Das Geilenkirchener Land im Jahr 1939 vor dem zweiten Weltkrieg

Zweiter Weltkrieg : Und alle fragen sich: „Gävt et Kresch?“

Eine Frage, die wohl viele Geilenkirchener vor dem 1. September 1939 beschäftigte: „Gävt et Kresch?“ („Gibt es Krieg?“) Ein Blick auf die Stadt in den letzten Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Als Am 30. Januar 1939 Bürger der damaligen Kreisstadt Geilenkirchen und anderer umliegender Ortschaften sich im Saale Johnen an der Stelle des späteren Stadthotels trafen, um Hitlers Rede anlässlich des sechsten Jahrestages der Machtergreifung im Gemeinschaftsempfang zu verfolgen, blickten die meisten von ihnen ahnungslos in die Zukunft. Selbst die größten Pessimisten haben den tragischen Verlauf des Jahres 1939 nicht vorausahnen können.

Die bereits nach der Machtübernahme begonnene innenpolitische Gleichschaltung fand mit der Einführung der „Deutschen Schule“ einen traurigen Höhepunkt. Nachdem der Friede im vorausgegangenen Jahr 1939 anlässlich der Sudetenkrise auf dem Verhandlungsweg in „buchstäblich letzter Sekunde“ gerettet worden war, gipfelten von den Nationalsozialisten provozierte Konflikte mit dem östlichen Nachbarn Polen in den Zweiten Weltkrieg. Die innen- und außenpolitische Großwetterlage beschäftigte auch die Menschen im hiesigen Grenzgebiet. Die Schrecken des Ersten Weltkriegs waren noch nicht vergessen. Ein neuer Weltenbrand, der gar den Charakter eines Vernichtungskrieges annehmen sollte und schließlich unsere Heimat zum Kampfgebiet werden ließ, lag im Herbst 1939 außerhalb der Vorstellungswelt.

Die meisten Menschen haben die politische Entwicklung mit größter Sorge betrachtet; sie haben ihre wahren Empfindungen wohl mit ins Grab genommen. Trotzdem erscheint es aus der Distanz von acht Jahrzehnten sinnvoll, die Sorgen, Gedanken, Empfindungen und Erlebnisse zu rekonstruieren.

Der achtzigste Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs lädt zu diesem Unternehmen ein. Der Verfasser dieser Artikelserie stützt sich auf die originalgetreuen Aussagen der Stadtchronisten von Geilenkirchen und Übach-Palenberg, auf heimatkundliches Schrifttum sowie auf Augenzeugenberichte von bereits verstorbenen Bürgern.

Eine scheinbare Zufriedenheit

Auf den ersten Blick hatten die Menschen in der hiesigen Gegend am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Grund genug, um zufrieden zu sein. Die Krisenjahre der Weimarer Republik gehörten der Vergangenheit an. Die Vollbeschäftigung hatte die Massenarbeitslosigkeit verdrängt, so dass die Gruben im Wurmrevier sowie Industriebetriebe in Oberbruch, Birgden und Gillrath für „Arbeit und Brot“ sorgten. Die Familien freuten sich über ein geregeltes Einkommen.

Zur Verbesserung ihres Lebensstandards trugen auch familienpolitische Maßnahmen der „braunen Machthaber“ bei. Kindergeld und Ehestandsdarlehen ermöglichten einen bescheidenen Wohlstand. Hinzu kamen kulturelle und touristische Angebote, die man noch wenige Jahre zuvor in den Bereich der Träumerei verwiesen hätte. Theateraufführungen und musikalische Inszenierungen wurden im Festsaal der Gewerkschaft Carolus Magnus in Übach-Palenberg angeboten. In den Jahren 1938 und 1939 nahmen 956 Kinder aus dem Selfkantkreis an mehrwöchigen Kinderferienfreizeitmaßnahmen in entfernteren Gegenden teil. Noch im Juni 1939 startete eine junge Arbeitnehmerin vom Bahnhof Lindern aus eine von der nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ organisierte Fahrt in den Schwarzwald, wo sie mit vielen Gleichaltrigen unbeschwerte Wochen verbringen sollte.

Das technische Know-how kam nicht nur privilegierten Bürgern sondern auch Durchschnittsverdienern zu Gute. Unvergessen blieb vielen Geilenkirchern die Präsentation des ersten Volkswagens im September 1938 auf dem Marktplatz.

Aber nur die wenigsten Zeitgenossen werden die „Kehrseite der Medaille“ erkannt haben. Die Verbesserungen des Lebensstandards waren dem Primat der Kriegsvorbereitung und der bedingungslosen Identifizierung mit dem NS-Regime untergeordnet. Die in den Vierjahresplänen artikulierte Zielsetzung, die deutsche Wirtschaft so bald wie möglich kriegsfähig zu machen, bestimmte auch das Produktionsniveau der hiesigen Industriebetriebe. Kindern war die Rolle zugewiesen worden, als „Kanonenfutter“ ihren Beitrag zur Errichtung eines „deutschen Weltreiches“ zu leisten. Die an sie gerichteten Angebote waren in erster Linie darauf gerichtet, sie für die nationalsozialistische Weltanschauung zu gewinnen und gegen oppositionelle Strömungen zu immunisieren.

Ein Unrechtsregime

Keinem Bewohner des Geilenkirchener Landes blieb aber das Leben in einem Unrechtsregime verborgen. Gerade die Zerstörung der Synagogen in Gangelt und Geilenkirchen hatte den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus offenbart. Mit dem vom Synagogenvorsteher Herrn Dahl aus Hünshoven am 26. Januar 1939 unterzeichneten Vertrag waren das Synagogengrundstück und das Gebäude der jüdischen Schule in den Besitz der Zivilgemeinde übergegangen.

Das jüdische Leben in Geilenkirchen hatte zwar ein offizielles Ende gefunden. Unvergessen blieb aber die Erinnerung an Geschäftskollegen, Freunde, Bekannte und Vereinskameraden, die ohne Worte des Abschieds aus dem gemeinsamen Lebensraum herausgerissen worden waren. Sie waren von nun an allerlei Schikanen ausgesetzt: Vorerst lebten sie völlig entrechtet in Massenunterkünften zusammengepfercht. Aber die Deportation in die berüchtigten Konzentrations- und Vernichtungslager war schon vor Kriegsbeginn fest beschlossene Sache.

Auch katholische Kirche stand im Weg

Aber auch andere Bevölkerungsschichten waren von der Willkürherrschaft betroffen. In den Zechensiedlungen der heutigen Stadt Übach-Palenberg waren bereits bald nach der Machtübernahme Gewerkschaftler und Angehörige der KPD dem Gestapoterror ausgesetzt worden. Dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch stand auch der Einflussbereich der katholischen Kirche im Weg.

Bereits 1937 war den Pfarrern das Erteilen des Religionsunterrichts untersagt worden. Das harte Los der Ausweisung aus politischen Gründen traf kurz vor Kriegsbeginn unter anderem eine Geilenkirchener Ursuline und einen Steyler Missionar. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Kirchenkampf Ostern 1939, als die katholischen Volksschulen aufgelöst und das Bildungswesen durch die Einführung der „Deutschen Schule“ in öffentliche Trägerschaft überführt wurde.

Die Kreuze wurden aus den Klassenräumen entfernt. Diese bildungspolitische Maßnahme wurde mit lokalen Gegebenheiten begründet. Sie kam laut Auffassung hiesiger Nationalsozialisten vor allem den Interessen der Bergarbeiterfamilien und der evangelischen Minderheit entgegen, deren Schulen sich wegen der geringen Schülerzahl als nicht lebensfähig erwiesen.

Aber der Versuch, die Kirche schrittweise aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, war offensichtlich. Die religionsfeindlichen Maßnahmen wurden begleitet von ruchlosen Angriffen von unbekannt gebliebenen Frevlern gegen Wegkreuze – vor allem in den Pfarrgemeinden Grotenrath und Scherpenseel.

Nicht weniger angefochten war die Stellung der „Höheren Schulen in kirchlicher Trägerschaft“, wie sie von der Pfarrgemeinde St. Nikolaus in Gangelt sowie von den Ursulinen und den Steyler Missionaren in deren Geilenkirchener Niederlassungen betrieben wurden. Sie mussten staatliche Visitationen und Inspektionen über sich ergehen lassen, bis sie sich im Winter 1939/40 zur Selbstauflösung gezwungen sahen, um ein schlimmeres Ende zu verhindern.

Dem gegenüber stand die beispiellose Treue der katholischen Bevölkerung zu ihrem Pfarrer und Bischof, die vor allem bei der Visitation des Dekanates Geilenkirchen im Juni 1939 durch Bischof Hermann Josef Sträter zum Ausdruck kam.

Eine systematische Vorbereitung für den Ernstfall

Der in seinem Buch „Mein Kampf“ geäußerte Wunsch, der germanischen Herrenrasse die Weltherrschaft auf Kosten der angeblich rassisch minderwertigen slawischen Völker zu verschaffen, hatte Hitlers Politik von Anfang an bewegt. Die wahren Absichten wurden aber geheim gehalten. Sowohl die westlichen Demokratien als auch die Bevölkerung im Deutschen Reich glaubten Hitlers angeblichen Verzicht auf weitere territoriale Forderungen, wenn Deutschland wieder als gleichberechtigter Partner anerkannt werde und die ungünstigen Vertragsbestimmungen von Versailles revidiert würden.

Trotzdem bewegte die Sorge vor einem neuen Krieg die Menschen in der hiesigen Gegend: Im Zeitraum vom Frühsommer 1938 bis zum Herbst 1939 errichteten 1737 Angehörige der Organisation Todt und des Reichsarbeitsdienstes im Bereich Geilenkirchen-Übach-Palenberg sechs Bunkeranlagen. Jedem Bürger musste klar sein, dass die Arbeiten am Westwall, die in der hiesigen Gegend für einen großen Zustrom von Neubürgern gesorgt hatten, keinesfalls der Friedenssicherung dienten.

„Gävt et Kresch?“

Die bange Frage „Gävt et Kresch?“ („Gibt es Krieg?“) war immer häufiger zu hören. Sie gewann eine ernsthafte Aktualität, als die Inspektion der Anlagen durch Adolf Hitler, der inkognito mit einem Sonderzug das Grenzland passierte, sich im Frühjahr 1939 wie ein Lauffeuer verbreitete.

Offiziell bekundete Hitler noch lange seinen Friedenswillen. Aber immer mehr bezweifelten die Bürger im Grenzland die Ernsthaftigkeit der Beteuerungen. Man hatte Angst vor einer Eskalation der internationalen Spannungen. So waren am 28. April 1939 die Straßen in der Kreisstadt Geilenkirchen wie leergefegt. Denn man wollte einer im Gemeinschaftsempfang in Behörden, Firmen und im Lokal Johnen übertragenen Rede Adolf Hitlers beiwohnen. Damals gelang es dem „Führer“ noch einmal die vom US-Präsidenten Roosevelt thematisierte Kriegsgefahr zu widerlegen. Scheinbar beruhigt gingen die Menschen nach Hause. Aber die Unsicherheit blieb bestehen.

„Modernste Armee der Welt“

Denn schon seit Jahresbeginn wurde die Bevölkerung systematisch auf den Ernstfall vorbereitet. Eine wichtige Aufgabe übernahm in dieser Hinsicht die gleichgeschaltete Lokalpresse. Sie zitierte in ihrer Ausgabe vom 19. Januar 1939 den Kreisleiter der NSDAP Volm, der vor Landwirten in Birgden zum ersten Mal die Notwendigkeit, den „Lebensraum“ zu sichern, erwähnt hatte. In die gleiche Richtung gingen seine im März 1939 anlässlich der völkerrechtswidrigen Einverleibung Böhmens und Mährens in einer Rede auf dem Geilenkirchener Marktplatz geäußerten Gedanken über die außenpolitischen Visionen des „Führers“, „der seinen nächsten Blick in Richtung Zukunft lenke“. Dieser „nächste Blick“ sollte bereits sechs Monate später mit dem Einmarsch in Polen traurige Realität werden.

In der Ausgabe der Heinsberger Zeitung vom 06.März 1939 wurde die „deutsche Wehrmacht als die modernste Armee der Welt“ gewürdigt. Zum ersten Mal wurden Schüler der Oberklasse zu Sonderlehrgängen für den Luftschutz verpflichtet. Den hohen Stand der Aufrüstung verfolgten vor allem Veteranen des Ersten Weltkriegs, deren Söhne seit 1935 jahrgangsweise zur Wehrmacht eingezogen wurden. Sie konnten sich anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag des Führers von dem hohen Stand der Wiederbewaffnung bei einem Besuch der Aachener Kaserne überzeugen.

Ein scheinbar normales Alltagsleben

Ungeachtet der berechtigten Sorgen ging die Bevölkerung dem gewohnten Lebensrhythmus nach. Die Getreideernte prägte auch im Sommer 1939 das dörfliche Leben. Aber auch die festliche Freude wurde nicht vergessen. So wurde am letzten Juniwochenende 1939 in Hünshoven die Gründung der Schützenbruderschaft vor 275 Jahren gebührend gefeiert. Die Linderner Schützen luden die befreundeten Bruderschaften aus Randerath und Brachelen zum Verbandsschützenfest ein. Gefeiert wurde auch in Hatterath, aber die Beschlagnahme des Festzeltes durch die Ortsgruppe machte deutlich, dass auch die in der Erzbruderschaft des Heiligen Sebastianus zusammengeschlossenen Bruderschaften unter den kirchenfeindlichen Agitationen der NSDAP zu leiden hatten.

Auch die „braunen Machthaber“ versuchten soviel Normalität wie möglich vorzutäuschen. Davon zeugte der am ersten Juniwochenende perfekt inszenierte Kreisparteitag, der 14.000 „Volksgenossen“ in die Kreisstadt lockte. Mit nicht geringer Vorfreude sehnte sich die lokale Parteiführung der traditionellen Teilnahme am Reichsparteitag in Nürnberg Anfang September 1939 entgegen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Ende August wurde die Parteiveranstaltung ohne Angabe von Gründen abgesagt.

Geräuschloser Abschied

Diesen Freitag werden die mittlerweile fast vollständig verstorbenen Zeitzeugen nie vergessen haben. Mitglieder der Ortsgruppen teilten mit einem Lautsprecher vom Fahrrad aus mit, dass Deutschland sich durch den Einmarsch der Wehrmacht in Polen im Kriegszustand befinde. Die Stimmung der Bevölkerung war weit von der Euphorie des Augusts 1914 entfernt. Weinen und Fassungslosigkeit prägten die Stimmungslage in Geilenkirchen und den umliegenden Orten. Der Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt war an diesem Morgen noch besser als an gewöhnlichen Werktagen besucht. Man suchte den Trost des Gebetes. Ganz anders als ein Vierteljahrhundert zuvor suchte man auf den Bahnhöfen in Geilenkirchen, Lindern und Palenberg vergeblich nach Menschenmassen, die die Wehrpflichtigen verabschiedeten. Der Abschied hatte sich in den letzten Augusttagen geräuschlos, unspektakulär und in aller Stille vollzogen.

Der Alltag hatte sich dem Krieg unterzuordnen

Vom Einsatz in Polen waren die Jahrgänge 1914 bis 1918 betroffen. Zwei Soldaten aus der Großgemeinde Übach-Palenberg fielen bereits am ersten Kriegstag, ein weiterer Wehrmachtsangehöriger aus Grotenrath fiel am 20. September 1939 einer deutschen Fliegerbombe zum Opfer, nachdem er kurzfristig in polnische Kriegsgefangenschaft geraten war.

Die Bevölkerung sollte auf optimalste Weise vor ungünstigen Eventualitäten geschützt werden. Die Bevölkerung Übach-Palenbergs erhielt bereits am Tag vor dem Kriegsbeginn den Marschbefehl. Aus berechtigter Angst vor dem Einfall der Westmächte sollten die Orte evakuiert werden. Da sich die Sorge als unbegründet erwies, konnten die Marschausweise bereits nach wenigen Wochen wieder eingezogen werden.

Die eklatanten Versorgungsmängel der Kriegsjahre 1914 bis 1918 sollten sich nicht wiederholen. Daher wurden bereits am 26. August 1939 Bezugsscheine für den Erwerb von Grundnahrungsmittel ausgegeben, die in den folgenden Tagen auf andere Waren des täglichen Bedarfs und auf Textilien ausgedehnt wurden.

Mit Kriegsbeginn trat auch der Luftschutz in Kraft. Über fünfeinhalb Jahre waren die Stadt und die umliegenden Ortschaften abgeblendet, wurde jede Beleuchtung auf den Straßen und innerhalb der Wohnungen verboten. Allabendliche Kontrollgänge von Dorfbewohnern überprüften die Durchführung der Verordnungen, denen sich niemand ohne Strafe entziehen konnte.

Geilenkirchen im Fahnenschmuck

Bereits nach wenigen Wochen kapitulierte die in jeder Hinsicht unterlegene polnische Armee. Als Hitler am 06.Oktober 1939 vor dem Reichstag die Erfolge der Wehrmacht herausstellte, wurden seine Worte auch in Geilenkirchen im Gemeinschaftsempfang vernommen.

Fahnenschmuck an allen öffentlichen Gebäuden zeugte von der Freude, die angesichts des Kriegszustands wesentlich verhaltener als anläßlich der Einverleibung Österreichs und des Sudetenlandes zum Ausdruck kam. Ein Ende des Krieges war keinesfalls in Sicht. Hitlers Ziel war auf die Herrschaft über ganz Europas ausgerichtet. Immer mehr junge Männer erhielten den Gestellungsbefehl.