Kraftwerk Weisweiler: RWE-Mitarbeiter demonstrieren für sichere Arbeitsplätze

Kraftwerk Weisweiler : RWE-Mitarbeiter demonstrieren für sichere Arbeitsplätze

Sirenengeheul tönt durch die schwarze Nacht, dann ein kurzer Moment der Stille, ehe ein lauter Schlachtruf aus dem Megaphon ertönt: „Wir sind hier! Wir sind hier!“ RWE-Mitarbeiter blockieren die Zufahrtsstraße zum Kraftwerk Weisweiler, genau um 5 Uhr.

Zu dieser Zeit ist Schichtwechsel am Kraftwerk, es bilden sich lange Autoschlangen auf beiden Seiten der Einfahrt. Zu Beginn hört man noch vereinzelt Hupen, doch schon bald machen die ersten Autofahrer ihren Motor aus und warten geduldig in der Schlange. Es herrscht kein Durchkommen, die Straße ist lahm gelegt – so wie das Kraftwerk.

Die etwa 485 Demonstranten, die sich laut Michael Lehmann, Betriebsratsvorsitzender von RWE Power, vor dem Kraftwerk für ihre Arbeitsplätze einsetzten, sorgten für eine große Beeinträchtigung ihres Arbeitgebers. „Die meisten verweigern ihre Arbeitsaufnahme im Betrieb, in der Leitstelle wird nur Notbetrieb gefahren“, sagt Lehmann. Die erste Priorität sei, die Arbeitsplätze zu sichern.

Dafür hatten sich die Mitarbeiter bereits in aller Frühe getroffen. Es gab Kaffee und Musik, die Menschen überquerten an der Ampel immer wieder die Straße und blockierten so die Fahrbahn. Nach einer Weile standen Menschen gemütlich an Stehtischen mitten auf der Kreuzung und protestierten friedlich für eine sichere Arbeitsstelle.

RWE-Mitarbeiter gehen für ihre Arbeitsplätze auf die Straße

Michael Lehmann hat den Ernst der Lage erkannt und seinen Kollegen deutlich gemacht: „Das Unternehmen ist angezählt“, ruft er durch das Megaphon, „wir müssen uns zur Wehr setzen!“ Dass RWE Power genau diesen Ort für die Demonstration gewählt hat, ist kein Zufall. „Es ist ein Schlüsselort für uns, der einen hohen symbolischen Wert hat“, so Lehmann. Es dürfe kein sozialer Kahlschlag stattfinden, bei dem nicht nur die Arbeitsplätze, sondern auch die sichere Stromversorgung in Gefahr wären. „Der Betrieb steht für die Sicherheit unserer Familien, aber auch für eine verantwortungsvolle Aufgabe der Öffentlichkeit gegenüber“, behauptete Lehmann.

Nach wie vor sei Braunkohle das Rückgrat in der Energieversorgung. Aber RWE schaue auch nach vorn und werde durch die Umstrukturierung mit eon einer der größten Zulieferer regenerativer Energien in Europa, erklärte Lehmann. Diese Umstrukturierung werde auf lange Sicht auch im Unternehmen stattfinden, bereits jetzt gibt es mit RWE Switch eine Plattform zur Um- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Lehmann meint: „Auf das Thema Energiewende sind wir schon vorbereitet.“

Trotzdem werde es langfristig dazu führen, dass „Arbeitsplätze in der Region in großem Umfang verschwinden“. Durch den Rodungsstopp im Hambacher Forst seien bereits jetzt zwischen 1000 und 1500 Arbeitsplätze betroffen, wenn sich an der Situation nichts ändert, „sind sogar 4600 in absoluter Gefahr“, so Lehmann.

Mit den Demonstrationen wollen sie RWE dazu bringen, die Arbeitsplätze zu sichern. Die Lage sei vor allem durch die Entscheidung des Oberlandesgerichtes sehr ernst. „Das ist unser Auftakt“, gibt Lehmann die Marschrichtung vor. Bereits am 24. Oktober soll es in Bergheim eine „Mega-Veranstaltung mit einigen Tausend Teilnehmern“ geben, wie er ankündigte.

Junge Kollegen verunsichert

Für jeden Mitarbeiter hängt noch viel mehr an RWE, als der reine Arbeitsplatz. Viele Kollegen haben eine Familie im Hintergrund, die sie ernähren müssen. Andere bangen um ihre Zukunft, die für sie gerade erst bei RWE begonnen hat. Denn der Konzern ist auch einer der größten Ausbildungsbetriebe, die einmal sichere Arbeitsplätze versprochen haben.

Um diesen macht sich auch ein junger Kollege Sorgen, der gerade erst in die Festanstellung übernommen wurde. Der 27-Jährige hat seine Ausbildung als Konstruktionsmechaniker bei RWE gemacht und wurde danach übernommen. Wirklich sicher fühlt er sich aber nicht mehr. „Eigentlich ist RWE ein sicherer Arbeitgeber, aber die Lage ist im Moment schwierig“, sagt er nachdenklich. Der Rodungsstopp betreffe alle Mitarbeiter und da mache man sich schon Gedanken um den Arbeitsplatz. „Ich würde schon gerne an diesem Standort bleiben“, gibt der 27-Jährige zu.

Auch Vertreter aus der Politik mischten sich unter die Demonstranten. Stefan Kämmerling, Rudi Bertram und Arndt Kohn zeigten Präsenz. Kämmerling verwies auf eine Leitentscheidung, die 2016 im Landtag getroffen wurde, nach der Abraumgrenzen nicht mehr angetastet werden sollten. „Jede Änderung der Grenzen ist ein Angriff auf Arbeitsplätze, bezahlbare und sichere Energie“, so Kämmerling.

Auf Ebene der EU-Politik machte Arndt Kohn deutlich, dass der Strukturwandel nur unter Berücksichtigung der Mitarbeiter vollzogen werden könne. Ihm sei wichtig, dass die Kollegen nicht allein gelassen würden. Kohn meint: „Die Braunkohle hat keine unendliche Zukunft, aber die Mitarbeiter wollen mit ihren Familien eine planbare Zukunft haben und keinen übers Knie gebrochenen Ausstieg.“

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