Schneider Ramazan Öztürk sorgt sich um die Zukunft seines Handwerks

Immer weniger Azubis : Ein Schneider und die Sorge um die Zukunft seines Handwerks

Unzählige bunte Garnrollen hängen an den Wänden im Hinterzimmer von Ramazan Öztürks Schneiderei. Während vorne im Raum Kunden ihre fertigen Kleidungsstücke abholen, sitzt Öztürk an einer der drei Nähmaschinen und widmet sich dem nächsten Auftrag. Der 57-Jährige ist Schneider – einer der letzten seiner Art.

Bei der Handwerkskammer Aachen werden zurzeit sechs Lehrlinge im Schneiderhandwerk ausgebildet, keiner davon in Eschweiler oder Stolberg. Hier gibt es schon seit zehn Jahren keine Azubis in diesem Beruf mehr.

Allgemein ist das Nähen nicht mehr so weit verbreitet: Früher haben viele Menschen in der Familie oder im Bekanntenkreis hobbymäßig genäht, mittlerweile ist das eher selten. Der Nachwuchs in diesem Handwerk fehlt. Das weiß auch Öztürk. „Ich habe drei Töchter, und sie werden mein Geschäft nicht übernehmen“, erzählt er. Die Jugend heutzutage wolle nicht mehr unbedingt Nähen lernen. Das liege auch daran, dass sich der Kleidungsstil und das Modeverständnis in den vergangenen Jahren geändert haben.

„Die Jugend trägt im Alltag keine Anzüge mehr, höchstens einmal im Jahr bei einer Hochzeit“, erzählt Ramazan. „Die jungen Menschen tragen eher einfache Sachen wie Jeanshosen.“ Zudem seien maßgefertigte Sachen recht teuer. Früher hat Ramazan noch häufiger komplette Kleidungsstücke angefertigt, heute nimmt er in seiner Schneiderei fast ausschließlich Änderungsarbeiten an.

Selbstständig ist er seit 1987, nachdem er zehn Jahre lang bei einem Schneider in Aachen das Handwerk gelernt hat. „Für diesen Beruf braucht man auf jeden Fall gute Nerven“, sagt er lachend. Außerdem müsse man bereit sein, auch mal Überstunden zu machen und sonntags zu arbeiten. Das kommt natürlich ganz auf die Auftragslage an. „Aber Kundenwünsche müssen fertig werden, sonst kommen die nach zwei oder drei Besuchen nicht wieder“, weiß Öztürk.

Die Nachfrage ist unterschiedlich und vor allem eins: saisonabhängig. „Im Herbst bis etwa Dezember ist meistens viel zu tun, bis April ist es im Winter dann relativ ruhig“, berichtet der 57-Jährige. Sobald es kalt wird, sei mehr zu tun. Denn dann würden die Menschen wieder ihre Mäntel und Winterjacken aus dem Schrank kramen – und zum Beispiel Löcher finden. Die kann Öztürk dann reparieren. Außerdem gehört Umnähen, Kürzen und Anpassen zu seinen Arbeiten. Die meisten Stücke sind aus Stoff, aber auch mit Leder und Pelz arbeitet er hin und wieder.

Öztürk hat zwei Filialen

Sechs Mitarbeiter arbeiten in den beiden Filialen an der Marienstraße und am Markt. An seinem Job mag Öztürk besonders den Kundenkontakt. In den vergangenen 32 Jahren hat er einige Menschen getroffen. „Ich lerne hier viele verschiedene Leute kennen, und umgekehrt ist es genauso – wenn ich durch die Stadt laufe, erkennt mich bestimmt die Hälfte der Leute.“

So langsam werden die Zukunftssorgen stärker, obwohl es noch etwas bis zur Rente dauert. Das liege daran, dass er noch keine Person im Kopf hat, an die er das Geschäft irgendwann übergeben könnte. „Dieser Beruf ist schön, aber leider stirbt er aus“, sagt er.

Das bestätigen die Zahlen des Bundesverbandes der Maßschneider. Diese zeigen einen kontinuierlichen Rückgang der Lehrlinge, aber auch der Ausbildungsbetriebe. Während 2015 noch 779 Menschen in 388 Betrieben ausgebildet wurden, waren es 2017 nur noch 679 in 339 Betrieben – also innerhalb von zwei Jahren 100 Azubis oder 13 Prozent weniger.

Eine mögliche Lösung für seinen Betrieb sieht Öztürk in ausländischen Schneidern. „Es gibt eben Sachen, die kann nicht jeder, dafür braucht man Fachleute. Und wenn es die in Deutschland nicht gibt, findet man vielleicht fähige Arbeiter im Ausland.“