Geilenkirchen/Übach-Palenberg: Aus 33 werden nach Verfolgungsjagd 58 Monate Haft

Geilenkirchen/Übach-Palenberg : Aus 33 werden nach Verfolgungsjagd 58 Monate Haft

Der Polizeibeamte hatte ganz vergessen, dass er vom Schöffengericht als Zeuge vorgeladen worden war. Kurzfristig gelang es am Dienstag, ihn doch noch ans Telefon und in den Zeugenstand zu bekommen. Das erwies sich als überaus nützlich, den die Verhandlung drehte sich im Folgenden sehr wesentlich um seine Aussage.

Auf der Anklagebank saß Hakan G.. Der Übach-Palenberger hat in seinem jungen Leben bereits ein beachtliches Vorstrafenregister angelegt. Zurzeit sitzt er eine Haftstrafe ab, die er sich unter anderem wegen mehrerer Fälle schwerer Körperverletzung eingehandelt hat. Zum Beispiel prügelte er die Mutter eines seiner drei Kinder ins Krankenhaus. Ansonsten sind eher Bagatellen aufgelaufen: der Besitz kleiner Mengen Marihuana, Fahren ohne Führerschein, Schwarzfahren, Tankbetrug.

Von einem etwas anderen Kaliber war wiederum die Sache, wegen der nun also der Polizist Patrick S. als Zeuge aussagte. Am 5. Mai 2017 hatte es sich zugetragen, dass S. und sein Kollege P. auf Streife über den Übacher Rathausplatz fuhren, da kreuzte ein grauer Ford Focus ihren Weg, der Fahrer war nicht angeschnallt. Als die beiden Polizisten ihn anhalten wollten, raste er davon.

Die Autos lieferten sich eine Verfolgungsjagd Richtung Marienberg, der Ford soll dabei auf ein halsbrecherisches Tempo von bis zu 100 Stundenkilometer gekommen sein und selbst dann überholt haben, wenn unmöglich zu erkennen war, ob Gegenverkehr kommt. Im Bereich der Wurmtalbrücke wurde den Polizisten die Sache zu gefährlich, sie brachen die Verfolgung ab. Der Ford brauste über den Grenzweg auf und davon in die Niederlande.

Von Dienst wegen bekannt

Ein knappes Jahr später lautete die Frage vor dem Schöffengericht nunmehr, ob es Hakan G. war, der den Ford fuhr. Patrick S. sagte aus, dass es ganz sicher so war. Er kannte G. an jenem 5. Mai bereits von Dienst wegen, die beiden Männer waren sich erst einige Tage zuvor bei einem Polizeieinsatz begegnet, der sich um häusliche Gewalt drehte. Als nun der graue Ford an ihm vorbeifuhr, erkannte er darin Hakan G., berichtete Patrick S. Richterin Corinna Waßmuth.

G. schwieg zu dem Vorwurf, sein Anwalt hingegen mühte sich redlich, die Aussage anzugreifen. Wie viele Sekunden habe er Zeit gehabt, in das Auto zu blicken? Was habe er in diesen Sekunden gemacht? Wie viele Meter stand sein Auto von dem Ford entfernt? Trug der Fahrer eine Kappe? Oder nicht? Eine Sonnenbrille vielleicht? Wenn er das nicht mehr wisse, wie könne er dann noch wissen, dass Hakan G. das Auto fuhr?

Der Polizist allerdings ließ sich nicht beirren und wich nicht von seiner Aussage ab, G. zweifelsfrei erkannt zu haben. Richterin Waßmuth und die Schöffen glaubten ihm und sprachen G. schuldig. Überhaupt passte ja zu der Flucht, dass G. keinen Führerschein hat, aber ausweislich seines Vorstrafenregisters dennoch ganz gern Auto fährt, wobei das allein natürlich nichts bewiesen hätte.

Zum Zeitpunkt der Verfolgungsjagd war G. bereits zu insgesamt zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt, jedoch hatte er Rechtsmittel eingelegt und befand sich auf freiem Fuß. Im Nachhinein betrachtet wäre es wohl besser gewesen, das alte Urteil zu akzeptieren, denn bis dieses Rechtskraft erlangte und G. im Herbst 2017 seine Gefängnisstrafe antrat, waren die Verfolgungsjagd und zahlreiche weitere, kleinere Anklagepunkte aufgelaufen (die G. am Dienstag auch einräumte). Als er vom Amtsgericht zurück ins Gefängnis gebracht wurden, hatte sich seine Gesamtstrafe auf vier Jahre und zehn Monate erhöht.