Eschweiler: Nicht jeder von Ursula Norbisraths Wünschen ist zum Abschied erfüllt

Eschweiler: Nicht jeder von Ursula Norbisraths Wünschen ist zum Abschied erfüllt

Eigentlich sagt man ihr nach, dass sie stets gute Laune hat und auch verbreitet. Am Freitag allerdings blickte man in zahlreiche traurige Gesichter: Ursula Norbisrath geht in den Ruhestand und nahm am Freitag offiziell Abschied von der Don-Bosco-Schule, die sie nicht nur zwölf Jahre lang leitete, sondern die sie in dieser Zeit auch prägte.

Die noch 62-Jährige (Geburtstag ist der kommende Mittwoch) wählte den Zeitpunkt des Abschieds selbst. Nicht, weil sie keine Lust mehr auf Schule verspürt, sondern weil sie mit ihrem Mann nun etwas mehr Zeit verbringen, sich wieder verstärkt der Malerei widmen und die Welt erkunden möchte. Als „Hans Dampf in allen Gassen“ bezeichnete sie am Freitag ihr Kinzweiler Kollege und Sprecher der Schulleiterkonferenz, Gerd Schnitzler. Warum diese Beschreibung passt, unterstreicht auch das Interview, das wir vor der Verabschiedungsfeier mit ihr führten.

„Frei von Pflichten und Terminen darfst Du in der Sonne liegen“: Der Chor der Katholischen Grundschule garnierte das Abschiedsfest mit manch humorvoller Zeile. Foto: Patrick Nowicki

Haben Sie sich schon mit dem Gedanken angefreundet, ab Mittwoch nicht mehr in die Schule zu müssen?

Norbisrath: Ehrlich gesagt: nein. Ich habe meinen Beruf gerne ausgefüllt, ich habe einiges anders gemacht. Ich konnte in meiner Zeit immer auf ein tolles Team setzen.

Wer Sie in den vier Jahren in Röhe und zwölf Jahren an der Don-Bosco-Schule erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, dass Sie einmal freiwillig früher aufhören. Was hat Sie zu dem Entschluss bewogen?

Norbisrath: Ich möchte mehr Zeit mit meinem Mann verbringen. Er ist auch Lehrer und wurde im Sommer in den Ruhestand verabschiedet. Also kam die Überlegung, gemeinsam aufzuhören, weil dies mit 63 Jahren möglich ist. Zur Verabschiedung wird mein Mann dann auch da sein.

Ihn haben Sie sehr früh in Ihrem Leben kennen gelernt...

Norbisrath: Das stimmt. Ich war in Aachen am St.-Ursula-Gymnasium, er am Kaiser-Karl-Gymnasium. Und so kannte man die Jungs und sie kannten uns. Nach dem Abitur 1971 habe ich an der Pädagogischen Hochschule studiert. Nach sieben Semestern war ich dann fertig. Zwischendurch habe ich auch noch ein Kind bekommen und geheiratet, weil sich das ja ordentlicher Weise so gehört.

In dieser Zeit war es sicherlich noch ungewöhnlich, Studium und Kind unter einen Hut zu bekommen. Wie haben Sie dies bewältigt?

Norbisrath: Ich war nicht die einzige junge Mutter im Seminar, wir waren zu zweit. Aber zur Frage: Mein Mann hat ebenfalls studiert und hatte die Gelegenheit, vieles von Zuhause aus zu erledigen. So haben wir die Kinder zusammen erzogen. Und letztlich nicht so schlecht, schließlich ist der Älteste nun Professor für Informatik mit einem Lehrstuhl in Linz. Wobei mein Mann und ich uns schon gewundert haben. Am Anfang dachten wir: Das kann nicht unser Kind sein. (lacht)

Seit vielen Jahren wohnen Sie in Breinig, wo Sie 18 Jahre an der Grundschule gearbeitet haben. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Norbisrath: Dort bin ich sehr gerne gewesen. Ich hatte dort die Möglichkeit, neben meinem Beruf mit einer halben Stelle auch Mutter zu sein. Dort herrschte eine tolle Atmosphäre. Allerdings wollte ich irgendwann mehr. Ich wollte die Leitung einer Schule übernehmen. Und so bin ich zum Schulrat gegangen, der mir dann sagte: Schön, dass Sie kommen, wir haben da eine nette kleine Schule für sie. So konnte ich mich dann vier Jahre in Röhe selbst prüfen. Es war auch dort eine einzigartige Zeit.

Ihr Vorgänger, Simon Küpper, hat große Fußstapfen hinterlassen. Ich würde sagen, Sie haben sie nicht gefüllt, sondern sind einen etwas anderen Weg gegangen. Wo haben Sie Schwerpunkte gesetzt?

Norbisrath: Ich habe in Breinig gelernt, dass ein Lehrer alleine es nicht schaffen kann. Man braucht immer ein gutes Team. Wichtig ist dabei auch, immer am Puls der Zeit zu bleiben. Und so haben wir immer wieder Referendare ausgebildet. Wichtig ist mir auch die Freiarbeit. So haben wir Wochenpläne entwickelt. Dies hat gut funktioniert. Damals hieß die Schule noch Katholische Grundschule Stadtmitte. Es waren in all den Jahren immer tolle Lehrerteams. Wenn einer krank wird, dann kann jemand nahtlos an den Unterricht anknüpfen. Ich bin etwas traurig, dass ich nun gehe.

Gibt es etwas, was Sie noch gerne umgesetzt hätten?

Norbisrath: Ich hätte gerne gesehen, dass die Mehrzweckhalle gebaut wird, die diese Schule dringend benötigt. Mein pädagogischer Traum ist natürlich der Ganztagsunterricht. Viele Eltern können ihren Kindern nach der Schule bei den Hausaufgaben einfach nicht helfen. Dieser Ganztag bedeutet allerdings auch, dass nicht nur Sport am Nachmittag angeboten wird. Dann müssen gezielte Übungsstunden mit entsprechendem Personal angeboten werden. Wir müssen in dieser Frage ein bisschen über unsere Grenzen hinausschauen. In vielen Ländern ist der Nachmittagsunterricht Normalität, dort müssen die Kinder keine Hausaufgaben erledigen. Wie gesagt: Viele Eltern können ihren Kindern nicht helfen, wenn Fragen bei Hausaufgaben bestehen.

Dieser pädagogische Wunsch unterstützt vor allem sogenannte bildungsferne Familien. Zugleich waren Ihre eine der ersten Schulen, die auch eine Begabtenförderung anboten. Wie passt das zusammen?

Norbisrath: Die Begabtenförderung hat ein wenig was mit meinem Sohn zu tun. Aufgrund unseres Einzugsgebietes haben wir ebenso gemischte Eltern wie Kinder in den Klassen. Unser Schulmotto lautet: Alle Kinder unter einem Dach. Dies beschreibt es sehr gut. In der Realität nehmen zehn Kinder an der Begabtenförderung teil und erhalten zusätzliche Angebote. Pädagogik ist nicht immer ein Wunschkonzert. Man muss bedenken, dass bereits jetzt 150 Kinder unserer Schule im Ganztag sind. Das ist mehr als die Hälfte. Es ist also auch von Eltern vielfach gewünscht, weil deren Lebenswirklichkeit keine andere Möglichkeit lässt.

Inklusion ist eine weitere Herausforderung, die die Schulen erreicht. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Norbisrath: Inklusion ist richtig und wichtig. Aber, wenn wir Inklusion machen, dann richtig. Es ist gut, dass die Klassen auf 23 Kinder beschränkt werden sollen, aber dann bitte auch mit einer doppelten Besetzung an Lehrern. Auch müssen ständig Sonderpädagogen vor Ort sein, die schließlich studiert haben, wie man mit Schülern mit besonderem Förderbedarf umgeht. Uns fehlt auch die Möglichkeit für besondere Angebote, die diese Kinder benötigen. Da komme ich wieder auf die fehlende Turnhalle zu sprechen. Vieles geschieht bereits, auch bei uns. Wir bieten mit dem Kinderschutzbund eine Eltern-Schule an. Wir veranstalten ein Cool-Down-Training. Es bestehen Streitschlichter. Zur Inklusion sage ich: Der Weg ist richtig, aber es gibt auch noch viele Baustellen. Aber ich bin trotzdem dafür, dass die Förderschulen erhalten bleiben, denn sie leisten wertvolle Arbeit. Manche Kinder sind dort besser aufgehoben.

Kommen wir nochmal auf Ihren Wunsch nach einer Mehrzweckhalle zurück. Sie war im Wahlkampf ein großes Thema. Wann haben Sie zuletzt von offizieller Seite etwas gehört?

Norbisrath: Es gab die Aussage, dass wir uns Anfang Januar zusammensetzen. Aber dazu ist es nicht gekommen. Für unsere Schule ist der Bau unglaublich wichtig. Ich verstehe natürlich, dass es einen demographischen Wandel gibt. Aber die aktuellen Prognosen sehen voraus, dass etwa 100 Kinder pro Schuljahr in unserem Einzugsgebiet leben.

Sie sprechen immer noch im Präsenz, in der Jetzt-Zeit. Wird Ihnen im Ruhestand nicht langweilig?

Norbisrath: Ach, ich glaube nicht, dass wir in ein Loch fallen. Natürlich war Schule immer unser Leben gewesen, aber mein Mann und ich haben so viele Pläne. Wir werden Eschweiler auf jeden Fall erhalten bleiben und weiter im Chor der Städtischen Musikgesellschaft singen. Ich habe auch vor, in einem Projektchor einzusteigen, dem mein Mann angehört. Ja, und verreisen wollen wir auch viel. Und zwar zu Zeiten, wo Lehrer normalerweise arbeiten müssen. Ich koche wahnsinnig gerne und wenn mich unsere Gäste nicht belügen, dann bin ich auch eine gute Köchin. Im Moment macht es mir viel Spaß, Marmelade einzuwecken. Und ganz wichtig: Ich habe nun hoffentlich Zeit, viel zu lesen.

Welche Literaturrichtung bevorzugen Sie?

Norbisrath: Biographien. Die Geschichte hat mich immer interessiert. Die Karlsausstellung in Aachen war ganz hervorragend. Auch Bücher zur Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung zählen dazu. Mein Vater hat eine Bücherei geleitet, deswegen mein Hang zu Büchern. Ach ja, und mein Mann und ich haben uns geschworen, uns jeden Tag zu bewegen. Wir denken an schwimmen, aber auch wandern. Von Breinig aus kann man wunderbar die Gegend erkunden. Der Garten winkt ebenfalls und will gepflegt werden. Also, ich glaube nicht, dass wir in ein Loch fallen werden.

Bevor Sie am Mittwoch Geburtstag feiern und in den Ruhestand gehen: Wissen Sie, was Ihre Kollegen vorbereitet haben?

Norbisrath: Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass sie irgendetwas vorhaben. Ich lasse das einfach auf mich zukommen. Allerdings muss ich aufpassen, dass ich nicht das ein oder andere Tränchen verdrücke.

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