Geilenkirchen: Anita-Lichtenstein-Gesamtschule reist in die dunkle Vergangenheit

Geilenkirchen : Anita-Lichtenstein-Gesamtschule reist in die dunkle Vergangenheit

Für Lehrer und Schüler der Gesamtschule ist der Name Anita Lichtenstein ein fortwährender Auftrag, sich mit der Vergangenheit und dem „grausamsten Kapitel der deutschen Geschichte“ auseinanderzusetzen, sagt Schulleiter Uwe Böken. Die in Geilenkirchen geborene Namensgeberin der Schule wurde 1942 mit ihrer Familie von Düren aus ins Konzentrationslager Maydanek gebracht und dort im Alter von neun Jahren ermordet.

Seit 2011 fährt die komplette Jahrgangsstufe 9 der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule (ALG) für fünf Tage nach Krakau, um die Lager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau zu besuchen und einen Einblick in die ehemalige jüdische Gemeinde der polnischen Stadt zu erhalten.

„Möglichst kein Schüler soll entlassen werden, ohne einmal die Stätten der größten Grausamkeiten, die in deutschem Namen begangen worden sind, persönlich besucht zu haben“, sagt Bürgermeister Georg Schmitz, der die Schüler begrüßt, die aus Polen zurückgekehrt sind und ihre Eindrücke nun in der Aula der Schule in künstlerischer Form präsentieren. Die Arbeiten setzen sich auf vielfältige Weise mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Die Schüler präsentieren Kunstwerke, Filme, Plakate und Bildergalerien vom Bau des Konzentrationslagers Auschwitz, über den Transport der Juden in Viehwaggons bis hin zur „Rassenlehre“ die damals im Schulunterricht gelehrt wurde.

Eindrücke verarbeiten

„Die Ausstellung zeigt, wie grausam Menschen zu Menschen sein können, aber auch, wie erfolgreich der friedliche Gedanke sein kann, der zur Europäischen Union geführt hat“, sagt Lehrerin Larissa Graf, die gemeinsam mit Adalbert Wolynski, ebenfalls Lehrer an der ALG, die Fahrt nach Auschwitz geplant und begleitet hat.

188 Schüler sind diesmal die 1166 Kilometer von Geilenkirchen nach Krakau gefahren, darunter auch 66 Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums. Auf dem Programm stand sowohl ein Blick in die Vergangenheit Krakaus mit seinem jüdischen Viertel, Ghetto und Friedhof, als auch der Besuch der modernen Teile der polnischen Metropole, die heute Heimat für Menschen aus 120 Nationen ist. Die Schüler besuchten auch die Fabrik von Oscar Schindler sowie die Drehorte für den Film „Schindlers Liste“.

Unterschiedliche Reaktionen

Im Zentrum standen aber die Besuche der beiden Lager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. Ihre Eindrücke beschreibt eine Schülerin als „schlimmer als jeder Horrorfilm“. Dabei, sagt Adalbert Wolynski, reagiere jeder Schüler anders. „Einige laufen durch die Lager, wie durch jedes andere Museum. Bei anderen fließen die Tränen“, sagt er. Wolynski begleitet seit 2011 das Projekt an der Schule und hat bereits 1100 Schüler in sein Heimatland begleitet, das er im alter von zehn Jahren verlassen hat. Vor der Fahrt nach Krakau beschäftigen sich die Schüler in den Fächern Gesellschaftslehre, Deutsch und Religion mit dem Thema, aber die theoretische Auseinandersetzung allein reiche nicht aus, sagt Wolynski. „Das sind nur Fakten und Zahlen, aber in Auschwitz begegnen die Schüler dem Leben und dem Tod selbst.“

Alle Vorstellungen gesprengt

Dabei gehe es keinesfalls darum, der jungen Generation die Schuld für die Verbrechen der Vergangenheit zuzusprechen, sondern vielmehr darum, dass die Schüler sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, damit sich diese auf keinen Fall wiederhole, erklärt Böken.

Die Schüler stimmen ihm zu. „Auschwitz ist nicht nur wichtig, weil wir eine Vergangenheit haben, sondern auch weil es eine Zukunft gibt, die wir mit Anstand gestalten müssen“, sagt eine Schülerin. Genau dieser Gedanke ist es, den Wolynski an seine Schüler weitergeben wollte. „Die Eindrücke vor Ort haben das Vorstellungsvermögen der Schüler gesprengt“, sagt Lehrerin Larissa Graf, „sie konnten vor Erschöpfung und Erfahrungen abends kaum die Augen offen halten.“

Umso wichtiger sei es gewesen, dass die Schüler ihre Erfahrungen nach der Fahrt in einer Projektwoche künstlerisch verarbeiten konnten. Ziel sei, dass die Kinder wieder in der Gegenwart ankommen und Botschafter für eine freie und offene Gesellschaft ohne Diskriminierung werden.

5000 Euro gespendet

Das war auch das Anliegen von Reinhold Urtel. 5000 Euro hatte der 80-jährige Rentner aus Gerderath, der selbst viele Jahre in Geilenkirchen gelebt hat, für die Auschwitz-Fahrt der Schüler gespendet.

Er wurde 1938 als zweijähriger Junge verbotenerweise von einem jüdischen Arzt behandelt, als sein Leben wegen hohen Fiebers und einer schweren Lungenentzündung in Gefahr war. Nun wollte er sich revanchieren. „Wie man sieht, war das Geld sinnvoll angelegt. Das ist das beste was ich tun konnte“, sagt Urtel, als er sich die Kunstwerke der Schüler ansieht und ihren Schilderungen des Besuchs in Polen zuhört.

Mehr von Aachener Nachrichten