Eschweiler: Kampf um die Medaillen - und um die Anerkennung

Eschweiler: Kampf um die Medaillen - und um die Anerkennung

Von technisch hochkomplexen, ultraleichten Karbonfeder-Prothesen, wie sie der südafrikanische 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius bei den heute startenden Paralympics in London der Welt vorführen wird, hat Helmut Comos nicht mal träumen können.

„Meine erste Prothese war ein Klotz aus schwerem Holz. Der baumelte an so einer Art Hosenträger”, sagt der heute 74-Jährige. Mittlerweile ist seine Gehhilfe deutlich moderner - und von einer erfolgreichen Sportlaufbahn hat ihn die Amputation ohnehin nie abgehalten. „Wir Behinderten können halt was”, sagt er mit Blick auf die Wettkämpfe. „Ich seh da gar keinen Unterschied zu den Olympischen Spielen. Anstrengen kann sich doch jeder!”

Bei dem Vorsitzenden der Eschweiler Behinderten-Sportgemeinschaft (BSG) war das jedenfalls immer so. Fünf Jahre alt war er, als er unter eine Straßenbahn geriet. Ein Bein wurde zerquetscht und musste abgenommen werden, der Wille aber wurde nicht zerschmettert. „Ich wurde ein richtiges Sport-As in der Schule”, erinnert sich Comos. Ob auf dem Völkerball-Feld oder im Fußball-Tor - der Junge war gefragt. „Aber auf meinem Zeugnis stand lustigerweise immer nur: Vom Sport suspendiert.”

Heute kann er etliche Urkunden vorweisen, die ganz anderes belegen. In den 70er Jahren wurde er als Schwimmer Deutscher Meister über 50 Meter Brust. 1989 hat er als Trainer die Eschweiler Faustballer zum Deutschen Meistertitel geführt, auch im Fußballtennis, beim Prellball und Bosseln hat er munter mitgemischt. „Es gibt eigentlich keine Sportart, die ich nicht gemacht habe”, sagt er. „Jeden Tag Training und samstags immer reichlich Turniere.” Das waren gute Zeiten. Die sind vorbei.

Den alten Tagen hängt auch Bertold Graaf nach. Der Kassierer der BSG hat ebenfalls ein Bein verloren aber viele Titel gewonnen, unter anderem mit der Kegelmannschaft. „Es gab mal eine Zeit, da hatte unser Verein 140 Mitglieder.” Heute sind es noch knapp 30. Klar, meint er, auch andere Vereine haben Nachwuchssorgen. Doch Behinderte hätten es doppelt schwer, denn ihnen fehle häufig die Lobby.

Als der Verein nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als Gemeinschaft für Kriegsversehrte gegründet wurde, sei das noch anders gewesen. Später wurde es stiller um Sportler mit einem Handicap. Und heute? „Ich finde es super, dass die Tickets für die Wettkämpfe bei den Paralympics ausverkauft sind”, sagt Helmut Comos, „das ist ein richtig gutes Zeichen. Vor 20 Jahren mussten sie bei den Wettkämpfen die Sitzreihen in den Stadien oft mit Schulklassen auffüllen, damit das da nicht so leer aussah.”

Beide Vorstandsmitglieder hoffen nun darauf, dass die gestiegene Aufmerksamkeit bei den Paralympics ihrem Verein frischen Wind in die Segel bläst. Helmut Comos will selbst weiterhin fleißig für den Sport werben.

Im kommenden Jahr tritt er an, um zum 50. Mal das Deutsche Sportabzeichen zu erwerben. „Wir Behinderten sind im Sport vielleicht besonders ehrgeizig”, sagt er. „Wir kämpfen ja nicht nur um die Medaillen - wir kämpfen immer auch um Anerkennung und eine Selbstbestätigung!”