Geilenkirchen-Lindern: Das fremde Land schon ins Herz geschlossen

Geilenkirchen-Lindern: Das fremde Land schon ins Herz geschlossen

Jung-Min Lee ist gerade einmal 16 Jahre alt und hat sich dennoch entschlossen, ihre angestammte Heimat zu verlassen und fernab von Seoul zehn Monate bei Gastfamilien zu verbringen.

Die junge Frau aus Südkorea nimmt an einem Austauschprogramm der weltweit tätigen Jugendorganisation Youth For Understanding (YFU) teil und hat sich Deutschland als Ziel ausgesucht. Zusammen mit zwei jungen Koreanern landete Jung-Min am 23. Juli in Frankfurt und wurde hier von Georg von Hasselt, dem Mitarbeiter der Organisation vor Ort, am Flughafen abgeholt.

Ein wenig nervös und aufgeregt sei sie schon gewesen, als sie deutschen Boden betrat, erzählt sie dieser Zeitung. Schon auf der Zugfahrt nach Geilenkirchen bemerkte sie große Unterschiede zwischen den beiden Ländern, die sich im Landschaftsbild äußerten. „Hier gibt es weite Flächen mit vielen Feldern und viel Grün, das mag ich”, zeigt sich Jung-Min beeindruckt.

Am Geilenkirchener Bahnhof lernte die 16-Jährige dann mit dem Ehepaar Angela und Gerd Schmitz ihre Gasteltern kennen, in deren Linderner Haus sie einen Monat lang leben wird. Schnell hatte sich die freundliche Koreanerin auch mit den Töchtern Kristin (14) und Dana (8) angefreundet. Jung-Mins koreanischen Freunde sind während dieser Zeit bei Gastfamilien in Übach-Palenberg und Straeten untergebracht.

Die 16-jährige hat sich sofort eingelebt und erzählt von ihrer „Jung Sin Girls Highschool” in Seoul, wo sie die zehnte Klasse besucht. Englisch sei die Basissprache in Südkorea, doch sie sei auch noch in die französische Sprache eingestiegen, habe aber dann zu Deutsch gewechselt.

Bevor sie den Flug in die Bundesrepublik antrat, habe sie an der Deutschen Akademie in Seoul drei Monate lang Deutsch gelernt. Das reichte für einige Grundkenntnisse, aber „Deutsch ist eine sehr schwere Sprache”, gibt Jung-Min zu. Durch YFU sei sie im vergangenen Jahr bereits nach Japan gekommen und Ende 2009 habe sie von ihrer Mutter erfahren, dass es ein Programm namens „Go to Germany” bei YFU Korea gebe.

Offensichtlich hat die 16-Jährige die Reise-Gene von ihrem Vater übernommen, denn der ist als Architekt viel in der Welt herum gekommen. Mehrmals war er schon in Deutschland und so konnte er seiner Tochter das Land in Mitteleuropa schmackhaft machen. Am Abend ihrer Ankunft in Lindern war nach dem langen Flug Schlafen angesagt.

Am folgenden Samstag stand Kuchenbacken auf dem Programm und das hatte seinen Grund: Die zu diesem Zeitpunkt noch siebenjährige Dana feierte am darauf folgenden Sonntag ihren achten Geburtstag und das sollte gebührend gewürdigt werden.

Am Montag begann dann der „Ernst des Lebens” für Jung-Min Lee: Für sie und andere neun Austauschschüler aus den USA und Südkorea startete der Intensiv-Unterricht im St. Ursula Gymnasium in Geilenkirchen. Montags bis freitags von 8 bis 15.30 Uhr, und das vier Wochen lang, findet hier der „Crash-Kurs” in Deutsch mit Lehrerin Ann-Kristin Rüther und der Orientierungsunterricht mit Claudia Enzweiler statt.

In der jeweils einstündigen Mittagpause wird ein Menü in der Krankenhaus-Cafeteria eingenommen. Apropos Menü, das Essen in Deutschland findet Jung-Min „interessant”. „Sie probiert alles und hat schon viel durch”, berichtet Gastmutter Angela Schmitz.

„Mir schmeckt ein Brötchen mit Nutella am besten”, gibt die 16-Jährige ihre Lieblingsspeise bekannt. In Korea esse sie am liebsten „Reis mit Kinchi”, wobei letzteres ein gut gewürztes Gemüse ist.

Bei der Fahrt durch Lindern zeigte Gastvater Gerd Schmitz der jungen Koreanerin die vierstöckigen Terrassenhäuser als die höchsten Gebäude des Geilenkirchener Stadtteils. Dafür hatte Jung-Min aber nur ein müdes Lächeln übrig, ist sie von zu Hause doch riesige Wolkenkratzer gewohnt.

Jung-Min ist begabt und spricht nach zwei Wochen in Deutschland schon verständlich Deutsch. Jeden Morgen fährt sie mit dem Zug um 7.48 Uhr von Lindern nach Geilenkirchen und geht das kleine Stück zur Schule zu Fuß. Die Koreanerin zeichnet für ihr Leben gern.

„Jung-Min ist unwahrscheinlich talentiert und eine wahre Künstlerin”, zeigt sich Gerd Schmitz begeistert. Deshalb hat er ihr auch erlaubt, einen asiatischen Drachen auf seinen historischen VW-Buggy zu malen.

Angenehmer Gast

„Jung-Min ist ein angenehmer Gast, freundlich, engagiert, unkompliziert und wissbegierig, sie ist ganz lieb”, lobt Angela Schmitz die 16-Jährige. „Mit ihr gibt es gar keine Probleme”, ergänzt Gerd Schmitz.

Mit dem Musikpark in Geilenkirchen hat Jung-Min auch schon ihre erste deutsche Diskothek kennen gelernt, bis Mitternacht durfte sie hier ordentlich mit ihren Freunden abtanzen.

Aber schon in zwei Tagen heißt es Abschied nehmen von ihrer Linderner Gastfamilie, denn nach erfolgtem Deutsch-Intensivunterricht geht es weiter zu ihrer Jahres-Gastfamilie in das 900-Seelen-Dorf Wensing im Norden der Republik.

Zehn Monate lang wird die Austauschschülerin aus Korea das Gymnasium in Bad Segeberg besuchen, bevor sie nach fast einem Jahr in ihr Heimatland zurückfliegen wird.

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