Wohltäter aus Weisweiler war Hitlers Mann in Italien

Das Doppelleben des Hans Leyers : Wohltaten für die Kirche in Weisweiler, Gräueltaten für Hitler in Italien

30 Jahre lang vom Jahr 1951 bis zu seinem Tod 1981 lebte er in Weisweiler. Auf Haus Palant, das seit 1917 im Besitz seiner Familie war. Dr. Hans Leyers war eine angesehene Persönlichkeit, und ein Wohltäter der besonderen Art.

Er stiftete die Burg Weisweiler, Teil des Familienbesitzes, an die evangelische Kirche, tat sich als Mitbegründer der evangelischen Gemeinde Weisweiler hervor, deren Kirchmeister er später war, und trug „wesentlich dazu bei, dass mit einem Spendenaufkommen von 150.000 DM die alte Burg Weisweiler in ein evangelisches Gemeindezentrum umgebaut werden konnte“. So steht es in der Ratsvorlage der Stadt Eschweiler vom 8. Juli 1992, auf deren Grundlage der Stadtrat am 14. Oktober desselben Jahres einstimmig die Benennung einer Wohnstraße an der Weisweiler Burg, einen Steinwurf von Haus Palant entfernt, als „Hans-Leyers-Weg“ beschloss.

Was Dr. Hans Leyers, Jahrgang 1896, gemacht hatte, ehe er sich auf dem alten Rittergut Palant niederließ, wird in der Ratsvorlage mit einem einzigen Satz erwähnt: „Herr Dr. Hans Leyers war Berufsoffizier – zuletzt Generalmajor – mit zahlreichen Auszeichnungen.“ Auch der Eschweiler Geschichtsverein handelt Leyers‘ Vergangenheit in seinem Buch „Straßennamen in Eschweiler“ kurz mit „ehemaliger Generalmajor/Berufsoffizier im Zweiten Weltkrieg“ ab.

Was dem, was Leyers im Dritten Reich darstellte, nicht annähernd gerecht wird: Der Träger des Kriegsverdienstkreuzes 1. Klasse mit Schwertern und Ritterkreuzträger wurde 1939 Kommandeur des 116. Heeresregiments in Oppeln (zu dessen Einzugsbereich auch Auschwitz gehörte). Im Mai 1940 avancierte er zum Leiter der Waffenabteilung im Heereswaffenamt, ehe er 1944 Generalbevollmächtigter des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion in Italien wurde. Nominell zwar dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, unterstellt, de facto aber in unmittelbarem Kontakt zu Adolf Hitler stehend. Dr. Ing Hans Leyers war der zweitmächtigste Vertreter Nazi-Deutschlands im besetzten Italien.

Bestseller-Roman in Amerika

Seine Geschichte aus der Sicht eines Augenzeugen ist das Thema eines Buches, das in den USA in kürzester Zeit zum Bestseller wurde, inzwischen auch in einem Dutzend weiterer Sprachen erschienen ist und jetzt von Hollywood verfilmt wird. „Beneath the Scarlet Sky“ („Unter blutrotem Himmel“) heißt der biografische Roman von Mark Sullivan, der von USA Today, New York Times und Amazon auf Platz 1 der Beststellerlisten geführt wurde. Darin schildert Sullivan die unglaubliche Geschichte des heute 94-jährigen Pino Lella, der 1944 in Mailand durch einen Zufall zum Fahrer des Nazi-Generalmajors wurde – und gleichzeitig für die italienische Resistenza spionierte. Tag für Tag war Lella an der Seite des Mannes, der Hitler für das Funktionieren der Rüstungsproduktion in Italien unmittelbar verantwortlich war. Und dabei als Hitlers „oberster Sklaventreiber“ , so Lella, ganze „Armeen von grauen Männern“ befehligte.

Im Hans-Leyers-Weg befindet sich auch das Familiengrab. Dr. Hans Leyers war eine angesehene Persönlichkeit in Eschweiler. Jetzt enthüllt ein Buch: Er war im 2. Weltkrieg der zweitmächtigste Nazi in Italien. Foto: ZVA/Rudolf Müller

Zigtausende Zwangsarbeiter, die zum Beispiel beim Bau eines Munitionstunnels bei Varenna eingesetzt wurde. „Es ist wie in der Hölle“, beschreibt Lella das, was er dort erlebte. Über einen der Zwangsarbeiter, die von Leyers persönlich im Fußballstadion von Como selektiert wurden, sagt Lella: „Er war so ausgemergelt, dass Wangenknochen und Kiefer hervorstanden und sein Gesicht wie ein Totenschädel aussah.“ Und weiter: „Er (Pino Lella) sah, wie die Offiziere ihre Untergebenen anschrien, die wiederum die Männer unter ihrer Aufsicht anbrüllten. Es war, als würde man einer Welle zusehen, die sich aufbaute, bis sie die Soldaten der Waffen-SS erreichte, die das ganze Gewicht von Leyers‘ Forderungen auf die Schultern der Sklaven luden, sie peitschten, traten und mit allen Mitteln dazu antrieben, schneller und härter zu arbeiten.“ Leyers reagierte mit einer „Information an Kesselring“ (Generalfeldmarschall und als Oberbefehlshaber in Italien verantwortlich für Geiselerschießungen) „dass ich weitere 10.000 Arbeiter benötige.“

Zwangsarbeiter, die in den Bergen Norditaliens Befestigungsanlagen für das deutsche Heer errichten mussten. „Zu jeder Sklavengruppe gehörte ein Soldat der Waffen-SS, der sie bei der Arbeit antrieb. Pino hörte Schreie und sah, dass Sklaven geschlagen und gepeitscht wurden. Diejenigen, die in der Hitze zusammenbrachen, wurden von anderen Sklaven weggezerrt und sich selbst überlassen, blieben auf den Felsen liegen und starben in der niederbrennenden Sonne“, zitiert Mark Sullivan den Augenzeugen.

Familie blieb in Düsseldorf zurück

Hans Leyers, der Mann, der sich später in Weisweiler in den Dienst der Kirche stellte, hatte seine Frau Hannelise, seinen Sohn Hans-Jürgen und seine Tochter Ingrid (alle drei sind wie er auf dem Weisweiler Friedhof bestattet) in Düsseldorf zurückgelassen und lebte in Mailand mit seiner Geliebten Dolly Stottelmeyer, die zu Kriegsende von Partisanen hingerichtet wurde. Und ließ es sich gutgehen – Zukunftssicherung inklusive. Lella berichtet, wie Leyers nach und nach Mengen geraubten Goldes über Como in die Schweiz schaffte. Der Zeuge schildert einen abendlichen Besuch des Generalmajors bei seiner Geliebten wie folgt: „Sie verschwanden gemeinsam in den Tiefen der Wohnung. Nichts davon schien Pino wirklich zu sein. Leyers machte weiter, als hätte er nicht zugesehen, wie fünfzehn Menschen an diesem Morgen kaltblütig ermordet wurden. Da war etwas Reptilienhaftes an dem General, stellte er fest. Leyers konnte zusehen, wie Männer unter Schüssen zuckten und Blut spuckten in den letzten Momenten ihres Lebens und dann konnte er mit seiner Geliebten essen gehen.“

Lella schildert, wie Leyers als direkter Vermittler zwischen Hitler und dem italienischen Diktator Benito Mussolini fungierte, den er mehrfach in dessen Villa in Gargnone am Gardasee (Leyers: „im Narrenhaus“) traf, wo der Duce von einer deutschen „Super-V2“ träumte. Er schildert Telefonate Leyers‘ mit Hitler, als die Belegschaft der Fiat-Werke mit Streik drohte, und lässt den General sich mit seiner Nähe zum Nazi-Diktator brüsten: „Oft, sehr oft, habe ich zur linken Hand des Führers gesessen.“

In seinem Auftrag plünderte der „Generalbevollmächtigte für Rüstung und Kriegsproduktion“ weitere Teile des besetzten Landes. „Leyers schien gleichgültig gegenüber dem Elend der normalen Italiener“, schildert Lella. „Wenn der General etwas benötigte, ließ er es beschlagnahmen. Durch Leyers‘ Plünderungen war Heizöl knapp geworden und deutschen Einrichtungen vorbehalten“, heißt es in Sullivans Buch. Im bitterkalten Februar 1945 ließ Leyers auch in großem Umfang Lebensmittel beschlagnahmen – rücksichtslos. „Leyers‘ Gnadenlosigkeit gebar Hass in ganz Norditalien.“

Um den Not leidenden deutschen Soldaten im bergigen Norden Italiens zu helfen, „leerte er die Märkte in allen drei Städten“ (Genua, Mailand, Turin), „was das Elend der Italiener verstärkte.“ Er konfiszierte Rinder und beschlagnahmte Wein aus den Weingütern der Toskana: Weihnachtsüberraschung für deutsche Soldaten. Lella schildert, wie Leyers zusah, als SS-Leute einen Bauern zusammenschlugen, der gebeten hatte, ihm nicht auch den letzten Rest Korn zu nehmen. Leyers‘ Kommentar: „Nehmt alles!“

Direkt dem Führer verantwortlich, war Leyers auch für die Verlagerung von Rüstungsgütern aus Italien ins „Reich“. Im Buch schreibt Sullivan über den Augenzeugen: „Er sah zu, wie Leyers Fabriken für Werkzeugmaschinen plünderte und eine überwältigende Menge an Bauzubehör, Fahrzeugen und Lebensmitteln konfiszierte.“ Lella spricht von „hunderten von Güterwaggons“. „Ganzen Städten wurden die Bedarfsgüter entzogen. Währenddessen blieb Leyers stoisch, mitleidlos und seiner Aufgabe verpflichtet.“

Pino Lella war auch mehrfach Augenzeuge, wie in Anwesenheit des Generalmajors Züge den berüchtigten Bahnsteig 21 des Mailänder Bahnhofs verließen. Mit Viehwaggons voller Menschen. Ziel: Auschwitz. „Der General hatte ihm erzählt, dass Auschwitz ein Arbeitslager der Organisation Todt war“, schreibt Sullivan über Lella. Die Organisation Todt war Hitlers paramilitärische Bautruppe, die unter anderem für den Bau des Westwalls zuständig war. „Sie bauen dort Dinge“, lässt Lella Leyers über Auschwitz sagen. „Was für Dinge“, fragt sich Lella, „Gaskammern, Krematorien? Für Pino waren die Erbauer dieser Lager genauso schuldig wie diejenigen, die sie betrieben. Und Leyers musste es gewusst haben. Schließlich hatte er eine direkte Verbindung zu Hitler.“

Doch Leyers konnte auch anders

Dennoch zeigt der Augenzeugenbericht auch andere Seiten von Hans Leyers: Er persönlich holte vier Kinder und Jugendliche aus einem Waggon, der zu den Gaskammern von Auschwitz rollte. Er hielt engen Kontakt zu Mailands später selig gesprochenem Kardinal Alfredo Ildefonso Schuster, verabredet über ihn den Austausch von Gefangenen und widersetzt sich dem Befehl des Führers, Mailand in Schutt und Asche zu legen. Als Ingenieur zeigt er sich Schuster gegenüber als „Liebhaber großartiger Architektur und Kunst“, der sich „gegen jede weitere unnötige Zerstörung“ stelle.

Im historischen Rittergut Haus Palant lebte Leyers von 1951 bis zu seinem Tod 1981. Foto: ZVA/Rudolf Müller

Ähnliches erlebte Lella auch bei einem der letzten Besuche Leyers beim Leiter der Fiat-Werke in Mirafiori, Calabrese: Er arbeite daran, die Fiat-Werke vor der völligen Zerstörung zu schützen. „Der Führer hat nach verbrannter Erde gerufen, falls es zum Rückzug kommt. Aber ich werde sicherstellen, dass die Grundpfeiler Ihres Unternehmens und Ihrer Wirtschaft überleben.“ Zuvor bereits hatte Leyers entgegen ausdrücklichen Anweisungen für Lohnerhöhungen und Zusatzverpflegung für die Fiat-Belegschaft gesorgt

Und Leyers war es auch, der einem Vertreter der anrückenden US-Streitkräfte versicherte, dafür zu sorgen, dass die deutschen „Soldaten in ihren Kasernen blieben und keinen Widerstand leisteten.“ Zuvor hatte er im Stadion von Como, in Verona und Brescia tonnenweise Dokumente verbrennen lassen, ehe er in einem letzten persönlichen Gespräch Mussolini versicherte: „Duce, der Krieg ist verloren, Hitler ist in seinem Bunker verrückt geworden. Wir haben alle daran gearbeitet, diesen Konflikt mit so wenig Tod und Zerstörung wie möglich zu beenden.“

Nach Hitlers Tod nahm Pino Lella den Generalmajor auf Anweisung italienischer Partisanen fest. In Italien verantworten musste sich Leyers allerdings nicht: Die Amerikaner ließen ihn in ein alliiertes Kriegsgefangenenlager bei Innsbruck bringen. Seine Vermögen in Deutschland und der Schweiz wurden eingefroren. Und irgendwie schaffte Leyers es, sich den Amerikanern als „Held“ zu verkaufen, der ihren Schutz verdiente. Zitat aus dem Buch: „Ein Held?“, sagte Pino und wollte auf den Boden spucken. „Er war Hitlers Sklavenhalter. Er hat Menschen in den Tod getrieben. Ich habe es gesehen. Ich habe es gehört. Ich war Zeuge.“

Dokumente über Leyers Zeit in Italien gab es kaum noch. Sie waren in Flammen aufgegangen. Die Unterlagen der Organisation Todt, der Leyers angehörte, füllten schließlich nur noch drei Aktenschränke, recherchierte Mark Sullivan. Und das, „obwohl die Nazis zwanghafte Berichtverfasser waren und obwohl die Organisation Todt wortwörtlich Millionen von Gefangenen und Zwangsarbeitern unter ihrem Befehl hatte.“

Keine Konsequenzen für Gräueltaten

Kriegsverbrecherprozesse wie in Nürnberg gab es in Italien nicht. Wohl deshalb, weil man befürchtete, sie könnten den aufstrebenden Sozialisten in die Hände spielen. Dazu Mark Sullivan: „Das ,fehlende italienische Nürnberg‘, wie der Historiker Michele Battisti es nannte, fand niemals statt. Die Nazis und Faschisten, die unaussprechliche Gräueltaten begangen hatten, darunter auch General Leyers, wurden im Frühling und Sommer 1947 einfach freigelassen. Es gab keinen Prozess wegen der Verbrechen von Leyers. Keine Anklage wegen der Zwangsarbeiter, die unter seiner Aufsicht starben. All das Böse und die Grausamkeit, die während der letzten zwei Kriegsjahre in Norditalien begangen worden waren, wurden von der Justiz in ein Loch geworfen, vergraben und vergessen.“

Leyers kehrte zu Frau und Kindern nach Düsseldorf zurück. 1951 zog die Familie ins Weisweiler Gut Palant ein. Sein Geld verdiente er mit Beratertätigkeiten für mehrere deutsche Großkonzerne, darunter der Stahlproduzent Krupp und der Waffenhersteller Flick.

Wie Leyers, der für die Amerikaner einen Bericht über die Arbeit der Organisation Todt in Italien verfasste, es schaffen konnte, aus der Geschichte unbeschadet herauszukommen, erklärt vielleicht auch die Begebenheit, die Pino Lella schildert. Nach dem Genuss einiger Gläser Scotch habe Leyers ihm gesagt: „Ich bin ausgebildeter Ingenieur. Ich habe mein Doktorat. Von Anfang an, schon als junger Mann, habe ich für die Regierung in der Rüstung gearbeitet. Ich habe gelernt, wie man mit großen Männern verhandelt, mit Industriellen wie Flick und Krupp. Und deshalb schulden mir Männer wie Flick und Krupp Gefälligkeiten. Es wird Zeiten geben, in denen du einen Gefallen benötigst, und dann wird es dich retten Diese Strategie hat mich mehr als einmal gerettet. So eine ganz einfache Sache, Gefallen zu tun, doch deshalb habe ich vor Hitler gut gelebt, ich habe gut unter Hitler gelebt, und ich weiß, dass ich gut leben werde, wenn es Hitler schon lange nicht mehr gibt.“

War auch die großzügige Spende an die Kirche in Weisweiler ein Gefallen, den Leyers nach seinem Ableben gutgemacht haben wollte – von Gott? Auch Pastor Valentin Schmidt, Leyers‘ Beichtvater in Weisweiler, kommt in Sullivans Buch zu Wort: „Der Mann, den ich kannte, war ein guter Mensch, jemand, der gegen Gewalt war. Wenn er an Kriegsverbrechen beteiligt war, dann kann ich mir nur vorstellen, dass er dazu gezwungen wurde. Er muss eine Pistole an der Schläfe und keine andere Wahl gehabt haben.“ Pino Lella erinnert sich an ein Gespräch mit Mailands Kardinal Schuster: „Ich weiß nicht, was ich von deinem General Leyers halten soll“, sagte der Kardinal. Pino Lellas Antwort: „Das weiß ich auch nicht. Er verändert sich jeden Tag. Voller Überraschungen.“

(Alle Zitate aus „Unter blutrotem Himmel“, Mark Sullivan, Verlag Tinte und Feder, ISBN: 9781503950085)

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