Eschweiler: Leiterin der Grundschule Kinzweiler: „Jeder Kollege macht sich viele Gedanken“

Eschweiler : Leiterin der Grundschule Kinzweiler: „Jeder Kollege macht sich viele Gedanken“

Ingeborg Lingens ist seit anderthalb Jahren Leiterin der Katholischen Grundschule in Kinzweiler. Wie viele ihrer Kollegen sieht sie sich einer bunten Palette ständiger Vorurteile gegenüber Lehrern ausgesetzt. Andererseits mag sie ihren Beruf, engagiert sich für ihre Kinder und findet, dass alle ihren Beitrag zum gemeinsamen Wohl der Sprösslinge beitragen können. Paul Santosi sprach mit ihr über Leistungsdruck, Politik, Elternverhalten und die prägende Phase im Leben, an die sich viele von uns nur ungern erinnern.

Zunächst eine philosophische Frage: Sehen wir in der Grundschule das Rohmaterial unserer gesellschaftlichen Zukunft ?

Lingens: Aber sicher. Ich sehe hier viel Potenzial, Begabungen und motivierte, wissbegierige Kinder. Das ist förderungswürdig und ein wichtiges Kapital für uns alle.

Denken Sie, dass Kinder bereits in der Grundschule überfordert werden ?

Lingens: Da kommen die Eltern ins Spiel. Wir haben hier viele leistungsbereite Kinder. Die Lehrpläne erscheinen mir allerdings oft etwas überfrachtet. Einfache Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben einerseits, aber auch Feinmotorisches auf der anderen Seite sollten in den Fokus rücken. Leider kommt noch so viel mehr hinzu, dass es für mich und meine Kolleginnen oft sehr schwierig ist, das alles unter einen Hut zu bekommen. Natürlich erwarten die Eltern später in den weiterführenden Schulen gute Leistungen von ihrem Kind. Erste Vorzeichen davon bekommen wir hier mit.

Wir leben in einer wirtschaftlich geprägten Lobbygesellschaft. Kinder haben allerdings keine Lobby. Wer vertritt eigentlich die Interessen der Kinder ?

Lingens: Das ist auch eine Aufgabe, die ins Elternhaus gehört. Vielen ist es aber zu wenig bewusst, welche Wählermacht sie eigentlich haben. Ein Blick in die jeweiligen Parteiprogramme wäre mal ganz sinnvoll, um zu beurteilen: Passiert da das Richtige für mein Kind ? Hier an der Schule gibt es eine hohe Zahl positiv engagierter Eltern, aber die enge Beziehung zwischen dem Schulstart und dem späteren Leben wird häufig noch gar nicht gesehen. Wahlpolitisch haben die Eltern wirklich mehr Gestaltungsspielraum als die Lehrer. Einfaches Beispiel: Der Stress bei der Diskussion um G8 oder G9 in den Gymnasien ist tatsächlich auch fühlbar zu Hause angekommen. Da gab es dann auch ein entsprechendes Wählervotum. Grundschule findet halt in einer frühen Phase statt. Je mehr es auf den Schulabschluss zugeht, desto mehr erkennen Eltern ihre Einflussmöglichkeiten.

Schule besteht ja im Wesentlichen aus den vorgenannten drei Zielgruppen, die nicht immer einer Meinung sind. Wo denken Sie, brennt es zurzeit am schlimmsten ?

Lingens: Uns an der Grundschule bewegt natürlich das, was „von oben“ an uns herangetragen wird. Ich erhalte Weisungen vom Schulamt, das bekommt welche von der Bezirksregierung, die wiederum vom Ministerium. Da müssen wir oft fein abwägen. Welche Möglichkeiten haben wir in diesen enggesteckten Rahmen? Wir schauen auf Begabungen, Leistungen und Defizite. Gerne würden wir etwas stärker ressourcenorientiert denken, statt defizitär. Von uns wird eine erzieherische Leistung erwartet. Wenn es dann um Konsequenzen geht, stehen wir leider alleine da.

Vor kurzem erschien eine Studie in Sachen Bildungsranking Grundschulen. Es gibt in Deutschland angeblich ernüchternde Leistungen in Orthographie und Mathe. Ist das hier auch so?

Lingens: Wir haben bei den Lernstandserhebungen gut abgeschnitten, teilweise sogar über dem Durchschnitt. Das liegt aber vor allem daran, dass viele Kollegen deutlich gesagt haben: Es müssen einige Dinge wieder verstärkt geübt werden. Üben ist nicht schön. Schreiben lerne ich dadurch, dass ich es tue, dass ich es übe und korrigiert werde. Nur die Wenigsten haben die Fähigkeit, dass sie von vorneherein alles, was sie hören, auch umsetzen können. Die Begeisterung der Kleinsten, das Kleine Einmaleins zu üben, hält sich in Grenzen. Aber das sind ja Übungen, die uns später entlasten. Wir geben uns die Mühe, den Kindern zu erklären, dass auch die Autokorrektur im Computer nicht immer funktioniert.

Welche Rolle spielen sogenannte „weiche Fächer“ wie Kunst und Musik aus Ihrer Sicht?

Lingens: Für das Fach Musik hab ich hier leider keine Kollegin. Das finde ich sehr schade. Ich selbst unterrichte auch Kunst und finde es absolut wichtig, sich neben den Klassikern Lesen und Schreiben auch feinmotorisch zu beschäftigen. Es gibt eben nicht immer nur einen einzigen Begabungsbereich. Auch im Fach Kunst geht es mir darum, den Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Auch das muss benotet werden. Vom Talent abgesehen beurteilen wir: Hat sich da jemand Mühe gegeben? In Kunst machen wir kreative Angebote und sprechen mit den Kindern vorher darüber, nach welchen Kriterien wir das Geschaffene bewerten sollen. Wurde der Auftrag verstanden und ausgeführt? Ist das Meisterwerk nur so dahingesaut oder wurde doch ein wenig Mühe investiert ? Wir können ein bestimmtes Gefühl verstärken: „Habe ich mir Mühe gegeben und wie wird diese Mühe honoriert?“ Es geht in aller Regel nicht darum, eine besonders hohe zeichnerische Leistung zu würdigen, sondern den Aufwand zu belohnen. Der Erfolg liegt darin, wenn niemand mehr resigniert behauptet: „Ich kann ja gar nicht malen.“

Glauben Sie, dass Leistungen von der Zusammensetzung der Schülerschaft abhängen? Im Schnitt besitzen 33,6 Prozent aller Grundschüler heute einen Migrationshintergrund. Sehen Sie darin eine Gefahr oder eine Chance ?

Lingens: Ich denke, es ist eine Chance. Die Gefahr liegt in der Klassengröße und unserer personellen Ausstattung in den Schulen. Da wären wir dann wieder bei der Politik. Je höher die Unterschiedlichkeit der Kinder, je größer die „Grätsche“, die der Kollege machen muss. Es gibt reihenweise gute unterschiedliche Modelle, sehr unterschiedlich zusammengesetzte Klassen zu unterrichten. Aber trotz allem, wenn das im Wesentlichen nur von einer Person alleine erledigt werden muss, kommt diese Person sehr schnell an ihre Grenzen. Da muss man überlegen, welche Lerngruppengröße macht Sinn? Zum Beispiel: eine 25er- Klasse, die ja schon grundsätzlich unterschiedliche Fähigkeiten der Kinder beinhaltet, plus Kinder, die Deutsch als Zielsprache weiter- oder erstmals entwickeln müssen, dazu Kinder, die einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, das alles für eine einzelne Lehrerin. Das halte ich nicht für gut. Da wäre eine viel kleinere Klassenstärke notwendig um diese Herausforderungen bestens zu meistern und um die großen Chancen für alle optimal herauszuholen.

Lässt sich das Image der Lehrer überhaupt korrigieren?

Lingens: Leider heißt es oft: Lehrer beschweren sich oft über große Klassen. Manchmal denke ich: Lass uns doch mal für einen Tag den Job tauschen! Wir haben eben nicht vormittags recht und nachmittags frei. Jeder Kollege macht sich viele Gedanken über seine Arbeit, kommuniziert mit Kollegen und Eltern. Kollegen an weiterführenden Schulen haben beispielsweise die Korrekturen (500 bis 700 pro Schuljahr) an Wochenenden und in der schulfreien Zeit. Zudem nimmt jeder Arbeit und Überlegungen mit nach Hause: wie kann ich helfen, wie kann ich noch besser motivieren? Alles Dinge, die nicht gesehen werden.

Einige Schulen in Eschweiler haben massiven Stress mit der Verkehrssituation. Wie ist die Situation in Kinzweiler?

Lingens: Es ist nicht optimal. Leider haben wir hier keinen vernünftigen Gehweg, und ich erlebe morgens Eltern, die mit Zeitdruck im Nacken ein wenig zügiger hier entlang fahren. Ich fände es schön, wenn Eltern ihren Kindern wieder zutrauen würden, den Großteil ihres Schulweges alleine zu bestreiten. Wir haben hier an der KGS Kinzweiler eine Elternhaltestelle initiiert, die demnächst fertig wird. Da steht eine Lotsin, mit der die Kinder gemeinsam mit anderen sicher über die Straße kommen. Mit dem Auto sprichwörtlich ins Klassenzimmer? Das muss nicht sein. Vielleicht hat das was mit der Schwierigkeit des Loslassens zu tun. Die Nebeneffekte kennen wir alle im Phänomen „Hotel Mama“, wenn dann auch über Dreißigjährige nach dem Studium noch zu Hause wohnen. Gehen scheint prinzipiell out zu sein, was ich von Wandertagen her kenne, wenn einige nach fünf Minuten schon anfangen zu mosern. Wir hier sind eine „bewegte Schule“ mit Fünf-Minuten-Pausen und Spielangeboten zwischen den Stunden. Wir geben uns viel Mühe, die Kinder zu Bewegung anzuhalten.

Es gibt Leute, die bemängeln, dass wir den Menschen, die unser Geld verwalten, mehr bezahlen, als denjenigen, die sich um unsere Kinder kümmern. Ist der Beruf des Lehrers überhaupt noch attraktiv ?

Lingens: Durch die Änderung der Studiengänge gilt das für angehende Grundschullehrer leider nicht. Das ist ja „nur Grundschule“ heißt es oft. Die Bedeutung der Frühförderung wird komplett unterschätzt. Der Mensch beginnt nicht erst beim Abitur. Diese Auffassung sorgt dafür, dass die Grundschullehrer-Tätigkeit meiner Meinung nach nicht ordentlich honoriert wird.

Zum Schluss zwei Zitate des Kabarettisten Volker Pispers, mit denen ich Sie gerne konfrontieren möchte: „Schule — das ist das genaue Gegenteil von Leben“ und „Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt, sondern in Haupt- , Grund - und Realschule“.

Lingens: Da bin ich mit ihm einer Meinung, was das zweite Zitat angeht. Zum ersten Zitat denke ich schon, dass in der Schule tatsächliches Leben stattfindet. Alle waren in der Schule, daher denken alle, mitreden zu können. Alle tun aber auch so, als lernten wir hier nichts fürs Leben. Aber ohne uns fehlte die Basis nicht nur fürs Lesen und Schreiben, sondern auch für soziale Kompetenz, sprich „Wie verhalte ich mich in einer größeren Gruppe?“ Wird leider oft abgetan und unterschätzt. Ich würde mir wünschen, wenn Lehrer nicht als Feindbilder angesehen werden, sondern als Personen, die um Kinder bemüht sind und nicht nachmittags automatisch frei haben.

Mehr von Aachener Nachrichten