Darmstadt/Übach-Palenberg

Drogenprozess Darmstadt : Was glauben? „Manchmal erzählt sie so, manchmal wieder so“

Auch nach neun Monaten ist das Verfahren gegen eine mutmaßliche Bande von Drogenhändlern aus Übach-Palenberg vor dem Landgericht im hessischen Darmstadt noch für Überraschungen gut. Und wieder sind es Zeugenaussagen, die für Erstaunen sorgen.

Im Prozess gegen eine Frau aus dem Stadtteil Marienberg und ihren 78 Jahre alten Ex-Freund haben der von ihr getrenntlebende Ehemann der Angeklagten sowie eine Schwester ausgesagt. Beide waren auf Antrag der Verteidigerin geladen worden. Sie könnten bestätigen, dass die Frau stets Anweisungen ihres mitangeklagten Ex-Freundes befolgt und sich untergeordnet habe, so die Anwältin. Doch statt zu helfen, sorgen die Aussagen der Zeugen dafür, dass die Glaubwürdigkeit der Angeklagten nun erst recht angekratzt ist.

Die 54 Jahre alte Schwester berichtet aus der Kindheit und warum sie etwa 30 Jahre keinen Kontakt zu der Angeklagten hatte: „Sie erzählte manchmal so und manchmal so, ich wusste nicht, was ich glauben soll.“ Sie habe in der Zeitung gelesen, was die Angeklagte vor Gericht über ihre Mutter gesagt hat. „Dass sie getrunken und Männer mit nach Hause gebracht hat“, so die 54-Jährige.

„Das stimmt doch gar nicht!“ Die Mutter sei „eine ganz Liebe“ gewesen, die sich immer schützend vor die Kinder geworfen habe, wenn der Vater diese habe schlagen wollen. Der Vater sei brutal gewesen und oft auf die Mutter losgegangen. Schließlich habe diese sich scheiden lassen. Zehn Kinder habe die Mutter gehabt, „wir mussten natürlich alle zu Hause mit anpacken“, sagt die Zeugin. Aber schlecht behandelt habe die Mutter ihre Kinder nie.

Ohnehin habe die Angeklagte nicht viel mitbekommen, „die war ja erst im Kloster und dann im Heim“, sagt die Zeugin. Die Kammer, die in dem Verfahren einiges erlebt hat, scheint dennoch überrascht. Das war offenbar nicht bekannt. Die Zeugin erläutert, dass ihre Mutter mit der Angeklagten nicht fertig wurde. „Die war immer weg und sehr freizügig“, formuliert es die Schwester. Deswegen habe die Mutter das Mädchen im Alter von etwa 14 Jahren ins Kloster geschickt. Doch auch die Nonnen seien überfordert gewesen, das Kind kam ins Heim.

Ihre Schwester sei schon immer ein bestimmender Typ gewesen. „Wenn die was gesagt hat, musste das sofort gemacht werden.“ Wenn sie ihren Willen dann doch nicht habe durchsetzen können, „hat sie sich einfach fallenlassen, wie ohnmächtig“, berichtet die Zeugin. Die Mutter sei deswegen besorgt gewesen und zu „zig Ärzten“ gerannt, aber keiner habe etwas feststellen können. „Ich weiß nicht, ob sie dadurch vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekommen wollte“, so die Schwester über die mutmaßlichen Ohnmachtsanfälle der Angeklagten. Als diese in jungen Jahren einmal nicht in die Disko gedurft habe, sei sie auch wie ohnmächtig zusammengebrochen. Manchmal habe sie noch mit den Zähnen geklappert. „Aber dann ist sie ruckzuck wieder aufgestanden und war ganz normal“, so die Schwester.

Zähneklappern und Zusammenbrüche kennt auch das Gericht. Vor wenigen Wochen fiel ein Verhandlungstag wegen eines Anfalls der Angeklagten aus. Zuvor hatte sie berichtet, in der Untersuchungshaft drei Tage lang keine Nahrung erhalten zu haben. Kurz darauf begann sie, mit den Zähnen zu klappern und brach zusammen. Ein Notarzt kam.

Dass die Angeklagte jedoch „ganz schlimme Anfälle“ gehabt habe, die mit Zähneklappern und Verkrampfungen einhergingen, bestätigt deren Ehemann. Das Paar lebt seit Jahren nicht mehr zusammen, ist aber noch verheiratet. Die Anfälle seien – das hatte die Angeklagte auch erzählt – als Folge eines Autounfalls aufgetreten. Bei einer Operation der 59-Jährigen habe es Probleme mit der Sauerstoffversorgung gegeben.

Dass die Frau jedoch wie behauptet deswegen drei Jahre im Koma gelegen habe, bestätigen weder Schwester noch Ehemann. Die Angeklagte hatte auch gesagt, ihr Sohn sei bei dem Unfall umgekommen. „Ihr Sohn?“, fragt der Ehemann sichtlich erstaunt. „Der lebt doch!“ Außerdem sei er bei dem Unfall gar nicht dabei gewesen. Auch die Schwester der 59-Jährigen sagt, dass die Angeklagte eine Tochter und einen Sohn habe und „beide leben“. Dass die Tochter, wie von der Angeklagten behauptet, das Ergebnis eines inzestuösen Übergriffs ihres eigenen Vaters auf die Angeklagte sei, weist die Schwester entsetzt zurück.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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