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Zeitzeuge erlebte den Zweiten Weltkrieg in Dürwiß

Zeitzeuge erzählt vom Zweiten Weltkrieg : Eine Kindheit zwischen Panzern und Patronen

Als die amerikanischen Soldaten vor genau 75 Jahren nach Dürwiß kamen, war der heute 81-jährige Simon Küpper gerade sechs Jahre alt. Seine Schwester verlor er bei einem der zahlreichen Bombenangriffe.

Am 16. November 1944 wurde Dürwiß zusammen mit Düren und Jülich Ziel Tausender alliierter Bomber. Einige Tage später verlor Simon Küpper seine damals 17-jährige Schwester bei einem Bombenangriff. Der heute 81-Jährige erlebte den Zweiten Weltkrieg in Dürwiß hautnah mit. Er erinnert sich noch gut an den 21. November – heute vor genau 75 Jahren –, als plötzlich amerikanische Soldaten im Flur des Hauses standen.

Damals lebte Simon Küpper mit seiner Familie in einem Haus im südlichen Dürwiß an der heutigen Jülicher Straße. „Die hieß damals noch Adolf-Hitler-Straße“, sagt er. Küpper war der jüngste von sechs Kindern. Sowohl seine vier Schwestern als auch sein Bruder wurden bereits in den 1920er Jahren geboren, er selbst erst 1938.

Als er fünf Jahre alt war, musste seine Familie den ersten schweren Verlust erleiden. „Mein Bruder fiel am 1. November 1943 in Süditalien. Er war gerade 18 Jahre alt und erst seit drei Monaten Soldat“, erzählt Küpper.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 und dem Durchbruch nach Frankreich wurde den Dürwißern bewusst, dass der Krieg ihrer Heimat immer näherrückte. „Aber wir wollten unser Zuhause nicht verlassen. Wir haben gehofft, dass der Krieg bald vorbei ist und wir den Rest der Zeit in Luftschutzbunkern und Kellern mit eigenem Proviant überdauern können“, erinnert sich der heute 81-Jährige.

Simon Küpper hat den Krieg damals als kleiner Junge in Dürwiß hautnah miterlebt. Foto: Anke Capellmann

Ende September 1944 war die Front bis auf etwa sieben Kilometer Luftlinie an Dürwiß herangerückt. Am 29. September schlugen die ersten Granaten ins Dorf ein. „Ab da gab es fast täglich zahlreiche Verletzte und Tote, auch bei der Zivilbevölkerung“, sagt Küpper. Die Lage sei für die Einwohner von Dürwiß unhaltbar geworden. Als Kind habe man das Ganze gar nicht so wirklich realisiert. „Kinder wussten einfach noch gar nicht, wie schlimm so ein Krieg überhaupt ist“, sagt Küpper.

Zu dieser Zeit lebten nur noch er, seine Schwester Elisabeth sowie seine Mutter in ihrem Haus an der Jülicher Straße in Dürwiß. Der Rest der Familie – bis auf Küppers gefallenen Bruder – war in ganz Deutschland verstreut.

Vom 22. bis 27. Oktober wurde Dürwiß zwangsweise evakuiert. Dieser Evakuierung des Dorfes entzogen sich nur sechs Menschen. Darunter auch Küpper und seine Mutter und Schwester. „Manche hatten bis zu diesem Zeitpunkt bereits freiwillig ihre Heimat verlassen. Aber meine Mutter wollte nicht weg“, erinnert sich Küpper. „Sie hatte einen Zettel mit der Aufschrift ‚Wir sind schon in Sachsen’ an die Haustür gehängt. Wir haben uns dann im Keller hinter den Kohlen versteckt“, erzählt Küpper. Währenddessen hätten sie gehört, wie oben das ganze Haus von SA-Männern, also Leuten von der Sturmabteilung, durchsucht wurde. „Sie fanden uns nicht.“

Wenig später zogen der damals Sechsjährige sowie Mutter und Schwester dann zu ihrem Nachbarn, der unter seinem Haus einen Luftschutzbunker gebaut hatte. Dort schliefen sie auf Stroh. „Auch im Luftschutzbunker war es sehr gefährlich. Aber wir wussten damals nicht, wie gefährlich es wirklich war. Wir haben ja immer noch gehofft, dass der Krieg bald vorbei ist.“ Währenddessen sei die Front aber weiterhin immer näher gekommen.

Nach den Luftangriffen am 16. November befinden sich Trümmerhaufen an der Jülicher Straße, und die Dächer der Häuser sind abgedeckt. Foto: Archiv: Hans Nelles; Simon Küpper

Nach der Flucht der Bevölkerung erfolgte am 4. November ein Luftangriff auf das Dorf, am 16. November wurde Dürwiß schließlich ebenso wie Düren und Jülich schwer getroffen. „Zwei Tage später brach die Hölle über den Ort herein. Ein schwerer Bombenteppich legte den ganzen nördlichen Ortsausgang nach Jülich in Schutt und Asche“, sagt Küpper. Die Jülicher Straße wurde bis auf wenige Häuser, die Grünstraße teilweise in Trümmer gelegt. Dabei wurde auch die aus dem Jahr 1774 stammende Kirche komplett zerstört. „Die Amerikaner wollten mit diesem Angriff wahrscheinlich den letzten Widerstand im Ort brechen und vor allem den Kirchturm als Artilleriebeobachtungsstelle ausschalten.“

Die alte Pfarrkirche St. Bonifatius Dürwiß, erbaut 1774, wurde am 16. November 1944 total zerstört. Foto: Archiv: Hans Nelles; Simon Küpper

Am 19. November bereiteten Küpper und seine Familie im Nachbarhaus das Mittagessen vor. Plötzlich hätten sie das Rollen eines Bombers gehört. „Es wurde immer lauter. Meine Mutter zog mich noch hinter die Tür des Luftschutzbunkers. Da schlug die Bombe schon auf der Straße vor dem Haus ein. Erst als Staub und Asche verflogen war, und wir wieder gucken konnten, sahen wir, dass meine Schwester am Boden lag. Der Druck der Bombe war so heftig gewesen, dass ihre Lunge zerrissen war.“ Momente des Entsetzens und der Unfassbarkeit folgten.

Das Bild zeigt Simon Küppers Schwester Elisabeth mit 16 Jahren. Sie starb am 19. November 1944 bei einem Bombenangriff. Foto: Archiv: Hans Nelles; Simon Küpper

Während Eschweiler noch kurze Zeit von den deutschen Truppen gehalten wurde, drangen die amerikanischen Vorhuten von Hehlrath kommend am 21. November – also heute vor genau 75 Jahren – in den Ort ein. Sie besetzten fast kampflos das Dorf, da die deutschen Truppen sich in Richtung Fronhoven/Lohn abgesetzt hatten. Auf dem weiten Feld zwischen Dürwiß und Lohn kam es noch einmal zu schweren Panzerkämpfen. An besagtem 21. November schlugen auch amerikanische Soldaten die Tür des Nachbarhauses auf, indem sich Küpper und seine Mutter immer noch befanden. „Die Soldaten fragten: ‚Ihr Hitler?’ Und meine Mutter antwortete: ‚Nein, wir katholisch.’ Als sie meine tote Schwester dort liegen sahen, waren sie sehr betroffen, nahmen ihre Helme ab und standen stumm davor“, erinnert sich Küpper. Elisabeth sei dann in eine Steppdecke gehüllt worden, auf einer Wiese wurde sie zunächst begraben. Heute liegt sie auf dem Ehrenfriedhof in Dürwiß.

„Die Amerikaner sorgten dann dafür, dass wir schnellstmöglich das Dorf verließen, weil es immer noch Kampfgebiet war. Unser Wohnzimmer diente den Amerikanern fortan als Verpflegungsstelle. Dort hatten sie eine Feldküche aufgebaut.“ Die Familie machte sich mit Kastenwagen und wenig Gepäck auf den Weg zu Verwandten nach Alsdorf. „Zwei Tage waren wir zu Fuß unterwegs.“ Bis nach Weihnachten blieben Simon Küpper und seine Mutter dort.

Dieses Bild aus dem Jahr 1949 zeigt, dass auch Kinder mithalfen, aus dem Schutt der alten Kirche brauchbare Backsteine vom Mörtel zu säubern. Foto: Archiv: Hans Nelles; Simon Küpper

Im Frühjahr kehrten sie dann zurück nach Dürwiß. Ihr Haus war kaum beschädigt worden. „Nur das Dach hatte durch den Druck der Bomben keine Ziegel mehr, und die Inneneinrichtung war in Mitleidenschaft gezogen.“ Es folgten harte Jahre für die Bevölkerung, die nach und nach in ihre Heimat zurückkehrte. „Es gab sehr viel Not, Lebensmittel waren knapp, Wasser- und Stromleitungen zerstört.“ Aber Küpper erinnert sich auch daran, wie gefährlich das Leben immer noch nach Kriegsende war. „Vor allem als Kinder spielten wir leichtsinnig mit Patronen, kletterten auf Panzer und fanden noch funktionsfähige Handgranaten“, erzählt er. In so jungen Jahren habe man die Gefahr nicht richtig realisiert.

Die Kinder des Krieges spielten manchmal leichtsinnig mit Patronen, Handgranaten und in Panzern – hier ein abgeschossener amerikanischer Panzer an der Grünstraße im Jahr 1945. Foto: Archiv: Hans Nelles; Simon Küpper

Heute lebt Küpper als einziger Überlebender seiner Familie immer noch in Dürwiß, allerdings hat er dort ein neues Haus gebaut. In dem Haus, in dem er den Krieg miterlebt hatte, wohnt mittlerweile einer seiner Neffen. Seit 17 Jahren ist Küpper nun im Ruhestand. Vorher war er lange Jahre Schulleiter der Don-Bosco-Grundschule.

Für Küpper ist der Volkstrauertag bis heute von besonderer Bedeutung. „Ich weiß, wie viel Leid Krieg mit sich bringt und wie grausam er ist“, sagt Küpper, der auch Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des Eschweiler Geschichtsvereins ist. „Ich denke oft an den Krieg, und ich weiß, wie viele Menschen gestorben sind.“ Er sagt, er habe das Glück der späten Geburt gehabt.