Eschweiler: Straßenkleidung ist im Schwimmbecken tabu

Eschweiler : Straßenkleidung ist im Schwimmbecken tabu

Die Szene im Freibad Dürwiß vor wenigen Tagen war eigentlich keine besondere: Ein Elfjähriger stürzte sich ins Wasser, hatte allerdings seine Baseball-Kappe auf seinem Kopf vergessen. Das Badepersonal machte den Jungen darauf aufmerksam und bat ihn, die Kopfbedeckung abzunehmen. Was den Großvater des Elfjährigen dazu bewegte, die Szene in der Redaktion zu schildern.

Wenige Meter weiter sollen zwei Frauen in „voller Montur“ ins Wasser gestiegen sein, ohne dass sie vom Bäderteam angesprochen wurden. Es soll sich um „offensichtlich muslimische Frauen“ gehandelt haben. Der Mann sieht darin eine „Ungleichbehandlung“.

Ohne den Einzelfall konkret zu kennen, geht man in der Stadtverwaltung davon aus, dass die zwei Damen keine „Straßenkleidung“ trugen. Ohnehin schreibt die Badeordnung vor, dass vor dem Gang ins Becken eine „gründliche Körperreinigung“ erfolgen muss und hinter den Umkleiden keine Straßenschuhe getragen werden dürfen.

Erfahrungen wie diese sind nicht ungewöhnlich. Immer wieder kommt es zu Verunsicherung bei den Badegästen. Dabei sind die Bekleidungsregeln klar: Wie mit solchen Fällen zu verfahren ist, steht normalerweise in der Haus- und Badeordnung. Für die Eschweiler Schwimmbäder heißt es darin: „Der Aufenthalt im Nassbereich der Bäder ist nur in üblicher Badekleidung gestattet.“ Da dieser Satz reichlich Raum für Interpretationen lässt, ergänzt das Eschweiler Bäderteam diese Vorgaben mit Fotos. An den Kassenhäuschen der beiden Schwimmbäder hängen die Beispiele aus, was unter „üblicher Badekleidung“ in den indestädtischen Sportstätten verstanden wird: Bikini, Badeanzug, Tankini, Burkini, Badehose sowie Badeshort. „Diese Vorgaben sind für alle verbindlich“, sagt Verwaltungssprecher René Costantini.

Hygienische Gründe sind entscheidend dafür, welche Kleidung im Becken nichts zu suchen hat. Alltagskleidung könne eher verschwitzt oder verschmutzt sein. Zudem solle verhindert werden, dass zu viele Stofffasern in das Beckenwasser gelangen.

Die Mitarbeiter des Eschweiler Bäderteams haben ausdrücklich das Recht, auf das Einhalten der Regeln zu pochen und Missachten zu sanktionieren. „Das Aufsichtspersonal übt gegenüber allen Besuchern das Hausrecht aus“, steht in der Haus- und Badeordnung zu lesen, die in den Bädern ausgehängt ist, aber bisher nicht im Internet zu finden war. Dies bedeutet, dass Besucher „vorübergehend oder dauernd vom Besuch des Bades ausgeschlossen werden“ können, wenn sie sich nicht an die Vorgaben halten. In solchen Fällen werde das Eintrittsgeld nicht zurückerstattet, heißt es dazu. Zu solchen extremen Fällen ist es in der Vergangenheit in Eschweiler jedoch nicht gekommen.

Seit 2008 in Kraft

Die Badeordnung ist zuletzt im Jahr 2008 geändert worden. Sie legt auch fest, dass Badegästen nicht erlaubt ist, Musik laut abspielen zu lassen oder Instrumente mit ins Bad zu nehmen. Ein besonderes Augenmerk auf die Persönlichkeitsrechte richtet der Passus in der Badeordnung, das Fotografieren und Filmen fremder Personen und Gruppen ohne deren Einwilligung zu untersagen.

Das Personal des Bäderteams handele entsprechend dieser Vorgaben. „Natürlich sind Ausnahmen gestattet, wenn jemand zum Beispiel empfindlich auf Sonnenlicht reagiert und deswegen ein Baumwoll-Shirt im Wasser trägt“, teilt er mit. Allerdings müsse es sich dabei um ein sauberes und vorher nicht getragenes Oberteil handeln. Ansprechpartner seien in jedem Fall die jeweiligen Mitarbeiter des Bäderteams vor Ort.

In der Vergangenheit kam es auch in anderen Städten immer wieder zu offenen Fragen, die auch richterlich geklärt werden mussten. Auch die Teilnahme von muslimischen Mädchen am Schwimmunterricht wurde juristisch entschieden: Das Oberverwaltungsgericht Münster hat bestätigt, dass auch strenggläubigen muslimischen Schülerinnen das Tragen einer den islamischen Bekleidungsvorschriften entsprechenden Schwimmkleidung in aller Regel zumutbar ist. Mit der entsprechenden Schwimmkleidung sei ein „Badeanzug mit hoch geschlossenem Kragen und fest sitzender Kopfbedeckung, sogenannte Burkini“ gemeint.

Das OVG sieht im Tragen derartiger Schwimmbekleidung eine diskriminierungsfreie Ausweichmöglichkeit, die geeignet ist, einen im Einzelfall auftretenden Glaubenskonflikt ohne Trennung der Geschlechter und ohne Befreiung von der Unterrichtsteilnahme zu bewältigen.

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