Eschweiler: Kindeswohlgefährdung: „Nicht immer sind Frühwarner zur Stelle“

Eschweiler : Kindeswohlgefährdung: „Nicht immer sind Frühwarner zur Stelle“

32.015 Mal mussten die Jugendämter in NRW im vergangenen Jahr einschätzen, ob das Wohl eines Kindes in Gefahr ist. Das waren laut dem Statistischen Landesamt 1,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor (2014: 31.612). Bei jedem achten Fall (3938) wurde eine akute Gefährdung des Kindeswohls festgestellt.

Der Kinderschutzbund in Essen schlägt laut Medienberichten Alarm: Immer mehr Kleinkinder und Säuglinge sollen Opfer von Gewalt sein. Wie aber sieht die Situation in Eschweiler aus?

Anne Weisser vom Kinderschutzbund registriert eine Zunahme von Gewalt gegen Kleinkinder. Allerdings sei das ihr persönlicher Eindruck aus vielen Jahren im Beruf. „Klar ist auch, dass die Herausforderungen für Eltern größer werden. Gerade Alleinerziehende sind heute immer öfter mit Kindern und Beruf mehrfach belastet”, sagt sie. Daher gebe es auch immer mehr Eltern, die sich beim Kinderschutzbund melden, um Hilfe zu bekommen.

Konkrete Zahlen für Eschweiler zeigen, zumindest aus Sicht der Polizei, dass wegen Gewalt gegen Kinder in der Vergangenheit selten eingeschritten werden musste. 118 Mal musste die Polizei 2015 wegen Körperverletzung ausrücken, davon zweimal wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, einmal wegen Misshandlung von einem Kind. 2014 gab es zwei solcher Fälle, 2013 keinen. „Das sagt natürlich nichts über die Dunkelziffer aus”, sagt Sandra Schmitz von der Polizei.

Die wird auch im Jugendamt der Stadt Eschweiler höher eingeschätzt. Dem Jugendamt Eschweiler wurde im vergangenen Jahr 147 Mal der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gemeldet. 2014 waren es 137, 2013 108 Mal. Stefan Pietsch, Abteilungsleiter des Sozialen Dienstes des Jugendamtes, betont aber, dass das noch lange nicht heißt, dass ein Kind in einem solchen Fall auch wirklich gefährdet war.

Meldet ein Arzt, die Schule oder ein Nachbar beim Jugendamt den Verdacht, dass ein Kind zum Beispiel vernachlässigt wird, wird der Fall besprochen. „Das geschieht dann sehr zügig, oft sogar am gleichen Tag”, erklärt Pietschs Stellvertreter Rolf Dahmen. Das Jugendamt entscheidet daraufhin, ob zum Beispiel ein Hausbesuch stattfindet.

Je nach Fall wird den betroffenen Familien Hilfe angeboten oder im Notfall das Kind vorübergehend aus der Familie geholt. „Wir befinden uns in einem ständigen Spagat zwischen unterstützen, helfen und — eben im Notfall — auch eingreifen”, sagt Pietsch. Viele Eltern seien der Unterstützung gegenüber allerdings aufgeschlossen. „Dass Eltern blockieren erleben wir eher selten”, sagt Dahmen.

Jugendamt und Kinderschutzbund haben bei Eltern schon lange nicht mehr den Ruf, eine Bedrohung zu sein, sondern sind gern angenommene Hilfe und Anlaufstelle. Früher lag der Schwerpunkt der Arbeit auf Trennungen und Scheidung von Eltern, heute habe er sich laut Dahmen mehr in Richtung Kindeswohl verschoben. Die Bekanntheit der Jugendämter sei gestiegen — auch durch einschlägige Fälle in den Medien. Die hätten allerdings auch zu einer erhöhten Sensibilität von Ärzten, Nachbarn und Angehörigen geführt.

Auch die Einführung des Paragrafen 8a in das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) im Jahr 2005, der sich mit dem Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung beschäftigt und die Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes 2012 habe in der Arbeit des Jugendamtes viel geändert. „Die Wahrung des Kindeswohls gehört inzwischen zu unseren Hauptaufgaben”, sagt Dahmen. Gerade wegen diesen Entwicklungen findet er es schwer, sich nur auf die statistischen Zahlen zur Kindeswohlgefährdung zu beziehen.

Es gibt sie aber immer noch, die Fälle, in denen das Jugendamt und andere Stellen viel zu spät merken, dass ein Kind in Gefahr war. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht”, sagt Pietsch. Und Dahmen ergänzt: „Nicht immer sind die Frühwarner zur Stelle.” Allerdings merken die Mitarbeiter im Jugendamt, dass die Präventionsarbeit vieler ineinander greifender Stellen Früchte trage, sagt Pietsch.

Der sozialmedizinische Dienst im Krankenhaus, die Mitarbeiter der „Frühen Hilfen”, die jede Familie mit Neugeborgenen in Eschweiler begrüßen sowie Schulen und Kitas arbeiten gemeinsam daran, Eltern und Kinder zu unterstützen. „Die Netzwerkarbeit stärkt uns”, sagt Pietsch. „Es sind oft die kleinen Wege, die wirken, ohne dass wir aktiv werden müssen.” Kinderschutz sei eine Aufgabe, die nicht nur das Jugendamt übernehme, sondern die ganze Gesellschaft. Insbesondere für Schulen im Ganztag haben sich in den vergangen Jahren die Anforderungen geändert.

Gerade der Ganztag werde immer mehr zum Lebensmittelpunkt von Kindern und Jugendlichen. „Es findet eine Verantwortungsverschiebung hin zu den Institutionen statt”, sagt Dahmen. Und gerade deshalb sei es wichtig, dass die vielen Institutionen wie Jugendamt, Schule oder Kinderschutzbund weiter ineinandergreifen und kooperieren.

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