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Reaktionen auf neue Corona-Regeln: Wenig Verständnis und große Sorgen um die Zukunft

Reaktionen auf neue Corona-Regeln : Wenig Verständnis und große Sorgen um die Zukunft

Gastronomie, Kulturtreibende und Sportler sind in Alarmstimmung. Sie treffen die verschärften Corona-Auflagen mit voller Wucht. In Eschweiler und Stolberg ist das mit wenig Verständnis und vielen Sorgen um die Zukunft verbunden.

Marita Matousek ist gleich mehrfach betroffen – als Wirtin, Betreiberin eines Catering-Dienstes, Veranstalterin und als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Stadtmarketing Stolberg (SMS): „Zum letzten Mal Geld verdient habe ich am Karnevalssamstag“, verweist sie auf eine mittlerweile achtmonatige Durststrecke. Nicht nur deshalb hält sie die Schließung des kompletten Gastronomiebetriebs für unverhältnismäßig. „Viele Gastwirte haben zum Teil erheblich in Hygienekonzepte investiert, zum Beispiel Trennwände aufgestellt und Lüftungsanlagen installiert. Oder sie haben Kredite aufgenommen, die sie jetzt nicht zurückzahlen können.“

Dabei seien Restaurants und Gaststätten doch keine Hotspots, wenn die Coronaregeln eingehalten würden. „Es ist doch erwiesen, dass in diesen Betrieben kein erhöhtes Infektionsrisiko besteht.“ Hoffnung verbindet Marita Matousek mit der angekündigten Entschädigung: „Wenn tatsächlich 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019 als Ausgleich gezahlt werden sollte, würde das sicherlich dazu beitragen, so manche Pleite zumindest kurzfristig zu verhindern.“

Das gelte auch für die Veranstaltungsbranche. „Die liegt ja ebenfalls seit mehr als einem halben Jahr am Boden.“ Sorge bereitet Matousek auch der Einzelhandel. „Ganz viele Gründe, um in die Stadt zu kommen, fallen jetzt ersatzlos weg. Das trifft die ohnehin schon arg gebeutelten Geschäftsleute hart“, weiß sie. „Ich rufe deshalb alle Stolberger dazu auf, in ihrer Stadt einkaufen zu gehen und dort ihr Geld auszugeben.“

Brief an Armin Laschet

Große Sorgen macht man sich auch in Eschweilers Gastronomie-Szene. Bereits vor Merkels Konferenz mit den Ministerpräsidenten hat Marc Lersch, Gastronom und Vorsitzender des Eschweiler Wirtevereins, einen Brief an Ministerpräsident Armin Laschet verfasst. In diesem bittet er um Hilfe für die Branche. Die Gastronomen in NRW hätten in den vergangenen Monaten viel Zeit „und unsere letzten Reserven investiert, um aus unseren Kneipen, Restaurants und Bars einen sicheren Ort in Zeiten der Pandemie zu schaffen“, schreibt Lersch. Er ist der Meinung, dass es wichtig sei, weiter mit den Gästen in Kontakt zu bleiben. Denn: „Wir alle brauchen Orte, an denen wir uns begegnen können und weiterhin für unsere Gäste da sind – auch, wenn dies in vielen Fällen wirtschaftlich kaum oder keinen Sinn macht“, so Lersch, der hinzufügt: „Wir sind leidenschaftliche Gastgeber und können nicht aus unserer Haut.“

Der Eschweiler Gastronom Marc Lersch hat einen Brief an Ministerpräsident Armin Laschet adressiert. Foto: MHA/Wolfgang Wynands

Doch derzeit stünden etliche Gastronomen mit dem „Rücken zur Wand“, ohne „Aussicht auf bessere Zeiten in diesem Winter“. Lersch ist sicher, dass dies weitreichende Konsequenzen haben wird. „Es wird viele von uns leider erwischen, die die Pandemie wirtschaftlich nicht überleben werden und den Weihnachtsbaum nicht mehr im eigenen Lokal aufstellen können. Wir verstehen an vielen Stellen die Politik nicht, die unseren Gästen suggeriert, dass die Gastronomie nur noch mit Sperrstunden, Schließungen und anderen restriktiven Maßnahmen zu lenken ist.“

„Eine Katastrophe“

Für Serkan Sistermanns ist der erneute (Teil-)Lockdown „wirtschaftlich eine Katastrophe“. Neun Mitarbeiter muss er m Montag in Kurzarbeit schicken, die Aushilfen bekommen ihre Ausfälle gar nicht kompensiert. „Ob die komplette Schließung angemessen ist, kann ich nicht beurteilen“, räumt der Pächter der Burggastronomie in Stolberg und Betreiber von Catering und Kantine im Museum Zinkhütter Hof ein. Nachvollziehen kann er den Schritt allerdings nicht. „Auch wir haben viel Zeit und Geld in die Hygienekonzepte investiert und alle Auflagen erfüllt. Trotzdem wird jetzt alles zwangsgeschlossen.“ Für sich persönlich ist er zuversichtlich, die Krise wirtschaftlich überstehen zu können. „Wir haben noch etwas Luft zum Atmen.“ Aber auch die könnte knapp werden, wenn das Weihnachtsgeschäft komplett ausfallen sollte.

Serkan Sistermanns muss am Montag neun Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken. Foto: ZVA/Sonja Essers

Rudi Bertram kritisiert die Schließung der Restaurants: „Wenn Abstands- und Hygieneregeln beachtet werden, die Nachverfolgbarkeit der Gäste gewährleistet ist und die Leute nicht auf den Tischen tanzen, ist man in einem Restaurant keiner besonderen Gefahr ausgesetzt“, erklärt Eschweilers scheidender Bürgermeister. Bertram hat die Sorge, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter sinken wird, wenn Beschränkungen nicht nachvollziehbar sind. Dass deren Wirkung umstritten sei, zeige der Diskurs in der Wissenschaft. „Den will ich nicht unterbinden. Aber wie wirkt das auf die Menschen, wenn der eine Virologe die Maßnahmen für richtig hält und der andere erklärt, dass sie das Problem nicht lösen können?“

„Dramatischer als im Frühjahr“

Es ist eine Katastrophe und echt bitter. Die Lage ist dramatischer als im Frühjahr", sagt Agnes Danz vom Eschweiler Talbahnhof. Momentan verlegen sie und ihr Team die Veranstaltungen, die eigentlich im November stattgefunden hätten. Die neuen Maßnahmen bedeuten auch eine „finanzielle Katastrophe. Man weiß ja nicht, was an Hilfen wirklich kommt“, sagt Danz.

In den vergangenen Monaten habe man wirklich allerhand versucht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. „Wir haben alles versucht, um den Besuchern Sicherheit zu vermitteln, und bekommen jetzt wieder einen Dämpfer.“ Nachdem die Entscheidung am Mittwochabend bekannt gegeben worden war, liefen innerhalb weniger Stunden über 50 E-Mails beim Ehepaar Danz ein. „Die Besucher wollten wissen, ob wir schon etwas zu den Veranstaltungen sagen können und wann sie ihr Geld zurückbekommen", berichtet Agnes Danz. Sie erwartet nicht, dass sich die Situation im Dezember ändern wird. „Im Frühjahr hatten die Leute Lust, wieder irgendwo hinzugehen und etwas auszuprobieren. Dass das im Dezember so sein wird, glaube ich nicht.“

Auch Kulturmanager Max Krieger macht sich in diesen Tagen große Sorgen um die Veranstaltungsbranche. Sie habe selten eine Lobby und werde eher als eine Art Stiefkind wahrgenommen. „Oft ist es so, dass sie als Belustigung angesehen wird“, ist Krieger sicher. Dabei sei vielen kaum bewusst, wie viele Menschen in dieser Industrie arbeiten. Die Künstler selbst seien meist nur die Spitze einer Pyramide. Können sie nicht auftreten, betreffe das unter anderem auch die Bereiche Licht- und Tontechnik, den Bühnenbau, die Gastronomie und Security-Firmen. Auch wenn Krieger Verständnis für die Entscheidung der Politik hat, fordert er mehr Unterstützung von der Bundesregierung: „Wenn der Staat nicht ähnlich einspringt wie bei großen Unternehmen, dann wird sich die Veranstaltungsbranche stark verändern.“

„Gesundheit geht vor“

Gerd Schnitzler hat Verständnis für die massiven Einschränkungen: „Die Gesundheit geht vor“, steht für Vorsitzenden des Stadtsportverbands Stolberg fest. Natürlich gebe es Gruppen, die mit genügend Abstand und ohne Körperkontakt ihren Sport betreiben. „Aber es ist in dieser Zeit nicht angebracht und kann von den zuständigen Behörden auch nicht geleistet werden, Ausnahmen zu prüfen und zu genehmigen.“

Zeigt Verständnis für die Maßnahmen, sorgt sich aber um die Kinder und Jugendlichen: Gerd Schnitzler, Vorsitzender des Stadtsportverbands in Stolberg. Foto: Dirk Müller

Sorge macht sich Schnitzler um die Kinder und Jugendlichen: „Dass sie sich nicht entsprechend ihrer Bedürfnisse bewegen und austoben können“, finde ich sehr schwierig.“ Dass Vereine in ihren Strukturen Schaden erleiden könnten, erwartet der Verbandsvorsitzende indes nicht: „Im Frühjahr war die Situation zunächst kritisch. Aber wir wissen inzwischen, dass die meisten Mitglieder Verständnis zeigen und Geduld haben. Deshalb werden sie ihrem Verein auch treu bleiben.“

„Pauschale Regelung hart“

Eduard Heckmann ist Geschäftsführer des Fitness-Studios „Eflow-Sports“ in Eschweiler. Für viele der bisher ergriffenen Maßnahmen hat er Verständnis. „Aber diese neue pauschale Regelung finde sehr hart.“ In seinem Studio würden die Hygieneregeln konsequent umgesetzt. „Außerdem kommen bei mir maximal zwei Leute gleichzeitig zum Training und werden mit großem Abstand von den Trainern betreut.“ Auch bei den Wegen rein und raus ins Studio begegneten sich die Kunden kaum. „Und diesbezüglich hätten wir noch weitere Einschränkungen machen können“, sagt er.

Ähnlich sieht das Kai Rösgen vom Eschweiler Fitnesstudio „Körperform“. „Die Stimmung bei uns ist sehr schlecht. Die Schließungsanordnung können wir nicht nachvollziehen. Wir gehören zum Gesundheitssektor.“ Das größte Problem sei, dass wegen der Maßnahmen die Neukunden ausblieben und man nicht wisse, ob die Bestandskunden die Mitgliedsbeiträge zahlen, wenn die Studios geschlossen bleiben. „Für den November haben viele noch gesagt, dass das okay sei. Aber wenn der Lockdown länger dauert, wird es auch bei einigen unserer Kunden eng.“ Hinsichtlich der angekündigten Hilfen der Bundesregierung ist Rösgen skeptisch. Und wenn die nicht ausreichen sollten? „Dann steht man vor der Wahl, einen Kredit aufzunehmen oder aufzugeben.“