Eschweiler: Planspiel: Hitzige Diskussionen am „Tatort Wald“

Eschweiler: Planspiel: Hitzige Diskussionen am „Tatort Wald“

Der Bürgermeister ist zufrieden. Die Abstimmung ist eindeutig ausgefallen. Die Naturfreunde haben zähneknirschend zugestimmt, während sich ein Konzernchef die Hände reibt. Zehn Windräder werden demnächst im Eschweiler Stadtwald Energie produzieren. Schließlich will die Stadt unabhängig von Großkonzernen und -anbietern ihren eigenen Strom bereitstellen.

Diese Zukunftsvision entspringt nicht etwa der jüngsten Ratssitzung, sie bildet den fiktiven Hintergrund für das Planspiel „Tatort Wald“, bei dem sich Schüler der Gesamtschule Waldschule am Freitag mit Umweltpolitik und Konfliktlösungen auseinandergesetzt haben. Die Aufgabe: Rollen einnehmen, Positionen beziehen, Argumente fassen, Meinungen vertreten.

Pro und Kontra Windrad: Die Schüler beziehen verschiedene Positionen in der lokalen Energiedebatte. In einem großen Plenum kommen die Argumente. Foto: Alexander Barth

Dabei gehen die rund 30 Elft- und Zwölftklässler direkt dahin, wo es weh tun würde, sollte die Windrad-Vision einmal Realität werden. Beim Ortstermin im Stadtwald ihrer Heimatstadt stellt sich den Jugendlichen eine Frage, die in der deutschen Öffentlichkeit und auch in der Region immer wieder Streitthema ist: Windkraft, ja gerne, aber muss das ausgerechnet im Wald vor meiner Haustür sein? Das Thema wird sie einen Tag lang beschäftigen. Zuerst gilt es, die Rollen im Planspiel zu verteilen. Vier Parteien und damit vier Positionen gibt es: Die Stadtverwaltung, einen eine Naturschutzorganisation und ein Heimatverein ringen um Berücksichtigung ihrer Belange und Positionen. Ein Bürgermeister greift als Mittler und Moderator ein. Fiktive Lokalpolitik am Weiher hinter dem Waldstadion.

Diskutieren im Grünen: Die Schüler machen es sich zwischendurch mit ihren Arbeitsmaterialien auf dem Waldboden bequem.

Neben der Einarbeitung in ein sensibles Thema und lebhaften Diskussionen steht beim Planspiel auch das Erlebnis Wald selbst im Vordergrund. Dazu erhalten die Oberstufenschüler während einer Art Schnitzeljagd Gelegenheit. Cornelia Voß vom Naturwissenschaftliche Bildungsträger koordiniert das Projekt im Auftrag der Waldschule und erklärt das System der Stationen im Grünen: „Die Schüler müssen Aufgaben lösen, die etwas mit dem Wald und den Veränderungen zu tun haben, die der Bau von Windkraftanlagen mit sich brächte.“

So gilt es etwa, den Umfang des Sockels eines Windrades per Menschenkette nachzustellen, „um die Dimensionen zu erleben“, erklärt Cornelia Voß. An einer anderen Station wird mit einem Spiegel vor den Augen der Blick in die Bäume und weg vom Boden gelenkt. „Den Wald erfahren“, beschreibt die Koordinatorin diese Aufgabe.

Am frühen Nachmittag treffen sich die Schüler zur finalen Diskussion. Die Positionen der Beteiligten im Konflikt um die Nutzung des Waldes stehen fest. Für Sebastian hingegen ist die Rolle des Bürgermeisters ideal. „Ich höre mir die Argumente an und versuche, zwischen den Beteiligten zu vermitteln“, sagt er ganz diplomatisch. Eine durchaus hitzige Diskussion entsteht zwischen Befürwortern und Gegnern des Projekts Windkraft im Wald. Es geht um die Zukunft der Energiegewinnung, um Abschaltzeiten, Nachpflanzen von Baumbestand, Gefahren für Zugvögel, die Zerstörung des Ökosystems. „So stelle ich mir eine Ratssitzung vor“, sagt Sebastian. Er findet es wichtig, „Stellung zu beziehen, klare Ansagen zu machen.“

Am Ende einigen sich die Schüler als Vertreter der Konfliktparteien auf ein einstimmiges „Ja“ zum Bau der Anlagen — nicht ohne dass Naturschützer und Heimatfreunde ihre Auflagen und Bedingungen berücksichtigt finden.

Einige haben nach fünf Stunden ihre Probleme, der Schlussrunde zu folgen. Hitzige Debatten und frische Waldluft zehren an den Kräften. „Da sieht es wohl nicht anders aus als in der Politik. Am Ende eines langen Tages werden manche Beschlüsse einfach durchgewunken“, weiß Lehrerin Annette Lüchow. Sie ist trotzdem zufrieden. Und hat zum Abschluss einen Appell an ihre Schützlinge parat: „Ihr habt es in der Hand, etwas zu verändern, nicht nur die Politiker, auf die wir so gerne schimpfen. Engagiert euch, hier in Eschweiler und anderswo.“ Das Plenum im Eschweiler Wald applaudiert mit nachdenklichen Minen.

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