Podcast „Herz, Seele, Ball“: Von Yves Eigenrauch bis Wurstdarmmaschinen

Podcast „Herz, Seele, Ball“ : Von Yves Eigenrauch bis Wurstdarmmaschinen

Schon bei der Antwort auf die Frage nach einem Getränkewunsch verkörpert „Ulli“ Potofski das, wofür er seit den 80er Jahren in der deutschen Fußballwelt geschätzt, verehrt und mitunter auch – wie er selbst sagt – gehasst wird: Er nimmt nichts so wirklich ernst. Weder sich noch alltägliche Situationen und schon gar nicht den Fußball und die darum erschaffene Welt. So bestellt er einen Schalke-Cocktail, den es so natürlich nicht gibt. „Eiskalte Milch, Blaubeeren, Sahne drauf. Dazu einen Kaffee.“

Als er das sagt, sitzt der 67-jährige gebürtige Gelsenkirchener in der dritten Etage eines Hauses an der Englerthstraße. Dort ist er die nächsten Wochen oft, denn nahezu täglich fährt Potofski nun von Stolberg-Mausbach ins Eschweiler Zentrum, um dort in einem Studio seinen Fußball-Podcast „Herz, Seele, Ball“ aufzunehmen. Ein Podcast ist im Prinzip so etwas wie eine Radiosendung, nur dass sie auf Bestellung (englischer Fachbegriff, den die Medienwelt benutzt: „On-demand“) produziert wird. „Ich bin ein alter Radiomann, daher wollte ich schon immer einen Podcast machen“, sagt Potofski.

Podcasts gibt es heute reichlich, über so gut wie jedes Thema, in unterschiedlichen Formaten und Längen, von Promis und denen, die es noch nicht sind, von Wochenzeitungen (Die Zeit, Süddeutsche Zeitung) und, und, und. Natürlich auch über: Fußball. Der Dortmund-Profi und Ex-Nationalspieler Mats Hummels hat einen mit seinem Bruder, die Fachzeitschrift Kicker einen mit dem Live-Übertragungsportal DAZN (die neue große Konkurrenz der Fernsehsender).

Was soll Potofskis „Herz, Seele, Ball“ erfolgreich machen? Und warum nimmt er seinen Podcast in Eschweiler auf?

Die zweite Frage ist einfacher zu beantworten: An der Englerthstraße sitzt eine der erfolgreichsten deutschen Agenturen für Audiokommunikation. Radiowerbung zum Beispiel ist der Klassiker der Audiokommunikation. Über den in der Branche bekannten Produzenten Martin Ernst aus München kam der Kontakt zwischen Ulli Potofski und Guido Tiesarzik zustande. Er ist der Inhaber der besagten Agentur.

Gudio Tiesarzik ist daher in der Lage, auf die Eingangsfrage nach dem Erfolgspotenzial von „Herz, Seele, Ball“ zu antworten. „Warum sollten wir uns mit dem Kicker messen? Das können und wollen wir gar nicht. In dem Podcast geht es nicht um Taktik-Geplänkel“, betont Tiesarzik. „Es geht ums tägliche Geschehen mit Ullis Anekdoten, das kann kein anderer so machen, wie er. Er hat in seiner Karriere so viele Leute kommen und gehen sehen.“

Das Beispiel mit der Bratwurst

Zum täglichen Fußballgeschehen gehört unter anderem auch die Bratwurst. In dem Milliardengeschäft Fußball scheint dieses kleine, längliche Stück Fleisch eine Nebenrolle zu spielen. Potofski sieht das anders. Die Bratwurst sei nicht nebensächlich, die Fans wollen sie nicht teuer, ohne Blattgold, sie soll ordentlich sein. Darüber spricht er auch in einer seiner Folgen. Eine Reaktion darauf folgte prompt. „Es hat sich einer gemeldet, der gesagt hat, dass sein Cousin Wurstdarmmaschinen vertreibt. Wurst-Darm-Maschinen. Diese Reaktionen sind genau die, die ich will“, sagt Potofski mit einer Mischung aus Erheiterung und positiver Fassungslosigkeit. Er hat’s natürlich in der darauffolgenden Ausgabe erwähnt.

Potofski will solche und andere Reaktionen auch heraufbeschwören, sagt er, in seinen bislang fünf Folgen sind schon mehrere Kreisliga-Vereine vorgekommen. Reaktionen möchte er auch damit erreichen, dass er seine Anekdoten mit einer Ironie verpackt, die vielleicht nicht jeder Zuhörer direkt durchschaut. „Es gibt Hörer, die nehmen alles für bare Münze.“ Dass aber Yves (gesprochen: Yyyyyyyyyyyves) Eigenrauch, der bis zu seinem Karriereende 2002 zwölf Jahre beinhart für Schalke 04 verteidigt hat, im Duell gegen die Bayern nicht deren Millionen-Neuzugang Coutinho in Manndeckung nimmt, wie Potofski (selbst Schalke-Fan) vorschlägt, sollte doch jeder begriffen haben.

Seine eigene Art von Humor ist Potofski wichtig, sein Podcast soll bald aber nachdenklicher, gehaltvoller werden, nur stets mit „seiner Farbe versehen“.

Am Samstag, zwischen 10 und 12 Uhr, geht die sechste Folge „Herz, Seele, Ball“ ins Netz und ist unter anderem über Spotify abzurufen. Innerhalb eines Jahres, das ist das Ziel von Guido Tiesarzik, soll die Hörerzahl auf 15.000 bis 30.000 täglich steigen; eine Bestandsaufnahme sei erst in vier bis sechs Wochen möglich. „Jeder bekannte Podcast hat zwischen 150.000 bis 300.000 Zuhörer pro Folge. Aber: Die gibt es nicht täglich“, sagt Tiesarzik. Jede normale Folge geht vier Minuten, bald soll sie ab 6 Uhr verfügbar sein, einzelne Spezialausgaben mit Gästen könnten auch länger gehen.

Eventuell widmet Potofski eine Folge ganz der Kommerzialisierung des deutschen Fußballs, die er gerne kritisiert und auch nicht – na klar – ganz ernst nimmt. „Aber eigentlich bin ich ja schuld daran, das ist historisch belegbar, als ich 1987 als Sportchef von RTL die ersten Übertragungsverträge mit dem Deutschen Fußballbund abgeschlossen habe.“

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