Eschweiler: Schulsozialarbeit: Die Kümmerer stehen auf der Kippe

Eschweiler: Schulsozialarbeit: Die Kümmerer stehen auf der Kippe

Sie ist in der Indestadt aus dem Alltag von Schülern, Eltern und Lehrern kaum noch wegzudenken: die Schulsozialarbeit. Dennoch steht sie vor dem Aus. Schließlich wollen Bund und Länder die Finanzierung völlig den Kommunen überlassen.

In Eschweiler sind die Stellen zwar bis zum 31. Juli 2015 gesichert, wie es dann weitergeht, ist allerdings offen. Bürgermeister Rudi Bertram fordert: „In diesem Punkt muss die Region zusammenstehen.“

Bereits vor 20 Jahren nahm der erste Schulsozialarbeiter seine Arbeit auf. Lothar Horndt war der erste. Auch heute ist er noch an der Gesamtschule Waldschule tätig. Zu seinen Aufgaben zählt die Beratung von Schülern, Eltern und Lehrern. Er und seine Kollegen arbeiten zudem präventiv. „Wir beschäftigen uns mit allem, was die Kinder bedrückt, belastet und erfreut“, sagt er und fügt hinzu: „Wenn etwas Schönes passiert, dann können uns die Kinder das auch erzählen. Man muss ja nicht immer nur an den negativen Sachen arbeiten.“

Bevor ein Schüler den Weg in das Büro des Schulsozialarbeiters findet, muss jedoch zunächst einmal Vertrauen geschaffen werden. Für Lothar Horndt und seine Kollegen ist es besonders wichtig, dass die Schüler freiwillig zu ihnen kommen. „Unsere Arbeit ist freiwillig: Die Lehrer können uns nicht verpflichten und die Kinder müssen es nicht annehmen“, sagt er. Sobald das Eis jedoch einmal gebrochen sei, könne man gut mit den Schülern arbeiten. Wie man vorgeht, sei von Schüler zu Schüler verschieden, wie Horndt betont. „Der Weg sieht bei jedem anders aus, und genau das ist das Spannende an diesem Beruf.“

Horndt muss nicht um seinen Job bangen. Eine freie Lehrerstelle wurde damals mit ihm besetzt. So wird er auch weiterhin vom Land Nordrhein-Westfalen bezahlt. Bei den acht Schulsozialarbeiterinnen an den Grundschulen sieht das anders aus. Sie werden über das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes finanziert. 286 317 Euro erhielt die Stadt Eschweiler seit 2011 jährlich für die Schaffung neuer Schulsozialarbeiterstellen. Da man die Schulsozialarbeit an den weiterführenden Schulen bereits etabliert hatte, wurde entschieden, die Bundesmittel ausschließlich zur Finanzierung von Schulsozialarbeitern an Grundschulen zu verwenden. Die elf Standorte wurden mit jeweils einer halben Stelle besetzt. Einige Schulsozialarbeiterinnen sind an zwei Schulen tätig. Das klappe sehr gut, meint Petra Seeger, Leiterin des Amtes für Schulen, Sport und Kultur.

Da die Stellen erst Ende des Jahres 2011 besetzt wurden, hatte die Stadt das ganze Budget aus diesem Jahr noch zur Verfügung. „Das konnten wir auf die Folgehaushaltsjahre übertragen“, sagt Seeger. So kann gewährleistet werden, dass die Stellen bis zum 31. Juli 2015 gesichert sind. „Dies gibt es nicht in allen Städten.“

Gemeinsam mit Alsdorf und Würselen hat die Indestadt eine Vereinbarung mit dem Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VABW) getroffen. Dieser übernahm die Einstellung und verwaltungstechnischen Aufgaben der Schulsozialarbeiterinnen an den Grundschulen. Seeger ist der Meinung: „Wenn man das wieder einstampfen würde, dann wäre das ein großer Rückschritt.“ Schließlich sei die Schulsozialarbeit unerlässlich.

Dieser Meinung ist auch Bürgermeister Rudi Bertram. „Die Schulsozialarbeiter müssen uns erhalten bleiben. Da sind sich auch alle einig, außer die Finanzexperten.“ Bertram fordert: „Was inhaltlich gut ist, das muss man auch weiter finanzieren. Daran sollte man auf keinen Fall sparen.“ In der kommenden Woche will der Verwaltungschef das Thema bei der Bürgermeisterrunde der Städteregion anbringen. Die Politik müsse dafür kämpfen, dass Bund und Länder bei der Finanzierung weiter mit im Boot sitzen. „Bund und Länder können und dürfen nicht nein sagen“, meint Bertram. Schließlich seien die Schulsozialarbeiter zum Bindeglied zwischen Eltern, Lehrern und Schülern geworden. „Sie haben die Funktion eines Kümmerers und sind an allen dran“, sagt der Verwaltungschef und ergänzt: „Die Jugendlichen brauchen eine neutrale Person, mit der sie reden können und die ihnen Hilfestellungen gibt. Da geht man nicht zum Lehrer, von dem man benotet wird.“

Auch Gespräch mit Eltern

Das weiß auch Seeger: „Auch die Eltern haben eine ganz andere Beziehung zu den Schulsozialarbeitern, weil sie keine Angst vor Noten haben.“ Wenn es nötig ist, besuchen Lothar Horndt und seine Kollegen die Familien auch zu Hause. Schließlich seien oft die Eltern dafür verantwortlich, wenn ein Kind Probleme habe. Besonders deutlich werde dies in der Oberstufe. Damit die Schüler nicht zu großem Druck ausgesetzt sind, sucht der Schulsozialarbeiter meist erst das Gespräch mit den Eltern. „Das sind Dinge, die vom Klassenlehrer alleine gar nicht bewerkstelligt werden können“, sagt Seeger.

Besonders wichtig sei es, dass Schulsozialarbeit bereits in den Grundschulen beginne. Schließlich müsse man das, was dort versäumt wurde, an den weiterführenden Schulen oft nachholen. „Insgesamt nehmen die sozialen Kompetenzen immer weiter ab. Das hat sich in den letzten Jahren wirklich verschlimmert“, sagt Horndt. Mit dem sozialen Lernbereich sei auch die Zahl der Schulsozialarbeiter gewachsen. „Die Anzahl der Kollegen ist im Vergleich zu früher deutlich größer geworden“, sagt Horndt, der diese Entwicklung für positiv hält.

Aus diesem Grund sei es enorm wichtig gut vernetzt zu sein. Diese Netzwerkarbeit gebe es nicht nur unter den Schulsozialarbeitern, sondern auch außerhalb der Schule. Dort spielen neben dem Jugendamt der Stadt Eschweiler auch die Mobile Jugendarbeit sowie die Suchtberatung eine wichtige Rolle. Das ist jedoch nur möglich, wenn der Jugendliche auch Hilfe annehmen will.

Bisher habe man noch für jedes Problem eine Lösung finden können, meint Horndt. „Manchmal liegt der Kompromiss nicht in der Mitte, sondern irgendwo außerhalb und unsere Aufgabe ist es ihn zu finden.“ Bleibt die Frage offen, ob die Verantwortlichen für die Finanzierung der Schulsozialarbeit einen Kompromiss finden.

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