Eschweiler: Neue Pfarrerin in Weisweiler: „Religionen kann man nicht beliebig mischen“

Eschweiler : Neue Pfarrerin in Weisweiler: „Religionen kann man nicht beliebig mischen“

Die 29-jährige gebürtige Bonnerin Kerstin Lube bereichert in den nächsten beiden Jahren als Pfarrerin die Evangelische Kirchengemeinde in Weisweiler. Sie stammt aus einer christlichen Familie und bezeichnet Religion als Bestandteil ihres täglichen Lebens. Wir sprachen mit ihr über Glaube, Dogmen, Ökumene und über das, was sie sich für die nächsten zwei Jahre in ihrer Gemeinde vorgenommen hat.

Frau Lube, wie wird man Evangelische Pfarrerin? Was war Ihr Hauptmotiv?

Kerstin Lube: Meine Eltern haben mir den christlichen Glauben schon immer vorgelebt. Der Glaube war demnach in meinem Leben schon immer präsent. So hat es sich entwickelt, dass ich schon früh Jugendleiterin geworden bin und Aufgaben im Kindergottesdienst übernommen habe. Als ich zwölf Jahre alt war, starb mein Vater. In dieser Zeit haben mir mein Glaube, die Kirche und die Gemeinde sehr viel Kraft gegeben.

Seitdem möchte ich Menschen zeigen, dass der Glaube in einer Notsituation nicht zwangsläufig wegfallen muss. Viele Menschen fragen sich nach Schicksalsschlägen nach dem Warum. Ich habe mich viel mehr auch in dieser Situation von Gott getragen gefühlt, geborgen. Ich möchte vor allem Hoffnung weitergeben. Nach den Studienstationen in Bonn, Münster und Wuppertal war ich nach meinem ersten Theologischen Staatsexamen zweieinhalb Jahre als Vikarin in Bergisch Gladbach. Seit Mai bin ich als Pfarrerin im Probedienst für zwei Jahre in Eschweiler tätig.

Ist die Chance hoch, dass Sie danach auch in Eschweiler bleiben werden?

Lube: Das kann ich so noch nicht sagen. Pfarrer Wolfgang Theiler wird seinen Beruf natürlich weitermachen. In zwei Jahren schaue ich, was frei wird und werde mich dann im Rheinland auf die Stelle bewerben, in der ich zur Gemeinde passe und umgekehrt. Das finde ich wichtig. Mit fast 30 möchte man zwar wissen, wo man bleibt, aber die Planung ist halt noch schwierig.

Sie planen ja nicht nur Ihren Beruf, sondern auch Ihr Familienleben. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?

Lube: Ganz gut. Noch haben mein Partner und ich keine Kinder. Aber der Gedanke an Kinder ist schon präsent. Familienplanung ist mir wichtig, und ich finde den Gedanken schön, viele Kinder zu haben.

Wie reagierten die Mitglieder der Gemeinde in Weisweiler und Dürwiß auf Sie?

Lube: Bislang habe ich ausschließlich offene und freundliche Rückmeldungen erhalten. In der Kennenlernphase habe ich zunächst eine Menge Besuche gemacht, bei den Menschen daheim, bei den Presbyterinnen und Presbytern. Die Leute freuen sich in der Regel auf ein neues Gesicht und auf neue Angebote. Dazu gehören zum Beispiel die Bibeltage für Kinder zwischen sechs und elf Jahren, die ab dem 1. September beginnen. Auf die Arbeit mit Kindern freue ich mich ganz besonders.

Erzählen Sie bitte etwas über die Aufgaben einer Pfarrerin im Probedienst und auch danach.

Lube: Während des Probedienstes habe ich noch keine Stimme im Presbyterium, also im Leitungsgremium der Gemeinde, sondern habe nur eine beratende Funktion. Mit verwaltungstechnischen Aufgaben habe ich da auch noch nicht soviel zu tun. Leider wächst ja der Verwaltungsaufwand für Pfarrer immer mehr. Ansonsten darf ich natürlich all das tun, was ein regulärer Pfarrer auch macht.

Verfügen Menschen mit dem Berufswunsch Pfarrer über mehr Empathie als der Durchschnittsmensch?

Lube: Das würde ich definitiv nicht so sagen. Aus meiner Sicht haben wir Pfarrer keine größere Verbindung zu Gott als irgendein anderer Mensch. Wir sind nicht heiliger, sondern so wie jedes andere Gemeindemitglied auch. Auch Zweifel gehören hin und wieder dazu. Betrachten Sie zum Beispiel den Job einer Krankenpflegerin, die mit mindestens genauso viel Empathie ihre Aufgaben erledigt. Es kommt immer auf den Charakter an und auf die Gaben, die Gott einem geschenkt hat.

Sind Frauen in der Regel empathischer als Männer?

Lube: (lacht) Nein, mit Sicherheit nicht. Auch das ist typabhängig. Es gibt eine Vielzahl von Männern, die seelsorglich äußerst kompetent sind.

Haben Sie sich für ihre Arbeit in Eschweiler etwas vorgenommen?

Lube: Ich habe mir vorgenommen, Gitarre zu lernen. Ich habe gemerkt, dass es schön wäre, vor allem mit Konfirmandinnen und Konfirmanden oder in der Kinder- und Jugendarbeit die Arbeit mit dem Gitarrespielen zu begleiten. Ich habe mich an meinem Wohnort in Düren in der Musikschule angemeldet. Ich hoffe, dass ich das in zwei Jahren so hinbekomme, dass ich zumindest einfache Kirchenlieder mit der Gitarre begleiten kann.

Musik spielt eine große Rolle in Ihrem Leben?

Lube: Ich liebe Musik. Seit der frühesten Jugend habe ich im Chor mitgesungen. Im Alter von etwa zehn Jahren auch im Opernchor Bonn. Das war eine tolle Zeit. Zudem habe ich auch viel Theater gespielt. Eine große Leidenschaft, die ich dann wegen des hohen Proben-Zeitaufwandes leider einstellen musste. Musik berührt. Auch in Gottesdiensten. Wenn man aufbauende Worte hört und anschließend jemand direkt ins Herz spielt, dann erlebt man, dass Musik so viel mehr sagen kann als Worte allein.

Denken, Sie das die Evangelische Kirche den Bedürfnissen des modernen Menschen nach Spiritualität in einem weniger dogmatischen Sinne entgegenkommt?

Lube: Auch das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es gibt Gottesdienste, bei denen ich merke, dass da jemand die Menschen nicht gerade auf direktem Wege anspricht. Ich habe aber genügend katholische Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, die sich auf der gleichen Wellenlänge wie ihre Gemeindemitglieder bewegen, die lebensnah predigen und auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen. Das Problem ist eher, dass immer noch nicht richtig klar ist, dass wir „eine Kirche“ sind, dass wir zusammengehören.

Das sieht man an der aktuellen Abendmahldebatte sehr deutlich. Ich frage mich, warum wir immer noch nicht gemeinsam Abendmahl feiern können. Theologisch ist mir das klar, aber immerhin lädt Christus ein. Wir können dennoch etwas von der katholischen Kirche lernen, die eine schöne Ritual-Tradition besitzt. Als Mitglied im Ökumene-Ausschuss konnte ich mich immer für Zusammenarbeit begeistern.

Heutzutage scheinen Menschen sich ihre Religion im Baukastensystem so zusammenzusetzen, wie sie es benötigen. Religion wird weniger als Glaubensgemeinschaft erfahren, denn als Lifestyle-Ausdruck. Wie sehen Sie das?

Lube: Schwierig. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Konfirmandin, die mir sagte, jeder habe ja sein Karma. Und wenn man Gutes tue, widerfahre einem Gutes. Ich habe das Gespräch auf Hiob gelenkt, der fromm war und in seinem Leben nichts falsch gemacht und dennoch alles verloren hat. Was würdest Du denn ihm sagen, fragte ich. Daraus entwickelte sich dann ein faszinierendes Gespräch. Aber grundsätzlich kann man Religionen nicht beliebig miteinander vermischen. Die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer besteht darin, darüber aufzuklären und zu versuchen zu erklären, warum das nicht miteinander korrespondiert Hier sind übrigens auch Religionslehrerinnen und -lehrer gefragt.

Junge Menschen und Kinder besitzen ein einfacheres Weltbild. Sind sie eigentlich in jungen Jahren geeignet, so etwas Komplexes wie Glauben unvoreingenommen wahrzunehmen? Ist der Bruch mit der Materie beim Erwachsenwerden nicht vorprogrammiert?

Lube: Da denke ich spontan an die Stelle, an der Jesus sagt: Wenn ihr nicht so werdet, wie die Kinder, dann werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Kinder glauben nicht naiv, sondern sehr intensiv. Es ist sehr schön, mit ihnen in Kontakt zu kommen und über biblische Geschichten zu sprechen. Kinder kommen auf Ideen, die mich immer wieder in Staunen versetzen. Sie können einem sprichwörtlich die Augen öffnen. Davon kann man selbst eine Menge lernen: Glauben ist gar nicht so schwer.