Übach-Palenberg: Beschwerden vieler Anwohner: Polythex-Werk modernisiert Filter

Übach-Palenberg: Beschwerden vieler Anwohner: Polythex-Werk modernisiert Filter

„Ganz schlimm wird es bei Nordost”, beschreibt Heinrich Kiefer die Windrichtung, die auf die Anwesenheit des Kunststoffproduzenten Universal Polythex GmbH sehr deutlich aufmerksam macht. Bei dieser Strömung werden die Luft- und Duftstoffe aus dem Gewerbegebiet rund um die Borsigstraße durch die dichten Wohngebiete Richtung Sportzentrum geblasen.

Heinrich Kiefer wohnt da, unweit von ihm auch Joachim Fröhlich. Beide wundern sich - und mit ihnen mehr als 120 Nachbarn, die bei Joachim Fröhlich eine Petition unterschrieben haben - über die immer noch bemerkbare Geruchsbelästigung, die von dem Styrol-Verarbeiter ausgeht. Und das, obschon der Formen- und Folienhersteller in der Immissionstechnik nachgerüstet haben soll.

Das Thema ist kein neues. Universal Polythex siedelte 2001 von Linnich kommend an der Friedrich-Ebert-Straße. Die erste Beschwerde, auch wegen Lärms, gab es im Dezember 2002. Mit einer Belegschaft von rund 140 Leuten erzielt die Gesellschaft jetzt etwa 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Das auch, weil in dem Werk in vier Schichten an sieben Tagen in der Woche gearbeitet wird. Und das mit Polystyrol, mit ABS (Acrylni­tril-Butadien-Styrol) und PE (Polyethylene). Das entsprechende Granulat wird stark erhitzt, dann kann es in eine Form gepresst oder in eine Flachfolie gebracht werden. Das ergibt eine Produktpalette von der Verpackung bis hin zur in der Medizin eingesetzten Spritzenkörper. Bei dieser Herstellung verdunsten einige Inhaltsstoffe und werden als Gas freigesetzt, weiß auch die Untere Umweltschutzbehörde beim Kreis Heinsberg.

Das beeindruckt ziemlich jeden Besucher von Polythex, nicht aber die Anwohnervertreter. Sie sammeln Material, pflegen Statistiken, führen behördlichen Schriftverkehr und richten Anträge an die Stadt. Nach einem solchen vor dem Haupt- und Finanzausschuss Übach-Palenbergs teilte Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch dem Beschwerdeführer Joachim Fröhlich mit: „Obwohl klar ist, dass die sachliche Zuständigkeit beim Kreis Heinsberg liegt, beauftragen wir die Verwaltung der Stadt, sich auch inhaltlich mit dem Kreis auseinanderzusetzen.” Sie solle die Aufsichtsbehörde auffordern, unverzüglich dafür zu sorgen, dass die Geruchsbelästigung aufhöre. Der olfaktorische Eindruck, den die Betroffenen wahrnehmen, wird mit ein bisschen süßlich und etwas nach verschmortem Kabel geschildert. „Eben typisch nach Chemie”, sagt Joachim Fröhlich.

Im jüngsten Schriftverkehr mit der Kreisverwaltung macht das Dezernat V klar, dass Polythex „keiner immissionsschutzrechtlichen Genehmigungspflicht unterliegt”. Der Kreis hatte das Unternehmen im März 2009 aufgefordert, alle Abluftleitungen zu bündeln und sie durch Filteranlagen zu schicken. Das habe man im Juni 2010 als erfüllt betrachten können. Im Übrigen darf das Unternehmen gemäß gültiger Richtlinien über 10 bis 15 Prozent der Produktionszeit „Geruch” auftreten lassen. Dieses „gewisse Maß”, so der Kreis, sei bei Betrieben dieser Art „hinzunehmen”.

Für Polythex-Geschäftsführer Stefan Nickolai gibt es das von den Beschwerdeführern beschriebene Problem nicht mehr. „Wir haben vor kurzem rund 150.000 Euro in moderne Filtereinrichtungen investiert. Die Abluft fließt nun auch über ein Gel, das weitere Gerüche bindet.” Er selbst empfinde es als „deutliche Verbesserung”, was sein Unternehmen gegen Emissionen geleistet habe. Zudem diese Anlage im Betrieb Folgekosten in Höhe von rund 70.000 Euro jährlich verursachen würde.

Das heißt für den Geschäftsführer nicht, wie er betont, dass man nun mit den „Nachbarn” oder Betroffenen keinen Kontakt mehr pflegen wolle. „Ich bin für die Menschen stets da”, sagt Stefan Nickolai, „ich lade gerne dazu ein, dass wir über mögliche Probleme reden.” Darin wird er auch unterstreichen, dass Polythex ein Unternehmen ist, das schließlich lebensmitteltaugliche Produkte herstellt.

Wenngleich sich Joachim Fröhlich und Heinrich Kiefer in der Bewertung nicht ganz einig sind, um welchen Grad die Geruchsbelästigung zurückgegangen sein könnte, attestieren sie dem Polythex-Geschäftsführer eine „recht offene Art” im Umgang mit ihnen. „Aber gerade deshalb wundern wir uns über seine Verhaltensweise”, beklagt Joachim Fröhlich die „Ausreden” des Firmenleiters. Denn die Anwohnervertreter erwarten eine weitere Abluftmessung und möchten erfahren, was und wieviel dort aus dem silbrigen Kamin entweicht.

„Aber - wir werden nur vertröstet”, meint Heinrich Kiefer. „Haben die Angst vor verheerenden Werten?” Er bewertet mit eigener Nase seit mehr als einem Jahr, was aus dem Gebäude dringt. Dazu geht er driekt an dem Werk vorbei oder macht sich Notizen auf Einkaufs- und Versorgungswegen.

So lassen sich Sätze nachlesen wie „Starker Gestank bis zum Realparkplatz”, geschrieben am Samstag, 3. März 2012, gegen 12.55 Uhr. Und am 20. Juni lohnte für 12.45 Uhr der Eintrag, den Polythex-Geschäftsführer in Werksnähe getroffen zu haben. Ob es „besser geworden” sei, habe Stefan Nickolai gefragt. Das konnte Heinrich Kiefer ihm nicht bestätigen. Aber er wird weiter riechen und notieren. Nicht nur bei Brise aus Nordost.

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