunderschönes Hochzeitskleid über die Theke, und dazu auch ein passender Herrenanzug.

Fotos, die das glückliche Paar dem Kleiderkarussell ein paar Wochen später zukommen ließ, beweisen, wie glücklich man Menschen mit solchen Dingen machen kann. Und die strahlenden Kinderaugen, wenn es mal Fußballschuhe oder ein Trainingstrikot gibt, sagen mehr als Worte.

Einwandfrei in Ordnung

Benden: „Die Sachen, die wir natürlich alle kostenlos ausgeben, sind wirklich schön, einwandfrei in Ordnung und sauber. In der Regel sind es Teile, aus denen die Vorbesitzer rausgewachsen sind oder die sie aus sonstigen Gründen nicht mehr tragen wollen.“ Die Spendenbereitschaft sei nach wie vor hoch, allerdings sei das Interesse zur Mitarbeit nach der anfänglichen Euphorie der Willkommenskultur bei der Gründung vor zwei Jahren gesunken.

Darum bittet Benden Menschen, die gerne mit anderen Menschen arbeiten und neue Kulturen kennenlernen möchten, sich zu melden und im Kleiderkarussell mit anzupacken. „Hier ist immer viel zu tun in einem komprimierten Zeitraum, man muss sich manchmal durchsetzen können, bestimmt aber auch freundlich sein.“ Zudem solle immer ein Mann im Team mit dabei sein.

„Ich kann jedem nur empfehlen, hier mitzuhelfen“, sagt auch Kristina Weber. „Wenn man die glänzenden Augen der Menschen sieht, vor allem der Kinder, ist das die Mühe allemal wert.“ Auch in ihrer Freizeit begegnet sie ab und an dem ein oder anderen Kunden. „Ich kann ein paar Worte arabisch sprechen, das kommt mir zu Gute. Aber die Dankbarkeit versteht man auch ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse.“

Wer gerne im Kleiderkarussell helfen möchte, kann sich bei Jürgen Benden melden unter Telefon 0177/2001119.

Mehr von Aachener Nachrichten