Eschweiler: Michael Rehork: Ein „Eschweiler Original“ mit großem Herz

Eschweiler : Michael Rehork: Ein „Eschweiler Original“ mit großem Herz

Michael Rehork, von seinen Freunden „Mike“ genannt, gehört felsenfest in die Riege der „Eschweiler Originale“. Er wuchs mit einer Körperbehinderung auf, gilt aber als der Prototyp des umgänglichen und freundlichen Zeitgenossen, der auch schon mal unerwartet Geschenke verteilt.

Der Fußball-Fan und überzeugte Kneipengänger sprach mit Paul Santosi über die Kunst, Menschen zu begegnen und in jeder Situation „am Ball zu bleiben“.

Mike Rehork, der Bösewicht des Baseballs ? Nein, ist nur ein kleiner Fotospaß des ansonsten lammfrommen Eschweilers mit dem großen Herzen. Foto: Paul Santosi

Herr Rehork, Sie sind mit einer Behinderung aufgewachsen. Ihr rechter Arm ist verkürzt. Was bedeutet das für Sie?

Prächtig amüsiert sich Fußball-Fan Mike Rehork (Mitte) im Kreise seiner Freunde. Foto: privat

Rehork: Es gab 1961 noch eine Polio-Epidemie in Deutschland. Damals sagte man dazu auch noch „Kinderlähmung“. Als ich im Alter von zwei Jahren Gehversuche machte, ist das leider wegen der fehlenden Muskelkraft ziemlich schiefgegangen. Unser damaliger Hausarzt hat mich sofort ins Krankenhaus überwiesen, zunächst in Eschweiler, dann nach Aachen. Die Chancen sahen damals nicht so rosig aus für mich. Nach einer Elektro-Therapie ging es dann wieder stückweise aufwärts. Gemerkt hab ich schon früh, dass die anderen Kinder irgendwie fitter waren. Mit Sieben war ich zwar schon begeisterter Fußballspieler, aber wenn ich auf meinen Arm fiel, dann gab es schon ein paar Schwellungen und Schmerzen mehr als bei meinen Mitspielern.

Denken Sie, dass man auf Menschen mit Handicap in unserer Gesellschaft genügend eingeht?

Rehork: Schwierige Frage. Natürlich gibt es viele, die mir mit einer gewissen Angst begegnen. Ablehnung habe ich aber nie als böse gemeint empfunden. Also war eine der ersten Lektionen, offen auf die Menschen zuzugehen. Es gibt halt drei Möglichkeiten, wie die Leute mit meiner körperlichen Einschränkung umgehen: total ablehnend, offen oder nach einer kurzen Zeit langsam mit einer gewissen Akzeptanz.

Halten Sie Ihre Heimatstadt Eschweiler für behindertengerecht?

Rehork: Für mich ist das schon in Ordnung. Aber ich kann natürlich nicht für andere Behinderte sprechen, etwa für Rollstuhlfahrer. Aber ich denke, da hat sich eine Menge getan. Beispiel Busse. Die Einstiegshilfen sind schon ganz in Ordnung.

Vielleicht eine seltsame Frage, aber hat Ihnen Ihr Handicap auch schon mal genutzt?

Rehork: Klar doch. Als begeisterter Zugfahrer bin ich immer mit dem Zug nach Mönchengladbach zu den Fußballspielen der Borussia gefahren. Mir hat man in den Siebzigern immer noch den vollen Fahrpreis abgeknöpft. Mit etwas Bürokratie und ein paar Anträgen später zahlte ich dann nur noch die Hälfte und schließlich konnte ich den Zug auch über einen Radius von 50 Kilometern frei benutzen. Das war für mich eine riesige Entlastung, nicht nur als Fußball-Fan (lacht).

Es ist doch aber nur fair, wenn Menschen wie Sie den ÖPNV zu günstigeren Konditionen nutzen können, oder?

Rehork: Das sehe ich allerdings auch so.

Gab es in Ihrem Leben Phasen, in denen Ihr Schicksal Sie über Gebühr aus der Bahn geworfen hat?

Rehork: Schwache Momente gibt es immer wieder mal. Leben mit Behinderung ist niemals eine gerade Linie, weder positiv noch negativ. Es ist immer ein Auf und Ab. Wenn ich jetzt auf das 60. Lebensjahr zusteuere, merke ich schon: Hey, Du kannst auch mit den schwierigen Phasen ganz gut umgehen. Auf keinen Fall sollte man sich aber daheim in der Bude einschließen. Rausgehen ist wichtig, und wenn es nur ein kleiner Spaziergang ist. Wenn man sich selbst einen wohlgemeinten Tritt in den Allerwertesten geben kann, wirkt das oft Wunder für die Psyche.

Sie waren lange Jahre in einem großen Energie-Unternehmen der Region tätig. Wie empfanden Sie diese Zeit?

Rehork: Von 1977 bis 2014 hab ich in meinem Job meinen Mann gestanden, unter anderem im Rechnungswesen. Als gelernter Bürokaufmann hatte ich es allerdings nicht einfach, in einer Riege studierter Betriebswirte zu bestehen. Meine körperlichen Einschränkungen waren da gar nicht so wichtig. Was in der Hierarchie eines Großkonzerns alles so an informeller Ausgrenzung stattfand, empfand ich teilweise als viel erschreckender. Nach 37 Arbeitsjahren bin ich dann gottlob in den Vorruhestand gegangen.

Gab es das berühmte psychologische „Loch“, in das Sie nach der aktiven Arbeitszeit hineingefallen sind?

Rehork: Na ja, so schlimm war es nicht. Meine persönliche Einstellung ist: Ich arbeite, um zu leben, nicht umgekehrt. Dafür ist das Leben viel zu interessant und abwechslungsreich, um sich acht Stunden hinter dem Computer-Bildschirm zu verstecken. Mich interessiert meine Umgebung und die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Ich wurde in einer Zeit geboren, in denen soziale Bindungen einen ganz anderen Stellenwert besaßen als heute. Klar hab ich mein Smartphone und meinen PC. Aber das Leben da draußen ist hundertmal interessanter und schöner als das in diesen kleinen Kästen.

Sie mögen Musik und haben bereits Hunderte Livekonzerte besucht. Ihre Freunde fürchten sich oft davor, Sie mitzunehmen, weil Sie gerne „verlorengehen“.

Rehork: Tja, es heißt wohl wirklich, dass niemand leichter abhanden kommt als ich. Aber das bringt die Atmosphäre in einer Konzerthalle oder auf dem Festivalgelände mit sich. Da wird meine Abenteuerlust halt geweckt und ich bin stets auf der Suche nach dem noch besseren Platz oder treffe nette Menschen. Da mach ich gern mein eigenes Ding. Schiefgegangen ist das nur einmal beim Iron-Maiden-Konzert in Oberhausen. Das Konzert war gerade vorbei und ich merkte nur noch, wie ich in der Menschenmenge einen Schubser bekam. Aufgewacht bin ich dann im Evangelischen Krankenhaus in Oberhausen. Das Fazit lautete Schädelbasisbruch, perforiertes Trommelfell und ein angeknackster Lendenwirbel. Was ich da allerdings an Glück gehabt habe ... (klopft auf Holz). Seitdem bin ich vor allem bei Open-Air-Veranstaltungen etwas umsichtiger geworden.

Was war denn Ihr schönstes positives Konzerterlebnis?

Rehork: Wolfgang Niedeckens BAP spielten vor Jahren mal in der Aachener Eissporthalle. Durch mein natürliches Talent, mich an Ordnern vorbeizuschummeln, stand ich plötzlich hinter der Bühne. Da kam Klaus „Major“ Heuser auf mich zu und sagte: „Wat määst Du da hee?“ Meine Antwort: „Ich wollt mal auf de Bühne.“ Entgegen meiner Erwartung, in hohem Bogen rausgeworfen zu werden, hieß es dann ganz lapidar: „Kumm met, Jung.“ Das bescherte mir ein Livekonzert mit BAP direkt auf der Bühne, neben den Gitarren der Stars. Das fand ich schon cool und „Major“ Heuser hatte einen neuen Super-Fan.

Fußball — die andere große Leidenschaft in Ihrem Leben?

Rehork: Au ja. Das begann 1976. Immer nur Sportschau gucken war mir zu wenig. Ich war neugierig und bin nach Mönchengladbach gefahren, wo ich vom Bahnhof aus in der Eickenerstraße landete. In eine Kneipe dort gingen lauter grün-weiß gekleidete Menschen hinein. Damals galt man als Besucher aus dem entfernten Eschweiler ja noch als Exot. Minuten später war ich Borussia-Fanclub-Mitglied. Das bescherte mir tolle Fan-Fahrten quer durch Europa. Die Champions League hieß damals noch Europapokal der Landesmeister und trotz eines mager dotierten Ausbildungsvertrages in der Tasche bin ich für verhältnismäßig viel Kohle mit nach Rom gefahren. Für die 150 Mark Kleinkredit für Reise, Übernachtung und Ticket bin ich meinem Schwager heute noch dankbar.

Die Menschen in unserer Heimatstadt Eschweiler haben Sie wegen Ihrer sympathischen Art ins Herz geschlossen. Sie gehen gerne in die Gaststätten rund um den Markt. Bei den Wirten dort heißt es, in jeder Kneipe hänge aus logistischen Gründen vorsorglich eine Jacke von Ihnen.

Rehork: Sympathisch? Das freut mich. Aber Moment mal. Ein lieber, gutherziger Mensch ohne Fehler bin ich natürlich auch nicht. Meine Lebenserfahrungen sagen mir: Gehe immer erstmal freundlich auf andere zu. Wer mir allerdings schon mal an einem Montag begegnet ist, sieht auch meine dunkle Seite (lacht). Die Sache mit den Jacken? Nun gut. Geselligkeit finde ich wichtig. Aber wenn ich abends nach Hause will, dann möchte ich das oft sehr schnell. Und wenn das Taxi kommt, hänge ich eben meine Jacke dort auf, wo ich sie am nächsten Samstagmorgen beim Frühstückskaffee in aller Regel ordnungsgemäß wiederfinde.

Zu Festen wie Weihnachten und Ostern sieht man Sie oft mit einer großen Tüte voller Süßigkeiten durch die Stadt gehen. Beschenken Sie gerne Leute ohne besonderen Grund?

Rehork: Ja sicher. Ein bis zweimal im Jahr kann man doch Menschen, die man mag, überraschen. Über einen völlig unerwarteten Nikolaus oder einen Osterhasen freut sich doch jeder. Das mache ich schon jahrelang. Gerade das Servicepersonal in den Restaurants und Gaststätten freut sich darüber immer mächtig. Auf die Eschweiler Kellnerschaft lasse ich nix kommen.

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