Geilenkirchen: Alte Schützen, verwaiste Dörfer

Geilenkirchen: Alte Schützen, verwaiste Dörfer

Die St.-Josef-Schützenbruderschaft Müllendorf steht vor dem Aus. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 60 Jahren, viele sind weit über 70. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die 37 Mitglieder sind zu alt für lange Umzüge, ein gesetzlich vorgeschriebener Vorstand konnte nicht gewählt werden. Im Sommer wird sich der Verein auflösen.

Leonhard Kuhn, seit 1994 Ortsvorsteher der Fünf-Dörfer-Gemeinschaft Würm, Flahstraß, Honsdorf, Leiffarth und Müllendorf, weiß aber um die Bedeutung der Vereine. „Das Vereinswesen stärkt unsere Gesellschaft“, sagt er. Zur Pflege der heimatlichen Kultur und Förderung des dörflichen Zusammenlebens gründet er nun die Dorfgemeinschaft Müllendorf.

Der 62-jährige Kuhn ist selbst Vereinsmensch durch und durch. Das Mitglied der Karnevalsgesellschaft Würmer Wenk und der St.-Josef-Schützen ist Gründer und Vorsitzender des Fördervereins der Ortsvereine Würm, in dem sieben Vereinigungen eingebunden sind. „Früher haben die Vereine das gesellschaftliche Leben bestimmt“, blickt Kuhn auf vergangene Zeiten zurück.

Das waren Jahre, in denen Würm und Lindern auch noch jeweils eine eigene Fußballmannschaft stellen konnten. „Dann brach die Jugend weg, es kamen andere Sportarten dazu. Auch elitäre Sportarten wie Tennis, Golf und Motorsport wurden bezahlbar. In den 90er-Jahren lagen auch die Fitness-Studios im Trend“, erklärt Kuhn die Fusion der Fußballvereine Würm und Lindern im Jahr 1994.

Auch in der veränderten Arbeitswelt, in der besseren Mobilität der Menschen und in weit entfernt liegenden Arbeitsplätzen sieht er Gründe für den immer geringer werdenden Zulauf bei den Vereinen. „In einem Verein muss ich bestimmte Strukturen anerkennen und Verantwortung übernehmen. Das wollen viele nicht mehr. Und es sind immer weniger Menschen bereit, die Vorstandsarbeit zu übernehmen.“

Spezielle Angebote für Jugend

Nur die Vereine, die spezielle Angebote für die Jugend machen, können ihren Mitgliederbestand einigermaßen halten. „Unsere Tanzgruppen arbeiten stark im Jugendbereich, und auch der Musikverein hat Zulauf. Aber man muss sich immer wieder Gedanken machen“, erklärt Kuhn. Er hat erkannt, dass ein Zusammenschluss zukunftsfähig sein kann.

„Es gibt immer mehr Angebote bei immer weniger Menschen. Da ist es schwer, mit Glaube, Sitte, Heimat zu locken“, klagt auch Josef Kouchen, Bezirksbundesmeister des Bezirksverbandes Geilenkirchen im Bund der Deutschen Historischen Schützenbruderschaft. In dieser Position ist der 71-Jährige „Chef“ von 3000 Schützenbrüdern in 28 Bruderschaften. Seit 1977 ist Kouchen Schütze, 1979, 1980 und 1981 war er König, 1979 sogar Bezirkskönig. Heute muss er feststellen: „Es gibt viele alte Schützen, die nicht mehr marschieren können. Die Festzelte werden immer kleiner oder werden für das Schützenfest gegen den Pfarrsaal ausgetauscht. Die Zugwege werden immer kürzer, weil die Zuschauer am Straßenrand fehlen.“

„Das ist frustrierend“

Und er stellt fest: „Es tut schon weh, wenn wir durch die Dörfer ziehen, und es schaut keiner zu. Das ist frustrierend.“ In manchen Bruderschaften habe mittlerweile ein Umdenken festzustellen: „Oft klebten die älteren Schützen an ihren Posten. Um den Nachwuchs zu sichern, wurde die Jugend in die Pflicht genommen“, sagt er und setzt große Hoffnungen auf Simon Paulußen. „Der Bundesschülerprinz der St.-Gereon-Bruderschaft Würm zieht junge Leute an.“ Bis auf wenige Bruderschaften, beispielsweise die Antonius-Schützen aus Teveren und die Blasius-Schützen aus Gillrath, würden sich die Schützen auch der Aufnahme von Frauen nicht mehr verschließen.

Dass der demografische Wandel in den Fußballvereinen angekommen ist, spüren auch Markus Diederen (38), Geschäftsführer des FC Germania Bauchem, und Dirk Over (50), Geschäftsführer des FSV Geilenkirchen. „Das Freizeitverhalten hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Es gibt immer mehr Angebote, und das Leben der Kinder ist durchorganisiert wie das eines Erwachsenen“, hat Markus Diederen festgestellt. „Der volle Terminkalender führt zu Stress, und als Mannschaftssportler hat man dann auch noch Pflichten“, sagt Diederen.

„Vor 16 Uhr können wir noch nicht einmal ein Bambini-Training anbieten, weil die Kinder so lange in den Kitas sind“, erklärt Dirk Over. Wenn früher bis zu 20 Kinder in einer Mannschaft gespielt haben seien es heute noch 13 bis 15. „Das sind teilweise überengagierte Eltern, die ihr Kind schon in der Bundesliga spielen sehen. Aber bei schlechten Noten in der Schule gibt es Fußballverbot, wodurch die ganze Mannschaft bestraft wird.“

Diederen ärgert sich über das mitunter mangelnde Engagement der Eltern: „Ich musste schon ein Spiel absagen, weil ich mit 15 B-Jugendlichen alleine da stand. Niemand war bereit zu fahren.“ Beide ehemals reinen Fußballclubs haben sich zu Mehrspartenvereinen gewandelt. Judo, Showtanz, Aerobic und Selbstbehauptung bietet Bauchem an, der FSV Volleyball, Gymnastik und Basketball. Diederen: „Viele reinen Fußballvereine werden sterben.“

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