Eschweiler: Todesangst im „Schlachthaus“ Aleppo

Eschweiler : Todesangst im „Schlachthaus“ Aleppo

Ob in diesem Augenblick, da dieser Artikel erscheint, ihr Mann und ihre Tochter noch leben, weiß Randa Sultan nicht. Vor zehn Monaten musste die 56-Jährige ihren Mann Hassan Mounla und ihre Tochter Asma in Aleppo zurücklassen.

In der Stadt, die seit Monaten so heftig umkämpft wird wie keine andere, in der Hunderttausende Menschen eingeschlossen und den Luftangriffen syrischer und russischer Bomber ausgesetzt sind, in der Nahrungsmittel inzwischen unbezahlbar und Medikamente kaum zu bekommen sind. In einer Stadt, die UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon erst vor wenigen Tagen als „Schlachthaus“ bezeichnete.

Möchte wieder als Lehrerin arbeiten und ihre Töchter in Deutschland studieren lassen: Randa Sultan. Foto: Rudolf Müller

Das Ehepaar war sich einig: Da Hassan Mounla aus gesundheitlichen Gründen nicht imstande war, aus Aleppo zu fliehen, sollten Randa Sultan und ihre beiden Töchter Issra und Safaa versuchen, dem Grauen des Krieges zu entkommen. Tochter Asma (27) wollte bleiben und sich um ihren Vater kümmern. Später sollten die beiden auf dem Weg der Familienzusammenführung nachkommen — in eine sichere, friedvolle Zukunft.

Bombenhagel und Kreuzfeuer

In Aleppo hatte die Familie vor dem Krieg ein gutes Leben gehabt. Randa hatte einen Universitätsabschluss und arbeitete als Englischlehrerin an einem Gymnasium. Ihr Ehemann war Ingenieur. Tochter Fatima (28) lebte und lebt in Gaza/Palästina, ist dort verheiratet. Asma (27) hatte einen Uni-Abschluss in Businessmanagement. arbeitete aber für eine Hilfsorganisation und kümmert sich um kranke Kinder. Issra (22) studierte im vierten Jahr Architektur, und Safaa (19) hatte ein Ingenieurstudium begonnen: Bio-Engineering.

Im November vergangenen Jahres war damit Schluss: „Es wurde zu gefährlich in Aleppo, es gab zu viele Zwischenfälle“, berichtet Randa. „Im Interesse unserer Töchter haben wir beschlossen, das Land zu verlassen. Wir waren uns einig, dass es sich nur um eine zeitweise Trennung handeln kann — wir mussten im Interesse unserer Töchter Opfer bringen.“

Randas Haus lag in einem Viertel, das von Regierungstruppen gehalten wurde. Aber nur zwei Straßen weiter lag der Gegner. „Immer wieder fielen Bomben, wir lagen im Kreuzfeuer von Scharfschützen auf beiden Seiten.“ Wenn die Regierungstruppen die Oberhand hatten, öffneten sie zeitweise Korridore, durch die Randa und ihre beiden jüngsten Töchter die Flucht aus der belagerten Stadt gelang.

Das war am 16. November. Die drei reisten nach Süden, in den rund 350 Kilometern entfernten Libanon. Von dort gelangten sie per Flugzeug in die Türkei. Die von Schleusern organisierte Überfahrt mit einem Schlauchboot nach Griechenland kostete sie 6000 Euro. „Vor unserer Abreise haben wir alles verkauft, Auto, Schmuck.“

Nahezu mittellos kamen sie in Griechenland an. Der Weg nach Mazedonien war das schlimmste Stück der Reise“, berichtet Randa Sultan. „Es herrschte fürchterliches Wetter, schwerer Regen. Wir mussten große Entfernungen zu Fuß zurücklegen, bei Dunkelheit, eisiger Kälte und mit sehr viel Angst.“ Hinter der mazedonischen Grenze gab es Hilfe: „UN-Vertreter gaben uns Essen und Kleidung und freie Reisen per Zug und Bus.“

Akzentfrei deutsch

Durch sechs Länder zogen Randa, Issra und Safaa, bis sie Deutschland erreichten. Zwei Tage verbrachten sie in einem Camp bei München, dann wurden sie nach Eschweiler gebracht: Hier leben Verwandte. Randas Ehemann Hassan ist ein Onkel von Hibba Kassas. Die gebürtige Burtscheiderin lebt seit vielen Jahren in Eschweiler und arbeitet in Diensten der Arbeiterwohlfahrt als soziale Betreuerin für Flüchtlinge.

Zunächst in der Jahnhalle untergebracht, haben Randa und ihre Töchter inzwischen eine Wohnung an der Gutenbergstraße. Die Englischlehrerin besucht inzwischen Deutschkurse für Fortgeschrittene an der Volkshochschule. Ihre beiden Töchter besuchen Aufbau-Deutschkurse an der RWTH Aachen — Voraussetzung für die Aufnahme ihres Studiums dort. Die neue Sprache beherrschen die drei akzentfrei.

Auch Tochter Asma besucht Deutschkurse — an einem Institut in Aleppo. „Schon der Weg dahin ist lebensgefährlich“, weiß Randa. „Jeden Augenblick muss man mit einer Bombe rechnen, die einen tötet.“

Über What‘sApp versucht Randa, Kontakt zum Rest ihrer Familie in Aleppo zu halten. „Natürlich habe ich ständig Angst“, sagt die 56-Jährige. „In Aleppo gibt es kein Wasser mehr, keinen Strom. Einige Menschen haben Generatoren, die die Pumpen betreiben, die Wasser aus selbst gegrabenen Brunnen fördern. Es fehlt an allem, und für das, was es noch gibt, müssen horrende Preise gezahlt werden. Die Menschen dort leiden.“

Ihr Haus, weiß sie, steht zwar noch. Doch eine Bombe hat es stark beschädigt: Fensterscheiben sind zerborsten, einige Wände eingestürzt, Möbel demoliert.

„Ich bin der deutschen Regierung sehr dankbar“, sagt Randa Sultan. „Deutschland hat uns sehr viel Humanität entgegengebracht. Nur Deutschland hat seine Grenzen geöffnet und uns geholfen. Andere Länder, auch arabische, tun das nicht. Ich habe den größten Respekt vor diesem Land.“

Und Randa Sultan würde gerne etwas zurückgeben: „Ich bin keine Bettlerin. Ich möchte gerne arbeiten und eigenes Geld verdienen. Ich habe in meinem Land 37 Jahre durchgehend gearbeitet und hoffe, das hier fortsetzen zu können. Dafür bin ich nicht zu alt.“

Zukunft noch ungewiss

Und sie hofft darauf, bald wieder als Familie vereint leben zu können — in Deutschland. Das allerdings ist ungewiss: Syrer erhalten in Deutschland derzeit nur eine auf ein Jahr befristete Aufenthaltserlaubnis. Das reicht nicht für einer Familienzusammenführung. Dennoch: „Ich erwarte mir von Deutschland eine Menge für meine Töchter“, sagt Randa.

„Ich hoffe, dass sie hier studieren können. Ihre Zukunft hängt von der deutschen Regierung ab. Ich hoffe, dass die deutschen Behörden meinen kranken Mann und meine Tochter hierher holen. Ohne sie kann ich auf Dauer nicht leben.“ Und ihre beiden jüngeren Töchter in Deutschland zurücklassen, um sich im Bombenhagel des „Schlachthauses“ Aleppo um ihren Mann und ihre Tochter Asma zu kümmern, ist auch keine Option, die man einer Familie zumuten kann.