Weihbischof Bündgens beim Forum "Gott und die Welt"

Aufarbeitung des Missbrauchsskandals geht weiter : Vom Zölibat bis zum Priestertum für Frauen

Die katholische Kirche verändert sich, vor Ort ebenso wie weltweit. Ein Vortrags- und Gesprächsabend des Forums „Gott und die Welt“ mit Weihbischof Johannes Bündgens machte vor allem eines deutlich: Viele dieser Veränderungen werden von den engagierten Christen herbei gesehnt.

Und viele Christen sind skeptisch, ob diese Veränderungen tatsächlich kommen – zum Beispiel bei der katholischen Sexualmoral, bei der Rolle der Frauen in der Kirche, beim Zölibat und bei den hierarchischen Strukturen.

„Wir müssen noch ein paar Stühle holen!“ Der Saal im Jugendheim der Pfarre St. Peter und Paul war voll, die Plätze reichten kaum aus. Und viele Besucher hatten Fragen und Sorgen mitgebracht zur Zukunft der Kirche: Wird sie demokratischer? Werden Strukturen beseitigt, die sexuellen Missbrauch begünstigen? Wie ist das mit der Kommunion bei Wortgottesdiensten? Der Diskussionsteil des Abends wurde deutlich länger als der vorangehende Vortrag des Weihbischofs.

Der große Zuspruch zeigte aber auch, dass die Vorträge des Forums „Gott und die Welt“ längst eine feste und beliebte Einrichtung in Eschweiler sind. Diakon Bernhard Habermeyer erinnerte bei der Begrüßung an den verstorbenen Gründer des Forums, Hans Coenen. Er hat vor 15 Jahren diesen Arbeitskreis, damals in der Pfarre St. Michael, ins Leben gerufen.

Johannes Bündgens, seit 2006 Weihbischof im Bistum Aachen, ist gebürtiger Eschweiler. Er ist Vorsitzender des Caritasverbands im Bistum und als Mitglied mehrerer Kommissionen auf Bundesebene in den Veränderungsprozess der Kirche eingebunden.

Wie geht die Katholische Kirche mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und andere Funktionsträger der Kirche um? Im September des vorigen Jahres wurde eine wissenschaftliche Studie öffentlich, die von der Kirche selber in Auftrag gegeben worden war. Das erschütternde Ergebnis: 3677 amtlich dokumentierte sexuelle Gewalttaten, 1670 Täter, dazu ein erhebliches Dunkelfeld, weil in einigen Bistümern Akten vernichtet worden waren. Weihbischof Bündgens hatte die Studie, 366 Seiten dick, zu seinem Vortrag in Eschweiler mitgebracht. Sie ist aber auch im Internet auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz für jedermann zu lesen.

Die Folgerungen aus dieser Studie waren das Hauptthema bei einer Bischofskonferenz vor wenigen Tagen im Emsland. Bündgens war dabei. Nicht nur über Aufarbeitung, Umgang mit den Opfern und den Tätern wurde dabei gesprochen, sondern auch über Prävention und die Notwendigkeit, kirchliche Strukturen zu ändern, die den Missbrauch begünstigen. Selbstverständlich war auch der Zölibat ein Thema, also die Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit. Und die kirchliche Sexualmoral: „Wie kommt man von der Einstellung los, dass fast alles, was mit Sexualität zu tun hat, eine schwere Sünde ist?“ Einstimmig beschlossen die Bischöfe in Lingen einen „synodalen Prozess“, in dem Geistliche und Laien die Themen weiter behandeln. Eigentlich hatte der Vorsitzende Kardinal Marx eine Synode einberufen wollen, um damit ein starkes Zeichen zu setzen, berichtete Bündgens.

Aber es gab aus dem konservativen Lager der Bischöfe Sperrfeuer und Verzögerungstaktiken. Nun also ein synodaler Prozess mit Arbeitsgruppen, die sich den Themen widmen. Ob man in diesem Prozess auch über verheiratete Priester reden kann, werde sich zeigen.

Während früher über sexuellen Missbrauch in der Kirche nie gesprochen wurde – in Jahrzehnten priesterlicher Erfahrung nicht, versicherte der Weihbischof – gebe es inzwischen Präventionsschulungen, und man schaue viel genauer hin, versicherte Bündgens später auf eine Frage aus dem Besucherkreis. Diese Schulungen für kirchliche Mitarbeiter seien oft „Opferveranstaltungen“. Bündgens: „Bei 20 Teilnehmern können Sie davon ausgehen, da sitzen immer zwei oder drei Betroffene dabei. Bei jeder Präventionsschulung läuft eine Gemeindereferentin heulend raus, weil in ihr etwas hochkommt, was sie verdrängt hat. Aus ihrer Kindheit, aus ihrer Jugend, mit ihrem Pastor, ihrem Kaplan, Jugendleiter oder auch außerhalb der Kirche.“

„Hat die Kirche nicht den Nährboden geschaffen für den Missbrauch?“ fragte eine Besucherin. Denn Missbrauch sei vor allem eine Machtfrage. Und auch die Geheimhaltung der Missbrauchsfälle über Jahrzehnte hinweg sei ein solcher Nährboden, versicherte eine andere Fragestellerin. Ein weiterer Besucher: Die Kirche sei eine abgeschlossene Welt für sich, mit ihren undemokratischen Strukturen und dem Zölibat wirke sie sektenhaft.

Mit dem Wort Nährboden tue er sich schwer, antwortete Johannes Bündgens. Ja, man habe sehr lange geglaubt, Pädophilie lasse sich heilen, und dann wurden pädophile Priester versetzt. Bei der Forderung nach mehr Transparenz müsse man auch die Pflicht des Bischofs zur Fürsorge für seine Priester sehen: „Den Bischof rufen fast täglich Leute an und beschweren sich über Priester. Es gibt Denunziation. Da ist Schutz nötig. Ich kenne Priester, deren Leben durch böse Gerüchte zerstört wurden.“ Aber natürlich sei die Kirche kein rechtsfreier Raum, und Straftaten müssen angezeigt werden.

Ein anderes großes Thema des Abends: Wie geht es im Bistum Aachen weiter? Auch hier ist es keine Synode, sondern ein synodaler Prozess mit dem Titel „Heute bei dir“, geplant auf die Dauer von drei Jahren. Konkrete Änderungen für die Pfarrgemeinden und die Struktur der Organisation kommen aber erst ganz zum Schluss. Auf den Priestermangel müssen die Gemeinden, so wie sie jetzt sind, aber aktuell reagieren. Die Zahl der Messen sinkt, stattdessen gibt es Wortgottesdienste ohne Priester. Da hakte einer der Besucher ein: „Diese Wortgottesdienste, das machen sehr viele Frauen, oft besser als die Männer. Ich verstehe nicht, warum man nun im Bistum eine Gruppe zusammen gestellt hat, die diskutiert, ob diese Gottesdienste mit Kommunion oder ohne Kommunion gefeiert werden sollen. Wenn Sie sagen, wir machen es ohne Kommunion, dann können Sie einpacken!“ Starker Beifall im Publikum.

Kommunion ohne Priester? „Da wird sich unser Bischof noch positionieren müssen“ reagierte Bündgens. Bischof Dieser habe ja nicht gesagt, dass es undenkbar sei, dass in Wortgottesdiensten die Kommunion ausgeteilt wird. Ob das der Regelfall sein soll oder nur Ausnahmefall, werde wohl erst am Ende des synodalen Prozesses entschieden.

Zur Struktur der künftigen Gemeinden, der Messen und Gottesdienste könne er, Bündgens, nichts Verbindliches sagen, aber nach seiner Meinung brauche man beides – einerseits Mittelpunktkirchen mit zentralen Funktionen, mit Kirchenmusik und feierlicher Liturgie, andererseits brauche es aber auch viele andere Formen. In den Gemeinden gebe es viele engagierte und kompetente Menschen. Die sollten nicht Opfer der Reform werden.

„Bischöfe müssen ihre Macht abgeben!“ forderte ein anderer Teilnehmer der Diskussion. Er schilderte es als frustrierend, wenn im Kirchenvorstand bei allem, was angeregt und vorgeschlagen wird, am Schluss das Argument kommt, das entscheide der Bischof. Zugleich regte er die Trennung von seelsorgerischen Aufgaben der Priester und der Verwaltung der Gemeinden an. Nicht jeder gute Seelsorger sei ein guter Manager und umgekehrt. Auch für diese Anregung gab es viel Beifall.

Schließlich war auch die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche ein Thema am Donnerstagabend. Bei allem, was keine Weihe erfordert, sei die Kirche da auf dem Weg, versicherte Bündgens: „Wir suchen händeringend nach Frauen in Leitungspositionen.“ Einerseits. Andererseits: „Am Priestertum für Frauen sind wir nicht dran. Aber am Diakonat der Frau.“ Beim Priestertum für Frauen gebe es das Veto von Johannes Paul II., das werde sicher auch mal obsolet werden, „aber im Moment ist das noch zu stark und zu ideologisch besetzt“. Beim Diakonat für Frauen brauche es eigentlich nur jemanden, der den Mut hat, das zum Thema der innerkirchlichen Diskussion zu machen.

Auch beim Zölibat sieht Weihbischof Bündgens Bewegung. Möglicherweise wird die Amazonas-Synode im Herbst Änderungen bringen. „Manche sagen, das war ein Trick von Franziskus, das Thema wieder in die Kirche reinzutragen.“ Der Amazonas ist ein riesiges Gebiet, da kommt vielleicht einmal im Jahr ein Priester in einer Gemeinde vorbei. „Kann man nicht in diesen kleinen Dorfgemeinden entlang der Flüsse Familienoberhäupter zu Priestern weihen?“ Das Thema wurde auch bei der Bischofskonferenz in Lingen angesprochen. Bündgens: „Wir haben keine Abstimmung gemacht, aber da war kein prinzipieller Widerstand. Also nicht den Zölibat aufheben, das will keiner. Die Ehelosigkeit ist eine geschätzte Lebensform, die soll bleiben. Aber es sind Ausnahmen denkbar.“

Aus dem Vortrag und der Diskussion wurde deutlich, dass der Wille zur Reform auch in der kirchlichen Hierarchie da ist. In den Gemeinden, an der Basis, werden diese Reformen aber viel deutlicher und drängender angemahnt. Denn dort spürt man, „dass kirchliches Leben und gesellschaftliche Entwicklung auseinander driften“, wie Pastoralreferent Frank Klinkenberg als Moderator des Abends es formulierte.

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