Eschweiler: „Mit Volldampf“: Kabarettist Jens Neutag gastiert im Talbahnhof

Eschweiler : „Mit Volldampf“: Kabarettist Jens Neutag gastiert im Talbahnhof

Der Kabarettist Jens Neutag widmet sein nunmehr siebtes Soloprogramm „Mit Volldampf“ der politisch turbulenten Zeit in Deutschland. Daher trägt die aktuelle Show passend den Beinamen „Kabarett zur rechten Zeit.“ Doch auch gekonnte Ausflüge in andere Bereiche ergänzen das kabarettistische Programm. Von den abwechslungsreichen Inhalten durfte sich jüngst das Publikum im Talbahnhof überzeugen.

Alle Bereiche des Lebens bekamen ihr Fett weg. Ob die Politik, Widersprüche in der katholischen Kirche oder das passive Verhalten der Gesellschaft — sie alle wurden angesprochen. Dabei ist das menschliche Leben vor allem durch Entscheidungen geprägt, wie Neutag erklärte: „Die Entscheidungen begleiten uns von morgens bis abends. Sie fangen bereits beim Frühstück an. Zudem sind die Entscheidungen heutzutage viel komplexer.“

Diese These versuchte er anhand eines Frühstücks-Vergleichs zu untermauern. Während es früher die Wahl zwischen süß (Marmelade) und herzhaft (Wurst oder Käse) gab, wird der Mensch beim heutigen Frühstück mit Optionen überschüttet. Scheinbar besteht das ganze Leben nur noch aus Optionen und Projekten, wie sich Neutag aufregte: „Projekt Familie, Projekt Karriere und wenn ein Projekt keinen Reiz mehr hat, gehen wir zum nächsten!“ Es fehlt einfach der Biss.

Genau diesen Biss bräuchte es aber in der heutigen Zeit und mit der derzeitigen Politik. „Du brauchst Biss gegen Nazis und Dummheit“, brachte Neutag es auf den Punkt. Sechs Monate hat es gedauert, eine Regierung zu bilden. Alles wurde durchsondiert. Dabei fragte sich der Kabarettist immer noch, wieso es Jamaika-Koalition genannt wurde. „Wer denkt denn bitte bei Angela Merkel, Christian Lindner und Anton Hofreiter an Sonne, Strand und Karibik? Da hat Schwampel doch wirklich besser gepasst. Wobei es auch nach einer neuen Brigitte-Diät klingt“, kam Neutag ins Grübeln. So ganz ist der Mittvierziger mit der Ministeraufstellung der neuen Großen Koalition nicht zufrieden. Laut Neutag wirkt es, als würde dort jeder alles machen. Auf den Alltag übertragen resümierte der Kabarettist: „Wenn ich den Notarzt rufe, möchte ich ja auch nicht, dass die Metzgerin kommt!“

Angst bestimmt Politik

Der Mensch lässt sich laut Neutag viel zu schnell von seinen Ängsten leiten. 2016 waren es die sogenannten Horrorclowns. „Optisch entstellte, ältere Männer, die aus dem Halbdunklen Menschen erschrecken. In Jülich heißt das Männersitzung!“, haute der Kabarettist heraus. Dabei ging es ihm darum zu verdeutlichen, dass die Angst das Verhalten bestimmt. Die Meldungen über diese Clowns schürten Angst und bestimmten zum Teil den Alltag. Beispielsweise trauten sich viele abends nicht mehr alleine raus.

Ähnlich war es mit Angela Merkel und der beginnenden Flüchtlingswelle. Ihr Spruch „Wir schaffen das!“ schürte die Angst der Menschen, die Neutag als „hasserfüllte nationalistische Zwerge“ betitelt. Doch was hätte Merkel sagen sollen? Immerhin ist sie der Kapitän des Schiffs „Deutschlands.“ Für diese Ausführung setzte sich der Kabarettist eine Kapitänsmütze auf und sprach in Matrosensprache. Hierbei arbeitete er heraus, dass Merkel in ihrer führenden Position die Crew zusammenhalten muss. Oder wie hätte sich alles entwickelt, wenn sie verkündet hätte, dass sie überfordert sei und alles im Chaos enden wird?

Für gesellschaftliche Veränderungen müssten sich mehr Menschen politisch engagieren. Daher hat sich auch Neutag gewagt, einen Fuß in die Politik zu setzen. Allerdings hatte sich in seinem Heimatort Stadtkirchen alles ziemlich schnell verselbstständigt, so dass er sich im Wahlkampf um den Bürgermeisterposten befand. Aber selbst, wenn er nie Bürgermeister werden wollte, so setzt er sich doch ein. Denn wenn in Bundesländern wie Sachsen oder Sachsen-Anhalt rechte Parteien die Mehrheit bekommen, dann müssen Menschen aktiv werden. Neutag sagte es mit Sigmund Freud: „Der Verlust der Scham ist das erste Anzeichen für Schwachsinn.“

Amüsante Rollenwechsel

Damit nicht noch mehr Schwachsinn à la AfD etwas zu sagen hat, regte der Kabarettist an, aufzustehen und aus der Passivität zu schreiten. Mit diesen Anregungen, amüsanten Rollenwechseln und politischem Tiefgang bescherte Jens Neutag seinem Publikum einen gelungenen Abend.

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