Lesung mit Tilmann Röhring: Schüler der Realschule Patternhof beschäftigen sich mit Existenzfragen

Lesung mit Tilmann Röhring : Schüler der Realschule Patternhof beschäftigen sich mit Existenzfragen

Woher nehmen Menschen Hoffnung, wenn eigentlich alles zerstört ist? Warum ist die Welt ungerecht? Gibt es einen gnädigen Gott? Es sind existienzielle Fragen, mit denen sich die Schüler der zehnten Jahrgangsstufe der Realschule Patternhof gemeinsam mit Lehrerin Parastu Tajbakhsh in den zurückliegenden Monaten im Fach „Praktische Philosophie“ eingehend beschäftigten.

Ausgangspunkt war unter anderem der Roman „In 300 Jahren vielleicht“, in dem Autor Tilman Röhrig das Schicksal der Bewohner des fiktiven Dorfs Eggebusch während des 30-jährigen Kriegs (1618 - 1648) erzählt und für den der Schriftsteller im Jahr 1984 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Seit Jahren sind die Verbindungen des im Hunsrück geborenen und in der Nähe von Köln lebenden 74-Jährigen mit der Realschule Patternhof eng, regelmäßige Lesungen eingeschlossen.

Am Donnerstag war Tilman Röhrig nun einmal mehr in Eschweiler zu Gast, um aus seinem Werk zu lesen und zahlreiche Fragen der Schüler zu beantworten. Doch diesmal unterschied sich der Besuch ein wenig von den vorherigen: „In den zurückliegenden Jahren fanden die Lesungen von Tilman Röhrig stets im Rahmen des katholischen oder evangelischen Religionsunterrichts statt, diesmal unter dem Dach des noch relativ jungen Fachs Praktische Philosophie“, erklärt Parastu Tajbakhsh. „In diesem verfolge ich als Lehrerin das Ziel, die großen Themen der Philosophie auf das tatsächliche Leben der Schüler herunterzubrechen“, so die Pädagogin weiter. Grundsätzlich sei der Gedanke, auch den Jugendlichen, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, die Möglichkeit zu geben, sich im Unterricht mit den Begriffen Moral und Ethik auseinanderzusetzen. Dabei ziele das Fach nicht auf Antworten in den Kategorien „richtig“ oder „falsch“ ab.

Tilman Röhrig sieht als eine der Grundlagen seines Buchs die Frage, „was geschieht mit uns, wenn wir aufgegeben wurden“ und kein Ausweg mehr sichtbar sei. „Dann sind wir gezwungen, selbst Antworten zu geben und etwas zu finden, was ich als Seelenessenz bezeichnen würde, die uns den Weg weist und meiner Meinung nach Menschen zusammenführt“, so der Autor, der anschließend drei Textauszüge vorlas und bei den Schülern tiefgreifende Emotionen hervorrief.

Der ausgebildete Schauspieler stellte den gewaltsamen Tod der 13-jährigen Anne der Geburt des David gegenüber. Aus dieser Konstellation heraus ergibt sich ein Gespräch zwischen dem Vater, der gerade seine Tochter beerdigt hat, und dem Vater, dem soeben ein Sohn geboren wurde. Auch dieser wird lediglich drei Tage leben, laut seiner Mutter aber die Gnade erfahren, niemals hungern zu müssen. „Anne hat er geschlachtet und dir schenkt er ein Kind! Was ist das für ein Gott?“, lautet die verzweifelte Frage des Mannes, der seine Tochter an die Sinnlosigkeit des Krieges verlor.

Und so standen die vier Begriffe Hunger, Tod, Hoffnung und vor allem Liebe, die in den zurückliegenden Monaten Schwerpunkte des Unterrichts in „Praktischer Philosophie“ dargestellt hatten, auch im Mittelpunkt der Lesung, deren außergewöhnlicher Atmosphäre sich wohl kein Zuhörer entziehen konnte. Applaus der Schüler brach die sekundenlange Stille nach dem letzten vorgelesenen Wort. Und wo könnte ein Lösungsansatz für so viele unbeantwortete Fragen liegen? „Nicht alleine sein, ist womöglich ein Anfang“, so Tilman Röhrig.

(ran)
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