Empört über Altersdiskriminierung: „Nee, leev Frau Hansen, da sind Sie zu alt!“

Empört über Altersdiskriminierung : „Nee, leev Frau Hansen, da sind Sie zu alt!“

Betriebswirtschaftliche Fachwirtin Birgit Hansen mit 62 zu alt für Job an der Rezeption? Empört über Altersdiskriminierung.

Verwaltungs-/Rezeptionskraft für Physiotherapiepraxis  auf 450,00 € Basis o. Gleitzeit ab sof. ges. PC-Kenntnisse u. organ. Fähigkeiten erw. AZ morgens/nachmittags, ab Mo. 9 Uhr.

Diese Anzeige las Birgit Hansen am Sonntag beim Frühstück. Hört sich ganz gut an, dachte die 62-Jährige. Natürlich passt es nicht ganz zu ihrer Qualifikation (Fachwirtin), aber organisieren kann sie und musste  sie während ihrer Berufstätigkeit, PC-Kenntnisse - na ja, da ist sie durch langjährige Berufserfahrung in den verschiedenen Programmen und Aufgaben immer  auf dem neuen Stand geblieben.

Mich interessierte an dieser Anzeige mehr die Arbeit an der genannten Rezeption und damit der direkte Umgang mit Menschen.

Birgit Hansen beschloss, telefonischen Kontakt aufzunehmen. Vorher hat sie gegoogelt: Die Rufnummer gehört tatsächlich einer Physiotherapiepraxis, der Inhaber ist Jahrgang 1957, seine Frau 1966. „Beide also auch nicht mehr ganz taufrisch“, sah die 62-jährige Vorruheständlerin das gesetzte Alter der potenziellen Arbeitgeber positiv. Immerhin hatte sie in Sachen Minijobsuche im Rentenalter schon einiges an negativen Erfahrungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis gehört – alles von Personen in ehemals guten Positionen, die wie Birgit Hansen noch nach einer Herausforderung suchten.

Birgit Hansen rief an. Und wurde vom Chef direkt an  dessen Frau abgewimmelt. Die zeigte sich genervt. „Guten Tag, mein Name ist Birgit Hansen, ich rufe auf Ihre Anzeige vom Sonntag bezüglich Ihrer Suche nach einer Verwaltungskraft bzw. Rezeptionskraft an“, erklärte Hansen. „Was wollen Sie wissen?“ „Ich hätte gerne gewusst, wie die Arbeitszeiten sind.“ „Steht ja in der Anzeige; morgens und nachmittags“ „Ich hätte aber gerne gewusst,  wie sich die Stunden verteilen. Es handelt sich doch um einen 450- Euro-Job oder nicht?“ „Ja klar, es geht um einen 450-Euro-Job. Über die Stundenverteilung müssen wir dann reden, wir haben einige Kräfte auf 450-Basis. Wie alt sind Sie denn?“

„Ich bin 62 und im vorzeitigen Ruhestand und habe viele Jahre als Fachwirtin gearbeitet“ „Nee, leev Frau Hansen, da sind Sie zu alt!“

Ein weiteres Gespräch war kaum möglich, berichtet Birgit Hansen. „Ich habe dann noch versucht, auf meine Qualifizierungen hinzuweisen. Schließlich war ich  aber so geschockt über die aus meiner Sicht nicht nachvollziehbaren Äußerungen dieser Frau, dass ich das Gespräch beendete. Nach dem Telefonat musste ich mich erstmal auf mein Fahrrad setzen (und das in meinem hohen Alter), um einen klaren Gedanken zu  fassen.“

Altersdiskriminierung. Birgit Hansen ist schockiert und empört. „Klar, ich bin 62 - und das mit Stolz - ich habe einen 21-jährigen Sohn, der noch bei mir lebt und in der  Ausbildung steht, und dadurch habe ich sehr viele Kontakte mit der Jugend. Seine Freunde sind immer gerne bei uns zum Essen und bei Problemen gesehen. Viele Kontakte bestehen schon aus dem Kindergartenalter meines Sohnes und haben sich fortgesetzt.

Ich war alleinerziehend, seit mein Sohn acht Monat alt war. Ich habe in diversen höheren Positionen durchgehend gerbeitet und als Alleinverdienerin unseren Lebensunterhalt gesichert. Von 2006 bis 2016 habe ich meine Eltern in Norddeutschland unterstützt und war für sie als gesetzliche Betreunerin in allen Belangen zuständig und natürlich möglichst vor Ort – was natürlich von Aachen/Eschweiler aus nicht einfach war.

Ich bin ehrenamtlich als gesetzliche Betreuerin engagiert und habe seit zweieinhalb Jahren einen 450-Euro-Minijob im Büro. Ein Job, der mir gefällt. Ich hätte aber gerne mehr zwischenmenschliche Kontake zu ,Kunden’ – daher meine telefonische Anfrage auf das genannte Stellenangebot.“

„Mit deinem Faltengesicht...“

Über Altersdiskrimierung hat Birgit Hansen im Bekanntenkreis schon so einiges gehört und wollte es ehrlich gesagt so nicht glauben. „Eine Freundin von mir – sie war bei einer der großen Krankenkassen tätig und auch nicht gerade in einer geringen Position – sollte im Alter keine Außentermine mehr wahrnehmen: ,Dich, mit deinem Faltengesicht, können wir da nicht hinschicken, wir schicken Frau..... jetzt dahin.“

 Unglaublich“, sagt Birgit Hansen. „Hier enthüllt sich mir ganz grausam eine Gesellschaftsform, die immer mehr und mehr auf junge Menschen ausgerichtet ist. Mit Jüngeren werden frische Ideen, Schnelligkeit und Leistungsfähigkeit in Verbindung gesetzt. Das Alter hat kaum eine Lobby. In der Werbung höchstens mit Treppenlift, Inkontinenz-Artikeln, Sterbeversicherung. Früher wurde Alter mit Weisheit, Lebenserfahrung und Gelassenheit verbunden. Heute existieren wohl eher negative Vorstellungen.  Alter wird mit Gebrechlichkeit und Vergesslichkeit assoziert.“ Eigentlich stünde Birgit Hansen mit ihren 62 Jahren noch voll im Arbeitsprozess,. „augenscheinlich will mich keiner mehr. Auch Menschen mit einer geringeren Ausbildung und über 50 Jahre alt meinen sich über mich erheben zu können.“

Aber: „Niemand bleibt für immer jung. Hier sind ja wohl die Täter von heute die Opfer von morgen.“

▶ Haben auch Sie Erfahrungen mit Altersdiskriminierung machen müssen? Schreiben Sie uns! Am besten per E-Mail an: lokales-eschweiler@zeitungsverlag-aachen.de

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