Eschweiler: Winfried Krieger: „Ohne Idole schwimmt man doch nur so herum“

Eschweiler : Winfried Krieger: „Ohne Idole schwimmt man doch nur so herum“

Winfried Krieger feiert in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag. Der vielfältig interessierte und talentierte Original-Indestädter hält sich mit Neugier, seiner Liebe zur Musik und zu seiner heimatlichen Umgebung mehr als fit. Als ehemaliger Chef eines Bierverlages kennt er die Gebräuche und Sitten in der Region.

Einen Namen machte er sich als Musiker in verschiedenen Bands, vom Krieger-Bamberger-Quartett über die Swingers 71 bis hin zu vielen Gastspielen, die ihm die Freundschaft prominenter Zeitgenossen einbrachte. Paul Santosi hat mit ihm gesprochen.

Bekannt weit über die Region hinaus: Das Krieger-Bamberger-Trio. Foto: W. Krieger

Herr Krieger, wenn man ihren Namen hört, denkt man automatisch an eine große Familie. Wie groß ist die und wo liegen die Wurzeln?

Ein Bild aus Kindertagen der 40er Jahre: Winfried Krieger (links) mit seiner Mutter Gerda und seinen Brüdern Horst und Massa. Foto: W. Krieger

Krieger: Ursprünglich aus dem Jülicher Land. Eine ziemlich weitverzweigte Sippe. Mein Großvater zum Beispiel hatte elf Brüder, von denen ich selbst nur fünf kannte. Mein Vater, der nach Eschweiler kam, hat hier geheiratet. Meine Frau Mama war eine ausgezeichnete Pianistin. Papa vertrat die gesellige Seite als Unternehmer und Bierverleger. In die Geschwisterabteilung gehören noch drei Brüder und eine Schwester.

„Bierverlag“ ist ein gutes Stichwort. Der zumindest in Bayern als „Lebensmittel“ anerkannte Stoff spielte immer eine wichtige Rolle in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Krieger: Bier war früher wirklich ein absolut lebenswichtiger Kultur-Bestandteil im öffentlichen Leben jeder Stadt. Wollte man damals einen Ort gründen, brauchte man im Prinzip nur drei Personen: einen Pfarrer, einen Doktor und einen Wirt. In den goldenen Zeiten habe ich über 160 Kneipen beliefert, kannte jeden Wirt, seine Familie, die Stammgäste, die Sportvereine, die Musik und Gesangsvereine. Ohne Kneipe lief nichts.

Von den Eltern vorgegebene Ziele decken sich nicht immer unbedingt mit den eigenen Lebensvorstellungen. Die erste Geige in Ihrem Leben spielt irgendwann einmal die Musik.

Krieger: Das waren eindeutig die Gene meiner Mutter. Aber wir haben viele Musiker in der Familie, die singen oder Instrumente spielen. Ich selbst erfreue mich an der Geige, am Klavier, an der Gitarre und der Mandoline, am Saxophon, in allen möglichen Formationen vom kleinen Trio bis zu großen Bigbands.

Es heißt, gute Musiker sprechen mit ihrem Instrument und können sich damit ausdrücken.

Krieger: Geiger haben meist eine recht gute „innere Stimme“. Man muss als Geiger auch die Qualitäten eines Sängers gut beurteilen können. Nehmen Sie einen damals populären Sänger wie Heintje, also Hein Simons. Der hatte eine klare Aussprache und konnte Töne brilliant formen. Das beste Instrument ist und bleibt die menschliche Stimme.

Im Laufe Ihrer musikalischen Laufbahn begegneten Sie selbst vielen namhaften Musikern. Wer hat Sie besonders beeindruckt?

Krieger: Das war in erster Linie in jungen Jahren mein Musiklehrer Gerd Dohmen. Ein absolutes Vorbild in Sachen Präzision, Rhythmik und Klangbildung. Zwar nicht persönlich gekannt, aber immer bewundert habe ich Violinisten wie Yehudi Menuhin. Mit dem Studium kamen andere Ansprüche. Im Alter von 16 Jahren traf ich Helmut Zacharias, den ich gemeinsam mit meinem Vater in der Kneipe „Uerige“ in Düsseldorf kennenlernen durfte. Mein Vater hat damals einen etwas aufmüpfigen Gast tatkräftig hinauskomplimentiert. Dafür kam sich Zacharias, der damals noch am Anfang seiner Karriere stand, dann auch bedanken. Später, als er bereits gesundheitlich nicht mehr fit war, habe ich auf der Insel Ischia von seiner Frau seine langjährig selbst getragene Fliege geschenkt bekommen. Damit war er zu seinem 70. Geburtstag im Fernsehen zu sehen. Die halte ich heute noch in Ehren. Das waren tolle Begegnungen, die einen prägen und einem Kraft verleihen. Ohne Idole schwimmt man doch nur so herum.

Im hiesigen Raum kennen viele Leute noch das Krieger-Bamberger-Trio. Es heißt: „Krieger ohne Bamberger, das ist wie Bier ohne Schaumkrone“.

Krieger: Das stimmt. Es begann aber alles eigentlich mit dem Hajo-Schroiff-Trio, zunächst nur zu Dritt und dann in der Big Band. Da war das Saxophon im Vordergrund. Mit den Bamberger-Brüdern, im Quartett und auch im Sextett, konnte ich mich auf der Geige entfalten. Alfred Bamberger kenne ich noch aus Schulzeiten, mit neun Jahren haben wir schon gemeinsam musiziert. 1946 hat mein Vater für eine Kiste Bier meine erste Geige von einem Sinti, früher sagte man Zigeuner, gekauft. Die Jazz-Improvisations-Künste berühmter Leute wie Hänsche Weiss, Django oder Schnuckenack Reinhardt faszinierten mich immer schon. Das hätte ich auch gerne so gekonnt.

Sie gelten als umtriebiger Geist. Wenn Eschweiler eine Art Start- und Zielpunkt darstellt: Was passierte dazwischen?

Krieger: Ich habe an vielen unterschiedlichen Orten gelebt, in Deutschland, in Belgien, in Italien. Eine gute Freundin prägte mal scherzhaft den Satz: „Man kann hinkommen, wo man will, Winfried Krieger geigt überall.“ Aber das ist ja nicht alles. Spaß machen mir auch Kanu- und Motorboot, das Kegeln, Reiten und Kutsche fahren. Zweispännig, mit Friesen-Pferden.

Wenn man die Planungen für den 80. Geburtstag vor Augen hat, welche allgemeine Perspektive nimmt man dann zum Leben ein?

Krieger: Es ist wichtig, wenn Du älter wirst, dass Du dein ganzes Leben jederzeit Revue passieren lassen kannst. Mit allen Stationen. Meine Erinnerungen ungefähr seit meinem zweiten Lebensjahr sind immer noch sehr deutlich präsent. Viele Zeitgenossen können das in der Form leider nicht und das tut ein wenig weh. Diese Eigenschaft ist aber einer der größten Schätze im Leben. Das gibt Kraft für den weiteren Weg.

Gibt es Hobbys, die Sie zudem Ihr Leben lang begleiteten?

Krieger: Ein wenig stolz bin ich schon auf mein handwerkliches Geschick. Ich habe ganze Häuser komplett gebaut, Landsitze renoviert. Ich kann mauern, Installationen verlegen, malen und so weiter. Die meisten meiner Autos konnte ich selbst in Schuss halten. Bis zum Auftauchen der modernen Elektronik habe ich auch Automaten reparieren können. Nur mit dem Computer hab ich es ehrlich gesagt nicht so sehr. Den Handwerker in mir empfinde ich als wichtig. Der gute Instrumentalist ist auch ein immer ein guter Handwerker, Musik ist Handwerk.

Wie ist das mit der berühmten „Altersweisheit“? Ist Sie Ihnen schon begegnet und wenn ja, was hatte sie zu erzählen?

Krieger: Begegnet ist sie mir bislang noch nicht. Ich bezweifle, dass sie mich je erreicht. Du kannst so alt werden wie ne Kuh, Du lernst immer noch dazu. Weisheit liegt nah am Stillstand. Wenn der sich einschleicht, dann hast Du schlechte Karten. Das mag ich gar nicht.

Wenn man in Ihre persönliche Abteilung der Dinge schaut, die Sie gerne noch unternehmen möchten, was findet man da?

Krieger: Ich mach doch noch alles, was mir Freude bereitet. Musik hat mich gestärkt und mir Kraft fürs Leben gegeben. Ich genieße mein Dasein und freue mich, das ich das noch kann. Für andere Sachen ist da kaum noch Platz. Zum Altwerden gehört viel Mut.

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