Kriegsende: Rheinland ließ sich nicht zum Aufstand bewegen

Kriegsende : Rheinland ließ sich nicht zum Aufstand bewegen

Am kommenden Sonntag um fünf Uhr morgens ist der Erste Weltkrieg seit 100 Jahren Geschichte. Staatssekretär Matthias Erzberger unterzeichnete am 11. November 1918 das „Waffenstillstandsabkommen von Compiegne“. Der Eschweiler Geschichtsverein widmete sich nun dem Jahrestag.

. Als Vaterlandsverräter verunglimpft, bezahlte er diese Tat 1921 mit dem Leben, als er Opfer eines Attentats rechtsextremer Kräfte wurde. Die Verantwortlichen des Eschweiler Geschichtsvereins widmeten sich nun der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" sowohl in globaler als auch regionaler und lokaler Hinsicht.

Im sehr gut besuchten Talbahnhof referierte zunächst Professor Dr. Ralph Rotte von der RWTH Aachen unter der Überschrift „Erster Weltkrieg: Ursachen, Verlauf und Waffenstillstand“, bevor sich Franz-Josef Surges als stellvertretender Vorsitzender des Eschweiler Geschichtsvereins den Folgen der Ereignisse für Eschweiler widmete und dabei vor allem die bis 1929 andauernde Besatzungszeit unter die Lupe nahm.

„Über dieses Thema könnten wir problemlos ein ganzes Jahr lang sprechen und diskutieren. Im Rahmen des heutigen Abends ist es natürlich nur möglich, einige Schlaglichter zu werfen“, ordnete Rotte die Dimension der Vortragsüberschrift ein. Der Politikwissenschaftler beleuchtete zunächst einige Erklärungsansätze zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. So habe Lenin im Zuge seiner „Sozialistischen Theorie“ den Imperialismus als Endstadium des Kapitalismus gesehen, der letztlich nur durch „Expansion auf Kosten anderer“ am Leben gehalten werde.

Allerdings sei damals der Gedanke weit verbreitet gewesen, dass ein „großer Krieg“ auf Grund der damals bereits vorhandenen Finanz- und Wirtschaftsverflechtungen quasi unmöglich sei. So habe der britische Schriftsteller und Publizist Norman Angell in seinem 1910 veröffentlichten Buch „Die falsche Rechnung“ („The Great Illusion“) Krieg als „ökonomischen Selbstmord“ bezeichnet. „Dem Gegenüber stand jedoch der Nationalismus, der die nationale Ehre und die Größe des eigenen Landes über alles andere stellte“, betonte der Professor, der als weitere Schlagworte unter anderem „das Versagen der außenpolitischen Eliten“ genauso wie eine nur schwierig nachvollziehbare „intellektuelle Kriegssehnsucht“ benannte.

Niederlage nicht abzuwenden

Nach dem Ausbruch des Krieges habe für Deutschland womöglich ein kurzes Zeitfenster bestanden, in dem gegenüber der Überzahl an Feinden ein „Unentschieden“ mit der Konsequenz besserer Waffenstillstandsbedingungen möglich gewesen wäre. Doch nachdem schnelle und entscheidende Siege in den ersten Kriegsmonaten ausblieben, sei die Niederlage nicht mehr abzuwenden gewesen. „Zumal Österreich schon seit Herbst 1914 nicht mehr als verlässlicher Verbündeter angesehen werden konnte.“

Nicht zuletzt die „Überforderung der eigenen Bevölkerung“, die furchtbaren Hunger mit bis zu 800.000 Toten litt, und der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten auf Seiten der Entente seien weitere Ursachen der Niederlage gewesen. Der Versailler-Vertrag habe dann einige grundsätzlich gute Ideen in sich getragen. „Demokratisierung, Völkerbund, Selbstbestimmungsrecht der Völker, Völkerrecht“, so Professor Dr. Ralph Rotte.

Doch leider habe das Versailler-System in keinster Weise funktioniert. „Briten und Franzosen waren in vielen Punkten uneins, die Vereinigten Staaten machten beim Völkerbund nicht mit, Frankreich wollte Deutschland unter allen Umständen kleinhalten, die Weimarer Republik war eine Demokratie ohne Demokraten“, zählte der Politikwissenschaftler zahlreiche Schwachpunkte auf.

So sei nicht völlig von der Hand zu weisen, dass im Ausgang des Ersten Weltkriegs bereits die Saat für den Zweiten Weltkrieg gelegt worden sei. „Für die Gegenwart und als Lehre aus dem Ersten Weltkrieg sollten wir bedenken, dass Globalisierung und Vernetzung nicht automatisch Frieden bedeuten. Und wir sollten, auch wenn es derzeit nicht en vogue ist, den Wert internationaler Organisationen nicht vergessen und zum Beispiel die europäische Integration nicht vor die Hunde gehen lassen“, beendete Rotte seinen Parforceritt mit einem Appell.

Anschließend bezeichnete Franz-Josef Surges die Nachkriegszeit aus Sicht der Eschweiler Bevölkerung als „zerrissene Jahre“, in der politische Stabilität ein absolutes Fremdwort gewesen sei. „14 Jahre Weimarer Republik bedeuteten 18 Kabinette und 21 Regierungsbildungen“, nannte der stellvertretende Vorsitzende des Eschweiler Geschichtsvereins Zahlen, die heutzutage unvorstellbar scheinen.

In der Pufferzone

Die November-Revolution von November 1918 bis Sommer 1919 sei trotz zurückströmender Soldaten an Eschweiler vorbeigegangen, da im besetzten Rheinland weder deutsche Soldaten noch Waffen erlaubt gewesen seien. „Nach dem Einmarsch französischer Truppen am 5. Dezember 1918 ist kein Chaos ausgebrochen. Die zahlreichen Industriebetriebe liefen, die Frauen kehrten in die Haushalte und russische Kriegsgefangene in ihre Heimat zurück, so dass Arbeit für die zurückkehrenden Soldaten vorhanden war“, sagte Franz-Josef Surges.

In politischer Hinsicht hätten die französischen und belgischen Besatzer das Rheinland als Pufferzone zu Preußen sowie auf Grund der vorhandenen Kohle als Pfand in Sachen Reparationszahlungen angesehen. Das Jahr 1923 mit Hyperinflation, dem separatistischen Aufstand mit dem Ziel der Gründung der „Rheinischen Republik“ sowie der Ruhrbesetzung habe dann jedoch für die Bevölkerung ein Katastrophenjahr bedeutet.

„Der Versuch, einen selbstständigen, aber französisch-orientierten rheinischen Staat ins Leben zu rufen, fand in der Bevölkerung keinen Rückhalt. Sowohl in Aachen als auch in Eschweiler wurde der Aufstand schnell beendet“, berichtete der Co-Referent.

Größere Auswirkungen habe die Ruhrbesetzung gehabt. „Das Deutsche Reich deckte im Jahr 1923 nur noch 20 Prozent seiner Ausgaben durch Einnahmen und konnte die Reparationszahlungen nicht mehr leisten. Die Gelddruckmaschine wurde angeworfen. Bald kostete ein Ei 320 Milliarden Reichsmark!“, erläuterte Franz-Josef Surges. Von einer politischen Radikalisierung nach rechts habe in Eschweiler Mitte der 20er Jahre, anders als in vielen anderen Teilen des Deutschen Reichs, noch keine Rede sein können.

„In der Indestadt erhielt die bürgerlich-katholische Zentrumspartei im Jahr 1924 noch rund 50 Prozent“, zeigte der Referent Statistiken. Dies habe sich jedoch in Richtung der 30er Jahre verändert. Die durch den Börsen-Crash am 25. Oktober 1929 in den USA ausgelöste Weltwirtschaftskrise, während der die Vereinigten Staaten Unmengen an Geld aus Deutschland abgezogen hätten, habe auch im Rheinland "Elend ohne Ende" ausgelöst.

(ran)
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