Landwirt verurteilt: Mit Mistgabel auf Mitarbeiterinnen des Veterinäramts losgegangen

Landwirt verurteilt : Mit Mistgabel auf Mitarbeiterinnen des Veterinäramts losgegangen

Weil er im November 2018 zwei Mitarbeiterinnen des Veterinäramtes der Städteregion mit einer Mistgabel angegriffen hat, hat das Eschweiler Amtsgericht jetzt einen Landwirt verurteilt. Mit einer Tierärztin lieferte sich der Mann ein längeres Gerangel. Sie fürchtete um ihr Leben, wie sie schilderte.

Die Tierärztin W. weiß, dass sie nicht immer mit der besten Laune empfangen wird, wenn sie im Auftrag des Veterinäramtes der Städteregion landwirtschaftliche Höfe kontrolliert, weil der Verdacht besteht, dass nicht alles im Sinne des Tierwohls vonstatten geht. Diskussionen, ruppiges Auftreten, wenig Kooperationsbereitschaft – damit muss sie leben und professionell umgehen.

Den 19. November 2018, einen Montag, wird sie nicht mehr vergessen. An jenem Nachmittag blieb es nicht bei unschönen Worten, an jenem Nachmittag griff ein Landwirt sie mit einer Mistgabel an, richtete die Zinken auf Brust- und Bauchhöhe, es entwickelte sich ein längeres, intensives Gerangel, bei dem W. den Stiel des Werkzeugs packte und die verdreckten, spitzen Zinken mit aller Kraft immer wieder von sich drückte. Sie schildert den Vorfall vor dem Eschweiler Amtsgericht sehr gefasst, erinnert sich an viele Details, doch nach einigen Minuten brechen die Tränen aus ihr heraus. Dann sagt sie: „Ich habe gedacht, ich muss um mein Leben kämpfen.“

Die sechste Kontrolle

Der Mann, der sie angegriffen hat, ist ein Eschweiler Landwirt, über 60 Jahre alt, nennen wir ihn Herr T. Er kannte die Tierärztin W. und auch ihre Kollegin L., eine beauftragte Ehrenamtlerin des Veterinäramtes, die sie an jenem Tag begleitet hatte. Warum hat er also derart reagiert, so dass er wegen schweren Angriffs und schweren Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in
Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung angeklagt war?

Den wohl größten Teil der Antwort lieferte die Tierärztin W.: Der Hof des Mannes war dem Veterinäramt nicht unbekannt, weil eine Tierschutzbeschwerde gegen den Landwirt vorlag. Unter anderem sollen die Tiere nicht oft genug draußen gehalten worden sein. Die Kontrolle am 19. November 2018 war bereits die sechste binnen weniger Wochen – und es war eine unangekündigte. „Er wusste, dass er engmaschig kontrolliert wird,“, sagte die Aachener Veterinärin W. Nach den ersten Kontrollen seien die Mängel nicht so korrigiert worden, wie es sich das Amt gewünscht habe. „Ihm ist in dem Moment vielleicht bewusst geworden, dass er kurz vor einem Bußgeld steht oder dass ihm die Tiere weggenommen werden.“

Der Hergang: An dem Novembertag im vergangenen Jahr fuhren W. und L. gegen 14 Uhr zu dem Hof des Landwirts T. Sie kamen zwar unangekündigt, aber es ist dennoch üblich, dass der Tierhalter bei einem solchen Rundgang anwesend ist. Der Landwirt war zu der Zeit jedoch nicht zu Hause, weshalb W. und L. den Stall allein betraten, was sie rechtlich dürfen. Nachdem sie ihre erste Runde, auf der sie sich einen Überblick verschafften, den Zustand des Stalls fotografierten und dokumentierten, beendet hatten, kam T. hinzu. Er hatte das Licht bemerkt, als er nach Hause kam.

T. war sofort in Rage, das schilderte er vor Gericht selbst. „Zwei Tiere waren am Zittern, ich weiß nicht, was vorgefallen ist, ich haben die beiden gebeten, den Stall zu verlassen.“ Er gab auch zu, dass auf seinem Hof nicht immer alles „vom Feinsten“ sei. „Aber die Tiere haben es nirgends besser als bei mir.“

W. und L. haben den Stall natürlich nicht verlassen, ihre Kontrolle war noch nicht beendet. Ein vernünftiges Gespräch sei nicht möglich gewesen, erinnert sich W. „Er ist an die Decke gegangen.“ T. nahm also kurzerhand die Handtasche und den Aktenordner der Tierärztin und verschwand. Daraufhin rief L. die Polizei, weil sich der Autoschlüssel in W.s Handtasche befand, und verließ kurz darauf den verwinkelten Stall durch den Hintereingang, um T. und die Handtasche zu suchen. W. blieb auf der Schwelle der Stalltür, um nicht im Kalten zu warten.

Irgendwann kam T. völlig in Rage zurück und ging auf W. zu, schubste sie, es entwickelte sich ein weiteres Wortgefecht. L. kam hinzu, sie hatte mittlerweile die Tasche und die Aktenordner geholt, die T. aufs Auto der Tierärztin gestellt hatte. Wenige Momente später holte T. dann die Mistgabel und ging schnell und zielgerichtet, mit den Zinken nach vorne gehalten, auf W. zu, das schilderten beide Zeuginnen.

Im Verlauf des Gerangels zerschmetterte T. auch noch das Handy von L., weil er dachte, sie würde ihn fotografieren. Der Landwirt attackierte auch L., indem er sie mit quer gehaltener Gabel gegen eine Stallbox drückte. Dabei erlitt sie eine Zerrung im Rücken, W. eine Zerrung im rechten Arm, weil sie sich mit aller Kraft gegen T. wehrte. Irgendwann gab der Landwirt erschöpft auf, dann kam auch die Polizei.

Mildernde Umstände

Der Richter sah keinen Grund, den beiden Frauen nicht zu glauben. Weitere Zeugen des Vorfalls gab es nicht. T. behauptet jedoch standhaft, er habe die Zinken nie nach vorne gerichtet. Das Urteil: acht Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. „Wir bewegen uns am unteren Ende des Strafrahmens. Die Spontaneität bei dieser Tat ist entscheidend.“ Weil die abstrakte Gefährlichkeit bei dem Mistgabel-Angriff hoch gewesen sei, greift der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung, auch wenn die Frauen nur Zerrungen davongetragen haben.

Dass T. noch nie straffällig geworden, sozial engagiert („Ich bin jemand, der nicht Nein sagen kann“) und finanziell gerade so überleben kann, hielt ihm der Richter zugute. Deswegen verhängte er keine hohe Geldstrafe.

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