Stumme Zeitzeugen der lebendigen Industriegeschichte

Vortrag von Norbert Glison : Stumme Zeitzeugen der lebendigen Industriegeschichte

Der alte Lokschuppen an der Talstraße, der Brückenpfeiler mit dem Schriftzug „EBV“ an der Phönixstraße, das ehemalige Umspannwerk an der Ecke Röher Straße/Odilienstraße, sie alle sind stumme Zeitzeugen der lebendigen Industriegeschichte Eschweilers, die in so vielen Baudenkmälern, Ruinen und Ecken der Indestadt zu erleben ist, wenn der geneigte Betrachter ein Auge hierfür hat.

Seit dem detaillierten und ausführlichen Vortrag des Elektro-Ingenieurs Norbert Glison über Eschweilers Industriedenkmäler auf Einladung des Geschichtsvereins dürfte dieses Auge bei den vielen interessierten Besucher nun definitiv geschult sein.

Vom Beginn der Bergbauentwicklung Eschweilers im 15. Jahrhundert über die stahlverarbeitende Industrie bis hin zur Energieerzeugung und der aktuellen Verkehrsindustrie spannte der Referent am Donnerstagabend einen großen Bogen mit Informationen zu Bauten, Hintergründen, der Industriegeschichte und industriellen Verfahrenstechniken. Ihre Lage im Dreiländereck, ihr industrielles Know how und nicht zuletzt herausragende Unternehmerpersönlichkeiten wie Christine Englerth oder Franz Reuleaux machen die Stadt an der Inde seit über 500 Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Während von der steinkohleverarbeitenden Industrie vor allem noch Bauten an der Stolberger Straße zeugen und die Gruben „Reserve“ und „Centrum“ ihre Abdrücke ins indestädtische Gesicht gepresst haben, sind es vor allem die Namen „Eschweiler Bergbauverein“ und Christine Englerth, die Eschweilers wohl erfolgreichste industrielle Zeit geprägt haben.

Norbert Glison gelang das Kunststück, in zwei Stunden einen Parforceritt durch Eschweilers Industriegeschichte zu vollziehen, orientiert an baudenkmalerischen Meilensteinen. So zeichnete der kompetente Referent den Weg der EBV-Hüttenabteilung in die Stahlabteilung an Hand der Bauten in der Konkordiasiedlung nach und erläuterte ganz nebenbei stahlerzeugende Verfahren wie Puddeln, Thomasverfahren oder auch die Siemens-Martin-Technik.

„Das sind doch die Bayere Hüsjer“, meldete sich eine Zuhörerin mitten im Vortrag, als es um Industriesiedlungen auf Pumpe-Stich ging. Solche Ergänzungen, wie die der umgangssprachlichen Bedeutung der Siedlungshäuser für die Facharbeiter aus Bayern, nahm Glison dankbar auf, machten sie seinen ohnehin unterhaltsamen Vortrag doch nur noch lebendiger.

Auch wenn die Briten seinerzeit das Fachwissen in der Stahlindustrie für sich behalten und mit Ausreiseverboten für ihre Ingenieure konservieren wollten, gelang es doch immer wieder findigen Unternehmern, das höchst aktuelle Know-how der damaligen Zeit nach Eschweiler zu holen. Nicht ohne Grund hat der erfolgreiche Hoesch-Konzern des Ruhrgebiets seine Wurzeln an Inde und Rur ohne „h“, schließlich betrieb der Dürener Unternehmer Eberhard Hoesch sein Zweigwerk von 1846 an dreißig Jahre lang in Eschweiler höchst erfolgreich.

Ob Pförtnerhäuschen des Talbot-Werks, ganze Fabrikhallen von „F.A. Neumann“ oder kleine Eisenbahnbrücken in der Aue, die Zeitzeugen des Wagon-, Draht- und Transportzeitalters sind immer noch überall im Stadtgebiet verteilt zu finden. Und natürlich durften der Braunkohletagebau und das immer noch beeindruckende Weisweiler Kraftwerk als Symbol der „Energiestadt“ Eschweiler in der schier lückenlosen Aufzählung der Industriedenkmäler Glisons am Donnerstag nicht fehlen.

Rezessionen, Globalisierungen und falsche unternehmerische Entscheidungen – Eschweilers Industriegeschichte hat nicht immer rosige Zeiten gesehen, doch die Flexibilität, Kreativität und der Erfindergeist der Eschweiler ist über die Stadtgrenzen hinaus prägend, bis heute dokumentiert in Mauern aus Ziegelsteinen und industriellen Konstruktionen aus Stahl.

(vr)