Urteil am Aachener Landgericht nach Messerattacke in Eschweiler Kiosk

Messerattacke in Eschweiler Kiosk : 59-Jährige zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt

Mit Tränen in den Augen nahm Ayse D. (59) das Urteil der Aachener Schwurgerichtskammer am späten Freitagnachmittag entgegen. Wegen versuchten Totschlags, begangen an ihrem Schwiegersohn am 19. Juni dieses Jahres in Eschweiler, wurde Ayse D. von der Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht zu zweieinhalb Jahre Haft verurteilt.

Da der Haftbefehl aufgehoben wurde, konnte die Türkin nach dem Urteil das Gefängnis wieder verlassen. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Roland Klösgen entschied in diesem Familiendrama auf einen sogenannten minderschweren Fall, für den allerdings nach dem Gesetzbuch auch ein Strafmaß zwischen einem und zehn Jahren vorgesehen ist. D. hatte vier Tage vor der Messerattacke in einem kleinen Kiosk auf den Noch-Ehemann ihrer Tochter von der Enkelin erfahren, dass der Vater der insgesamt sechs Kinder ihrer Tochter ein Mädchen sexuell missbraucht haben solle.

Sie begann, so der Richter in der Urteilsbegründung, über das Telefon mit Drohungen gegenüber dem Schwiegersohn, der am Wochenende zuvor aus der ehelichen Wohnung ausgezogen war. Die Schwiegermutter hatte die Missbrauchsvorwürfe von ihrer Lieblingsenkelin erfahren und war schier außer sich geraten. „Bereits am Telefon“, beschrieb der Vorsitzende Richter die Situation, „sagte sie zu ihm, entweder du verlässt Eschweiler oder ich bringe dich um“.

Da er das nicht tat, ging sie nach der Arbeit nach 22 Uhr an diesem Abend zu dem Kiosk, wo der 35-jährige arbeitete.  Sie zog ein Messer, allerdings ein nur zehn Zentimeter langes Küchenmesser, und ging auf den hinter dem Tresen stehenden Schwiegersohn los. Der Tresen sei überhaupt zu breit gewesen, um dem dahinter stehenden Mann ernstliche Verletzungen beizubringen, hatte selbst der Ankläger, Oberstaatsanwalt Wilhelm Muckel, in seinem Plädoyer vorgetragen.

Das sei demnach ein „untauglicher“ Versuch des Totschlags, begründete Muckel seinerseits  seinen moderaten Strafantrag von zwei Jahren und sechs Monaten, dem das Gericht dann auch folgte. Doch für Richter Klösgen war der Versuch überhaupt nicht „untauglich“, in dem kleinen Kiosk habe die Angreiferin ihr Opfer auch mit diesem kleinen Küchenmesser  „durchaus tödlich“ verletzen können. Es sei nicht das erste Verfahren, in dem solch kurze Klingen zu tödlichen Verletzungen geführt hätten, berichtete der Strafrichter aus seinem Erfahrungsschatz in Sachen Gewalt.

Beherztes Eingreifen

Schließlich war die Tat nur durch das beherzte Eingreifen des Kioskbetreibers beendet worden, der bereits draußen die Gefahr hatte aufziehen sehen und der Frau in seinen Kiosk gefolgt war. Da hatte er sie mit dem Messer fuchtelnd vor der Theke gesehen, sie schnellstens von hinten umfasst und aus dem Laden bugsiert. Sie wurde danach von der Polizei festgenommen und hatte den Beamten gegenüber in bruchstückhaftem Deutsch immer noch behaupte, sie wolle ihren Schwiegersohn töten.

Was erheblich zu Lasten der Angeklagten zu Buche schlug, war insbesondere ihr Vorhaben, an dem Schwiegersohn Selbstjustiz zu üben. Das gehe in der hiesigen Rechtsordnung auf keinen Fall, befand der Vorsitzende, er vergaß in seiner Predigt auf die Anforderungen des Rechtsstaates zu erwähnen, dass dieser auf kein Strafdelikt die Todesstrafe vorsieht.

Gegen den Schwiegersohn ist inzwischen nach Auskunft der Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen des Verdachtes auf sexuellen Missbrauchs von Kindern eingeleitet worden.

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