Opfer: „Mein Leben ist zerstört“: Ausgeraubt und gefesselt vom Verlobten der Nichte

Opfer: „Mein Leben ist zerstört“ : Ausgeraubt und gefesselt vom Verlobten der Nichte

Mit Motorradhelmen auf dem Kopf und Panzertape bewaffnet drangen zwei Heinsberger in die Wohnung der Seniorin ein. Einer warf die 71-Jährige im Badezimmer zu Boden und fesselte sie, während der andere nach Beute suchte.

Langsamen Schrittes betritt eine kleine gebrechlich wirkende ältere Frau mit ihrem Rollator am Dienstag den Gerichtssaal im Amtsgericht Geilenkirchen. Mit der Hilfe ihrer Anwältin lässt sie sich auf dem Zeugenstuhl nieder. Ein kleiner Schmerzenslaut entweicht ihren Lippen. Mit leiser Stimme beginnt die 71-Jährige, ihre Geschichte zu erzählen. Ihre Schilderungen lassen die Zuschauer immer wieder mit dem Kopf schütteln und die zwei Angeklagten beschämt den Blick senken.

Ihr gegenüber auf der Anklagebank sitzt ihre Nichte Nastasja F. Die 37-Jährige ist zusammen mit ihrem Verlobten Kevin H. angeklagt. Der Vorwurf: schwerer Raub mit gefährlicher gemeinschaftlicher Körperverletzung. Im April 2018 klingelte das Paar an der Wohnungstür der Heinsbergerin. „Ich dachte, es ist mein Nachbar“, erzählt sie. Doch vor ihr standen zwei Personen mit Motorradhelm auf dem Kopf und einem verdunkelten Visier vor dem Gesicht. Die Hände der zwei Angeklagten waren für das, was gleich folgen sollte, in Einmal-Handschuhe gehüllt. „Die eine Person packte mich, schleifte mich zum Badezimmer hinüber und warf mich auf den Boden“, erzählt die Rentnerin. Anschließend wurden ihr Hände und Füße mit Panzertape gefesselt. Auch der Mund wurde ihr zugeklebt. „Ich habe fast keine Luft mehr bekommen, doch das Band war im Gesicht recht locker. Ich konnte es lösen“, schildert das Opfer. Die zweite Person durchsuchte derweil die Räume, und nach wenigen Minuten ließen die Täter ihr gefesseltes Opfer wieder alleine in der Wohnung zurück. 380 Euro Bargeld, ein Handy, ein Tablet, mehrere Portemonaies und Katzenfutter nahmen sie mit: „Ich bin dann bis zur Terrasse gerobbt und habe um Hilfe gerufen.“ Andere Mieter kamen der Frau rasch zur Hilfe. Bei dem Überfall sei ihre Hüfte gebrochen. „Ich kann noch immer nicht laufen und bin seither auf den Rollator angewiesen“, schildert sie die Folgen. Neben Schmerzen kämpfe sie mit Depressionen und könne nachts kaum noch schlafen. „Außerdem musste ich meine Katze abgeben. Ich konnte mich nicht mehr um sie kümmern“, erzählt das Opfer traurig. Auch ihr Auto musste sie verkaufen, da sie nicht mehr fahren kann. „Mein Leben ist zerstört. Ich sitze nur noch in meiner Wohnung - wie in einem Gefängnis“, so die Dame unter Tränen.

Lebt in bescheidenen Verhältnissen

Doch nicht nur ihre Nichte hat das Opfer hintergangen. Die beiden Täter schmiedeten den Plan gemeinsam mit der besten Freundin des Opfers. Diese war vorher zum Kaffee trinken bei der Heinsbergerin und ließ beim Verlassen der Mietwohnung die Haustür offen. Das Verfahren gegen die dritte Beteiligte steht noch aus.

„Wir dachten, bei ihr wäre viel zu holen, und wir wussten von ihrer Freundin, wo sie das Geld aufbewahrt“, so H. Dabei lebt das Opfer in bescheidenen Verhältnissen und von einer kleinen Rente. Auch über große Ersparnisse verfügt sie nicht. Dem Überfall vorangegangen war ein Streit zwischen Tante und Nichte. „Ich war schlecht auf sie zu sprechen“, erzählt die Angeklagte. Ihre Tante hatte sie bezichtigt, ihr 4000 Euro geklaut zu haben, doch heute sitzt ein anderer für diese Tat im Gefängnis.

„Das ist wirklich ein Hammerding. Das macht man nicht mal eben so“, findet Richterin Corinna Waßmuth. Und will mehr zu dem „Warum“ wissen. Doch diese Frage bleibt ohne Antwort. Beide Angeklagten sind bereits mehrfach vorbestraft wegen Betrug, Nötigung, Körperverletzung und Diebstahl. „Die Folgen für das Opfer sind erheblich“, betont Corinna Waßmuth in ihrer Urteilsbegründung. Mildernd seien nur das Geständnis und die relativ geringe Beute anzuführen. Daher verurteilte sie den Angeklagten H. zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und elf Monaten, und die Angeklagte F. muss für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis, da sie nicht aktiv am Fesseln beteiligt war.