Thomas Freitag tritt im Talbahnhof auf

Thomas Freitag tritt im Talbahnhof auf : Hat ein solches Deutschland eine Zukunft?

Sozialkritisch politisches Kabarett der absoluten Extraklasse präsentierte Thomas Freitag am Mittwochabend im Kulturbahnhof. Der Meister der scharfzüngigen Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des schier alltäglichen Daseinswahnsinns setzte sich mit „Europa, dem Kreisverkehr und einem Todesfall“ auseinander.

Thomas Freitag war Peter Rübenbauer, ein Ministerialbürokrat aus der EU-Verwaltung in Brüssel, dessen Hauptaufgabe die Vereinheitlichung europäischen Gleichstellungswahns in Sachen Vorfahrtsregelung im Straßenverkehr der Bau von Hunderten von Kreisverkehren in der Union ist, außer vielleicht in Großbritannien.

Bei der Eröffnung eines Kreisverkehrs wird er von einem rasenden Italiener in eine komatöse Zwischenwelt befördert, in der er sein Leben als Europäer und Stütze der Brüsseler Bürokratie- und Politikwelt in einem Parforceritt durch verschiedenste Lebenssituationen Revue passieren lassen muss.

So wie Freitag zu Rübenbauer wird, so wandelt er sich zum Niederländer Menheer Drempel, der mit seinen Drempeln für die absolute Entschleunigung und Ruhe in Europa sorgt.

Beunruhigend Freitags Rolle als Hans-Peter Moser-Seitenbacher, einem evangelischen Selbstmordattentäter, der Ungläubige mit den ungewaschenen Socken aus 60 Jahren seines bibelfesten Lebens bekämpfen möchte.

Beklemmend der vollkommen unsensible Briefwechsel von EU-Bürokrat Rübenbauer mit einem afrikanischen Patenkind in einem Slum.

Freitag setzt sich pointiert-kritisch mit praktisch allen Knackpunkten europäischer und deutscher Politik auseinander. Da bekommen alle ihr Fett weg. Ob AfD, Sozialpolitik, die Bildung, Soziale Medien, die Bundesregierung, Alternative, Wessis und Ossis und natürlich auch die SPD. Hier schlüpft Freitag für einen kurzen Moment in die Rolle von Willy Brandt, dessen kongenialer Imitator er war und ist. Schließt man die Augen, meint man, Willy stünde auf der Bühne des Talbahnhofs.

In der Rolle des entmachteten und als Tellerwäscher in einem griechischen Restaurant in Deutschland dahin vegetierenden Göttervater Zeus macht Thomas Freitag deutlich, wie sehr sich unser Wertesystem von Philosophie und Glauben hin zu Geld und noch mehr Geld verschoben hat.

Überhaupt bleibt den Zuhörern immer wieder das Lachen im Halse stecken und aus einem kabarettistischen Gag wird im Freitag’schen Zungeumdrehen ein sprachloser Moment der Nachdenklichkeit.

Fast am Ende des Abends bleibt man ein wenig ratlos zurück, die Frage, hat ein solches Europa, ein solches Deutschland einen Sinn, eine Zukunft?

Doch Thomas Freitag wäre nicht er selbst, stünde nicht zum Schluss ein flammender Appell für eben dieses Europa, für seine ursprünglichen Werte und Ideale wie Toleranz, Großzügigkeit, Weltoffenheit und Freiheit für alle Menschen.

(mu)
Mehr von Aachener Nachrichten