Steckrübenwinter in Eschweiler und Stolberg: Hungersnot in 1916/1917

Hungersnot 1916/17 : „Was nun werden soll, weiß ich nicht“

Stolbergs Bürgermeister hat den Steckrübenwinter 1916/17 sehr genau dokumentiert. Auch in Eschweiler leidet die Bevölkerung Hunger. Doch hundert Jahre später gibt es immer noch Menschen, denen es ähnlich geht. Daran erinnert der Tag der Ernährung.

821 Millionen Menschen weltweit sind auch heute noch chronisch unterernährt. Hunger ist weit verbreitet, und genau aus diesem Grund wurde bereits 1979 der Welternährungstag ins Leben gerufen. Hunger herrschte einst auch in der Region. Besonders dramatisch waren die Jahre 1916 und 1917.

Der sogenannte Steckrübenwinter ging in die Geschichte ein, und auch in Eschweiler und Stolberg ernährte man sich damals fast ausschließlich von dem Kartoffelersatz. Warum der damalige Stolberger Bürgermeister Walther Dobbelmann verzweifelte? Und welche kreativen Rezepte in Eschweiler damals an der Tagesordnung waren? Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

Wir schreiben den Winter 1916/1917. Bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatte England die Nordsee zum Sperrgebiet erklärt. Nur einzelne Schiffe konnten diese Sperre durchbrechen. Da die britische Flotte auch die neutralen Schiffe kontrollierte und alle für die Mittelmächte bestimmten Waren beschlagnahmte, war Deutschland blockiert, und die Menschen lernten den Hunger kennen – auch in Eschweiler und Stolberg. Die Versorgung reichte nicht aus, weil Vorräte kaum angelegt waren.

Mehr als 2,5 Milliarden Mark

In Stolberg wuchs die Unzufriedenheit. Weil Deutschland vor dem Krieg für die jährliche Einfuhr von Lebensmitteln, Futterstoffen und Düngemitteln mehr als 2,5 Milliarden Mark ausgegeben hatte, machte sich wegen der vorhandenen Vorräte der Mangel zunächst nicht bemerkbar. Als man sich entschloss, die Bestände zu erfassen, war kaum noch etwas vorhanden. Die Situation wurde durch die Missernte im Jahr 1915 verschärft.

Von Mai bis Juni 1915 stockten erstmals in Großstädten und Industriegebieten die Lieferungen an Kartoffeln, Fleisch und Fett. 1916 wurden alle Lebensmittel rationiert. In Eschweiler äußerte sich das folgendermaßen: Die Stadt gab 1916 anstatt der Bons, die es noch im Jahr 1915 gegeben hatte, Münzen zu 50 und 100 Pfennigen in minderwertigen Legierungen heraus, heißt es in der Chronik der Eschweiler Geschichtsvereins.

Bürgermeister Walther Dobbelmann schrieb damals über den Steckrübenwinter: „Was nun werden soll, weiß ich nicht.“. Foto: Stadtarchiv Stolberg

Städte wie Eschweiler und Stolberg hingen damals völlig vom Kommunalverband, dem Landkreis Aachen ab. In Stolberg war für den Lebensmitteleinkauf und die Preisüberwachung der Stadtrentmeister zuständig. Er leitete das neu geschaffene Amt für Kriegswirtschaft. Der Stolberger Stadtverwaltung warf man damals vor, Mitschuld an der immer schlechter werdenden Versorgung zu tragen.

Deshalb entschloss sich der damalige Bürgermeister Walther Dobbelmann im August 1917, in einem ausführlichen „Bericht über die Lebensmittelversorgung der Stadt Stolberg im Wirtschaftsjahr 1916/1917“ von 26 Seiten offen zu reden. Alle Mängel und Fehler der staatlichen Wirtschaftslenkung wurden schonungslos offengelegt.

Über die staatliche Kartoffelversorgung hatte bereits der Deutsche Städtetag geurteilt: „Eine Kette von oft misslungenen Notmaßregeln“. 1916 wurden von 6000 von der Stadt Stolberg in Auftrag gegebenen Zentnern Kartoffeln ganze 733 geliefert. Trotz aller Beschwerden erhielt man den gezahlten Betrag nicht zurück. Manche Sendungen kamen verdorben an.

Selbst die Landwirte, denen sie als Viehfutter angeboten wurden, lehnten diese Kartoffeln dankend ab. 1917 wurde die Lage dann noch schwieriger. Auf die Bitte des Stolberger Bürgermeisters Walther Dobbelmann um Ersatz trafen nur einmal vier Säcke weiße Bohnen und eine kleine Sendung Teigwaren ein. Verzweifelt habe Dobbelmann damals telegrafisch in den östlichen Reichsgebieten um Hilfe gebeten.

Durch eigene Einkellerungen konnte die Stadt 1917 wöchentlich auf den Kopf der Bevölkerung fünf Pfund Kartoffeln ausgeben. Der Reichstagsabgeordnete Nacken setzte sich beim Staatskommissar für Lebensmittel damals energisch für eine bessere Versorgung der Bevölkerung von Eschweiler und Stolberg ein, musste allerdings bald resignieren. So begann der Steckrübenwinter 1916/1917.

Dieser traf Eschweiler besonders hart, und in der Stadt insbesondere die Arbeiterfamilien, die sich weder Hamsterfahrten, Korruption noch Schwarzmarkt leisten konnten. Die Steckrüben wurden auch in Eschweiler zum wichtigsten Nahrungsmittel: Steckrübenbrot, Steckrübenmarmelade, Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenkoteletts.

Es gab allerdings ein Problem: Es fehlte an Fett, um die Rüben als Nahrungsmittel zu verwerten und zu einer einigermaßen vertretbaren Alternative zu machen, und dieses Problem betraf wieder überwiegend die wirtschaftlich schwachen Einwohner.

Im November 1916 wurden vom Landkreis Aachen 19.400 Zentner Steckrüben als Bedarf für sechs Wochen angemeldet, aber nur 4926 Zentner geliefert. Stolberg lagerte alle im Stadtbereich geernteten Steckrüben ein, die zentnerweise zum Einsäuern an die Bevölkerung ausgegeben wurden.

Dörren haltbar machen

Man versuchte, einen Teil durch Dörren haltbar zu machen, musste aber feststellen, dass das getrocknete Produkt nicht so ausgefallen war, wie man es erwartet hatte. In einem Bericht der Stadtverwaltung hieß es, dass sich die Bevölkerung anfangs widerstrebend zum Genuss des Kartoffel-Ersatzmittels entschloss. Mit größer werdender Not änderte sich dies allerdings.

Die Versorgung mit Saatkartoffeln blieb der Stadtverwaltung ebenfalls selbst überlassen. Es war sehr schwierig, trotz vieler Inserate in Fachzeitschriften kleine Lieferverträge abzuschließen. Von den 1917 dringend benötigten Lieferungen trafen einige erst Ende Juni in Stolberg ein. Bürgermeister Dobbelmann schrieb am 1. August verzweifelt: „Was nun werden soll, weiß ich nicht.“

Seit 1915 hatte man in Stolberg Brotkarten eingeführt. 1916/1917 erhielten die Stolberger pro Person täglich 250 Gramm Brot oder 200 Gramm Mehl. Als besonderes Weihnachtsgeschenk der Stadt gab es für jede Person ein halbes Pfund Mehl. An Milch konnte innerhalb des Stadtgebietes nur die Hälfte des Notbedarfs gewonnen werden.

Die Milch der elf städtischen Kühe, die man im Schlachthof untergebracht hatte, wurde vom Vaterländischen Frauenverein verteilt. Die Anschaffung weiterer Kühe scheiterte am Mangel an Weiden und Kraftfutter. Die seit Frühjahr 1917 alle zwei Tage von der Molkerei Wahlheim gelieferten 200 Liter Milch waren oft schon sauer. Eier gab es nur alle zwei Wochen. Dann gab es ein Ei pro Person.

Zuteilungen von Hülsenfrüchten kamen 1917 nur noch tropfenweise nach Stolberg. An Reis erhielt die Stadt schon 1916 nur noch 1000 Kilo, die nur an Lazarette und Krankenhäuser oder gegen ärztliches Attest ausgegeben wurden. An Käse kamen 1917 nur noch geringe Mengen Quark aus dem Kreis Malmedy. Kaffee war mittlerweile ein Fremdwort.

Bis zum Frühjahr 1917 wurden 6000 Kilo Kaffee verteilt. Schokoladenpulver erhielten nur Kranke und Schwache. Gemüse und Obst hatte die Stadt bis 1916 noch in kleinen Mengen selbst beschaffen können. Seitdem wurde selbst ein Antrag auf einen Waggon Winterkohl aus dem Vorgebirge abgelehnt. Dafür kamen schon seit Kriegsbeginn 16 Tonnen Dörrgemüse und 30 Tonnen Sauerkraut.

Eine wichtige Hilfe für hungernde Kinder leistete die von Auguste Prym geleitete und trotz aller Schwierigkeiten durchgehaltene Kinderküche, die täglich über 200 Kindern ein Mittagessen verschaffte. Täglich wurden über 1000 Portionen für 10 Pfennig ausgegeben. Wegen steigender Schwierigkeiten musste die bisherige Volksküche ab August 1916 als Städtische Gemeinschaftsküche im unvollendeten Neubau der Badeanstalt weitergeführt werden.

Bald stieg die Essensausgabe auf 5246 Portionen täglich an. Stolberger Betriebe stifteten 2000 Mark Unterstützung. Arbeiter erhielten damals zwei und Schwerstarbeiter drei Portionen. Der Essensempfang wurde auf die Lebensmittelkarten angerechnet. Die Kriegsküche lieferte auch Essen für 18 Stolberger und auswärtige Betriebe.

Scharf kritisiert

Und wie sah es in Eschweiler aus? Dort hatte der Steckrübenwinter ebenfalls Spuren hinterlassen. Noch 1918 wurde die Ernährungspolitik der Stadt scharf kritisiert, und im Zusammenhang mit der Spanischen Grippe wurden schwere Vorwürfe auch gegen die Ärzte in der Stadt erhoben. Auch vier Jahre später – im Jahr 1922 – hielt die Lebensmittelnot weiter an. Deshalb wurden Hamsterfahrten von der Stadtverwaltung damals geduldet.

Wem das Geld für Hamsterfahrt und Korruption fehlte, ging nun auf die Felder. Gegen derartige Feldfruchtsammlungen wurde die Eschweiler Polizei eingesetzt. Auch im Jahr 1922 hatte es eine Missernte gegeben. Arbeiter verlangten daher Waren zu herabgesetzten Preisen. Doch das wollte nicht jeder mitmachen.

Ein Lebensmittelhändler in Aachen übergoss seine Bestände mit Säure, damit er diese nicht „unter Preis“ an hungernde Arbeiter verkaufen musste. Überall im Regierungsbezirk Aachen kam es nun zu Hungerrevolten der arbeitenden Bevölkerung. Und das sollten nicht die letzten gewesen sein.

Im Oktober 1923 kam es erneut zur Hungerrevolte in Eschweiler. Entgegen des Versammlungsverbotes des Landrats versammelten sich „tausende Menschen“ vor allem in der Grabenstraße vor der Stadtverwaltung. Am 7. Januar 1924 eröffnete die Stadtverwaltung unter anderem mit Hilfe des Roten Kreuzes wieder die Massenspeisung. Bis Ende März wurden täglich 450 Literportionen ausgegeben.

Im letzten Quartal des Jahres erreichte die Massenspeisung die Ausgabe von 1300 Literportionen täglich. Den Selbstkostenpreis von 25 Pfennigen konnte keiner der Bezieher aufbringen. Ab Dezember gab die Stadt keine Portion mehr unter 15 Pfennigen aus. Daraufhin ging die Zahl der Empfänger drastisch zurück.

Mehr von Aachener Nachrichten